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Bürgerlicher realismus

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Die väterliche Norm



In Heinrichs Vater hat Keller indirekt ein positives Gegenbild zu seinem Romanprotagonisten entworfen. Der Vater ist Steinmetz und Baumeister und damit als eine Figur konzipiert, die im Sinne einer bürgerlichen Arbeits- und Künstlerauffassung Kunst, Handwerk und beruflich-bürgerliche Tätigkeit als Beitrag zur sozialen Gemeinschaft vereinbaren konnte. Als solche verkörpert er - ungeachtet der Tatsache, dass er abwesend ist - eine gelungene bürgerliche Identität und künstlerische Existenz im Rahmen der sozialen Gemeinschaft.1" Im Gegensatzpaar Vater-Sohn diskutiert Keller 50 Jahre vor Thomas Mann den Dualismus zwischen Künstler und Bürger sowie die Möglichkeiten des Künstlcrtums innerhalb einer bürgerlichen Gesellschaft. Mit dem Werdegang des Vaters wird innerhalb des Romans ein zweiter Bildungsgang erzählt, der im Unterschied zu Heinrichs Entwicklung jedoch auf eine gelungene Sozialisation hinausläuft. Damit dominiert er den gesamten Roman, denn zu jedem Zeitpunkt steht seine Biogratle als eine exemplarische bürgerliche Entwicklung dem Werdegang und Scheitern Heinrichs entgegen.
      Der Vater entstammt einer armen Bauernfamilie, er erlernt das Handwerk eines Steinmetzen und bildet sich dann in Wanderjahren zum Baumeister und Architekten aus, erlernt mithin einen Beruf, mit dem er die künstlerische mit einer handwerklichen Tätigkeit verbinden kann. Er heiratet die Tochter eines Landpfarrers und bringt es mit Fleiß, Arbeitsethos, aber auch sozialer Umsicht zu Ansehen und bescheidenem Wohlstand. Zudem ist er politisch tätig, er engagiert sieh für den vom Bürgertum getragenen Liberalismus, sowohl in der Politik als auch im Bildungsbereich, in der Domäne des Bürgertums im 19. Jahrhundert. Er stellt sich damit in den Dienst der bürgerlichen Gesellschaft: Im Sinne des bürgerliehen Wertekanons kämpft er um die Verbesserung des Schulwesens, gründet Bildungsvereine, organisiert Lesezirkel und Theateraufführungen. Sein früher, unerwarteter Tod darf keineswegs als eine Absage an seinen Werdegang und an sein Engagement gelesen werden; auch 'dementiert er nicht den ,Sinn' der Bildung", wie Gerhard Plumpe behauptete." Sicherlich werden in Verbindung mit dem Werdegang des Vaters die Möglichkeiten von Bildung und künstlerischem Handwerkertum unter den Bedingungen einer zunehmend nach ökonomischen Belangen entscheidenden Gesellschaft diskutiert. Dennoch hat dieser frühe Tod des Vaters romantechnische Gründe - von autobiographischen Parallelen ganz abgesehen; in der Figur des abwesenden Vaters wird dem jungen Heinrich stets ein Korrektiv zu seiner eigenen Lebens- und Handlungsweise zur Seite gestellt. Der abwesende Vater ist zum einen die Norm, an der die Fehlleistungen und Fehlgänge des Sohns markiert werden können; nur als abwesender Vater kann Keller die alternative Entwicklung des Sohnes überhaupt vorführen und diskutieren, ein lebender Vater hätte vermutlich den Bildungsgang seines Sohnes maßgeblich geprägt und begleitet. Das frühe Ableben des Vaters ist die Voraussetzung für Heinrichs Desillusionsgang, für die Diskussion um die Gegensätze zwischen Realität und Imagination, Wirklichkeit und Phantasie, zwischen einem Leben als Bürger und als Künstler. Sein Vater, so ist zu vermuten, hätte seinem Sohn andere Perspektiven vermittelt und als Vaterinslanz andere Prioritäten im Leben seines Sohnes gesetzt, als dies die Mutter und eine restriktiv verfahrende Dorlgemeinschafl vermocht haben. Die Kollision mit Instanzen wie Schule und Kirche wäre sicherlich weniger hart ausgefallen, die Entwicklung Heinrichs eine andere gewesen. Insbesondere der Gegensatz zwischen Heinrichs Anlagen zum Künstler und dem Unverständnis der Mutter für die Interessen und Neigungen ihres Sohnes wären durch die Anwesenheit des Vaters weniger deutlich ausgefallen. I leinrichs Neigung zu Phantasie, Traum und Imagination wäre sodann in andere, zwischen beiden Polen vermittelnde und versöhnende Bahnen gelenkt worden. Doch Keller geht es primär nicht um die Vorführung des harmonischen Werdegangs eines Individuums, an dessen linde, aber auch in dessen Verlauf die in beiderseitigem Hinverständnis vollzogene Integration eines Individuums mit seinen subjektiven Bedürfnissen in die soziale Gemeinschaft steht. Die zwischen künstlerischem Individuum und bürgerlicher Gemeinschaft klaffende Diskrepanz, die sicherlich auch Keller erfahren hat, ist das Thema seines Romans, aber auch die Notwendigkeit, sie zu überwinden. Dass er den Konflikt in der ersten Fassung ohne Auflösung umrissen, in der zweiten jedoch zugunsten der Gemeinschaft und der Integralionslahigkeit und -Willigkeit eines Individuums entschieden hat, verweist nicht zuletzt auf Kellers eigene Sozialisa-lion in die bürgerliche Gesellschaft.
     

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