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Bürgerlicher realismus

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Die Kunst als Bildlingsmoment



Keller führt so in seinem Roman implizit auch eine ästhetische Diskussion um die Möglichkeiten des romantischen und des realistischen Schreibens, um Romantik und Realismus. Innerhalb dieser poetologischen Debatte wird dem romantischen Kunstkonzept eine Absage erteilt, die in ihrer Terminologie an die Formulierungen Ereytags und Schmidts in den Grenzboten erinnert: So heißt es z.B. über den Künstler Habersaat, Heinrichs ersten Lehrer, dieser:
[...] hegte |...| nur noch eine einzige Tradition, |...| nämlich die des Sonderbaren und Krankhaften, was mit dem Poetischen oder Malerischen und Genialen verwechselt wurde. Er wies mich an, hohle, zerrissene Wiedenstrünke, verwitterte Bäume und abenteuerliche Felsgespenster aufzusuchen mit den bunten Farben der Fäulnis und des Zerfalles, und pries mir solche Dinge als interessante Gegenstände an. Dies sagte mir sehr zu, indem es meine Phantasie reizte, und ich begab mich eifrig auf die Jagd nach solchen Erscheinungen. Doch die Natur bot sie mir nur spärlich, sich einer volleren Gesundheit erfreuend, als mit meinen Wünschen verträglich war, [...]; fand ich eine recht abgelegene und geheimnisvolle Stelle, so ließ ich mich dort nieder und fertigte rasch eine Zeichnung eigener Erfindung an, um ein Produkt nach Hause zu bringen. In derselben häufte ich die seltsamsten Gebilde zusammen, die meine Phantasie hervorzutreiben vermochte.
Bei seinem zweiten Lehrer, dem Landschaftsmaler und Aquarellisten Römer wird Heinrich in das Malen 'nach der Natur" eingeweiht, so dass er kaum mehr als das Abmalen von Gegenständen zustande bringt. Erst mit dem Kunstverständnis des holländischen Malers Ferdinand Lys, mit dem sich Heinrich während seines Münchener Aufenthalts anfreundet, wird eine positive Form realistischer Malerei, eine gelungene Form von Realismus umschrieben. In der Person von Lys beschreibt Keller die Verbindung zwischen beiden Kunstrichtungen, zwischen naturalistischem Abschildern und dem Entwurf phantastischer Welten. Mit einem solchen Kunstkonzept präzisierte Keller die objektives Beschreiben und subjektive Deutung gleichermaßen umfassende Ã"sthetik des Bürgerlichen Realismus:
Er wurde ein Realist und gewann von Tag zu Tag eine solche Kraft und Tiefe in der Empfindung des Lebens und des Menschlichen, dass die Ãoberlieferungen seiner Jugend und Schülerzeit dagegen erbleichen mussten.
In der Rede von der 'poetischen Gerechtigkeit", von der Berechtigung der auktorialen Erfindung, die ein realistisches Schreiben überhaupt erst legitimiere , hat Keller diese Auffassung sodann nochmals explizit auch im Hinblick auf das literarische Medium bekräftigt.
      Doch auch die Konfrontation mit der Lysschen Kunstauffassung bringt Heinrich in seiner Entwicklung als Künstler nicht weiter: Dies liegt nicht zuletzt daran, dass der Roman Kunst in ihrer Bedeutung als Bildungsinstitution und Bildungsmoment innerhalb des Reifeprozesses eines Individuums wenn nieht gänzlich negiert, so doch entscheidend relativiert. Die Vorstellung von Kunst als einem Bildungsmedium, an dem das Subjekt reifen und zu einem harmonischen Verhältnis zur Gesellschaft linden kann, wird von Keller verabschiedet. Freytag hatte diesen Komplex in Soll und Haben gar nicht erst thematisiert und damit bereits die spezifische Tendenz des Bildungs- und Entwicklungsromans des Bürgerlichen Realismus festgelegt. Das Moment der Desillusionierung geht mit Kellers Erkenntnis einher, dass reines Künstlertum als Lebensform, indem es die Verbindung von individuell-subjektiven und gesellschaftlich-sozialen Ansprüchen nicht zulässt, keinen Bestand hat. Die Verschränkung von Kunst als Verwirklichung des Selbst, als authentische Expression der eigenen Empfindungen mit einer sozialen Funktion von Kunst als Kommunikationsmittel genau diese Verbindung gelingt Heinrich nicht, ungeachtet der Tatsache, dass er für beide Tendenzen Lehrer und Vorbilder hatte: In dieser Unfähigkeit zur Versöhnung der subjektiven mit den sozialen Anteilen von Kunst liegt sein Scheitern begründet. Indem Heinrich Malerei zunächst als Verlängerung seiner Imaginationen und Tagträume versteht, scheitert er; doch auch mit seinem zweiten Anlauf, seiner Hinwendung zum Programm einer realistischen Kunst, kommt er zu keiner gefestigten Position. Heinrichs künstlerischer Werdegang miss-lingt, sein Lebensziel, ein Landschaftsmaler zu werden, kann er nicht einlösen. Dieses Verfehlen des gesetzten Ziels korrespondiert dem gesamten Fehllauf von Heinrichs Bildungsgang: Weder entwickelt er sich zu einer gebildeten und gereiften Persönlichkeit, noch vermag er am Ende seiner Entwicklung einen harmonischen Ausgleich zwischen den eigenen Bedürfnissen und der Gesellschaft einzulösen. Damit gibt Keller die Kunst als das entscheidende Bildungsmoment innerhalb des Reifeprozesses eines Individuums in Absetzung von Goethes Wilhelm Meisler auf. Der Verdacht liegt nahe, dass er die Meinung und Hoffnung seines Protagonisten, über den Beruf des Malers zu bürgerlichem Erfolg, finanziellem Aufstieg und sozialer Reputation zu gelangen2', desavouiert. Damit wären indirekt auch die Romantik endgültig verabschiedet und die romantischen Anteile von Kellers Roman am Ende erfolgreich zurückgedrängt.
     

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