Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Bürgerlicher realismus

Index
» Bürgerlicher realismus
» Die Phase des programmatischen Realismus (1848-1870)
» Bürgerliche Leistungsethik und jüdischer Materialismus

Bürgerliche Leistungsethik und jüdischer Materialismus



Die Entwürfe der adeligen Welt ebenso wie die Schilderung der jüdischen Kaufmannskreise dienen in Soll und IIahen vornehmlich der Benennung und Abgrenzung des spezifisch Bürgerlichen der bürgerlichen Welt und Mentalität im Vergleich mit nicht-bürgerlichen Lebensformen und Klassen. Die Ãobereinstimmung des Helden mit seinem bürgerlichen Milieu wird dabei zu keinem Zeilpunkt in Frage gestellt; problematisch gestaltet sich allenfalls das Verhältnis des Protagonisten zu anti-bürgerlichen Schichten und Lebensformen, neben den bereits erwähnten Adeligen und der falsch verstandenen und gclebten Bürgerlichkeit der jüdischen Kaufmannsschicht wären hier die in strikter Abgrenzung zu den Deutschen beschriebenen Polen zu erwähnen. In Bezug auf die Slawen wird vermerkt, dass sie versuchten, 'sich durch ihre Kapitalien Menschlichkeit und Bildung zu erwerben" . Bildung wird also nicht ausschließlich ökonomisch fundiert, insofern steht Freytags Roman in der Tradition und Nachfolge von Goethes Wilhelm Meister. Vielmehr gehen Bildung und Besitz eine Symbiose ein, die zur Ausbildung sowohl einer nationalen als auch einer bürgerlichen Identität fuhren soll. Die wichtigsten Bildungsinstitutionen sind dabei Familie, die berufliche kaufmännische Betätigung, aber auch die Konfrontation mit dem Adel und dem jüdischen Bürgertum, die die positiven Eigenschaften des Helden Anton Wohlfart ebenso wie das Selbstverständnis des Bürgertums erhellen sollen. In Absetzung von diesen nicht-bürgerlichen Gruppierungen wird das Bürgertum als ein Stand vorgestellt, welcher ' repräsentiert.
      Dennoch war Freytag mit der Schwierigkeit konfrontiert, das Leben eines bürgerlichen Kaufmanns poetisch darzustellen und plausibel zu machen, dass der Weg ins Kontor ein Bildungsgang sein kann; in der Nachfolge des Wilhelm Meister bestanden durchaus Zweifel an der Möglichkeit einer humanen Selbstverwirklichung im Leben eines Kaufmanns. Und tatsächlich kann auch Freytag diese Zweifel nicht ausblenden, letztlich bleibt der Roman 'den entscheidenden Nachweis schuldig, daß man diese menschlichen Qualitäten im Alltag bürgerlicher Arbeit erwerben kann". Dass Wohlfart in seiner alltäglichen Umgebung überhaupt humanitäres Handeln ausbilden kann, liegt, ungeachtet von Freytags Behauptung der poetischen Qualität des Geschäftslebens, einzig in genau jenen Gesprächen, durch die im Roman die Prosa der Berufsarbeit unterbrochen wird, und damit letztlich in den Begegnungen mit dem Adel. So eignet er sich etwa durch seine Begegnung mit einem Adeligen Sprachkenntnisse an. Seine entscheidenden Bildungser-lebnisse erfahrt Anton Wohlfart gerade nicht bei seiner geregelten beruflichen Arbeit im bürgerlichen Milieu.
      Auch in seinem Bemühen, die Vereinbarkeit von Humanität und Arbeit in der bürgerlichen, auf Leistung, Erfolg und Effektivität setzenden Leistungsgesellschaft einsichtig zu machen, ist der Autor weitgehend gescheitert. Angesichts der Tatsache, dass der Bürgerliche Realismus über das Verklärungspostulat sozusagen durch die Hintertür die Unterscheidung zwischen dem Prosaischen und dem Poetischen wieder einführte, war ein Grundkonflikt entstanden, den kein im Umfeld des Bürgerlichen Realismus schreibender Autor wird autlösen können. Freytag und Wilhelm Raabe im Hungerpastor, die frühen Bildungs- und Entwicklungsromane des Bürgerlichen Realismus also, scheitern, da sie diese Ambivalenz im Rahmen eines zeittypischen Antisemitismus zu lösen versuchen. Um die bessere Form einer bürgerlichen Erwerbstätigkeit und -well von einem modernen jüdischen Leistungsdenken und Kapitalismus abzuheben, Führen sie jüdische Kontrastfiguren ein; Wohlfart zeichnet sich durch stete Arbeit und redlichen Erwerbssinn aus die Eigenschaft des ,wohl fahrens', darf mit seinem Namen assoziiert werden: Mit Tapferkeit, Ehrgefühl, Anstand, Moral und Verlässlichkeit bringt er es zu Wohlstand und Ansehen. Der Jude Veitel Itzig dagegen, ebenfalls im kaufmännischen Gewerbe tätig, handelt gewinnsüchtig, ist übertrieben ehrgeizig, auch fehlen ihm moralisches Gewissen und ethische Grundsätze. Bezeichnenderweise versucht er sein Glück bei einem reichen Makler und Spekulanten, dem Juden Hirsch Ehrenthal. Er scheitert jedoch nach anlänglichen Erfolgen; der Autor lässt keinen Zweifel darüber aufkommen, dass er an seiner eigenen Unmoral zugrunde geht.
      So werden die negativen Aspekte einer ökonomisch fundierten Bürgerlichkeit, die Kapitalisierung und Industrialisierung der Gesellschaft dem Judentum angelastet . Da purer Materialismus keineswegs als positiv angesehen wird, jedoch die Realität ist, braucht man eine Negativfolie, die man in einem jüdischen Materialismus gefunden zu haben glaubt. So baut der Roman zum einen den Kontrast zwischen Adel und Bürgertum auf, und zum anderen den zwischen Bürgertum und Judentum, das mit Eigenschaften wie Hab- und Geldgier in Verbindung gebracht wird. Freytags erzählerischer Aufwand ist darauf ausgerichtet, zu belegen, dass das ökonomische und wirtschaftliche Agieren des Bürgertums sich strikt von einem jüdischen Materialismus unterscheidet. Den Nachweis dieser These führt Freytag primär unter Verweis auf die nationale Ausrichtung des nichtjüdischen Bürgertums, des wirtschaftlichen Wirkens im Dienste der Nation und der nationalen Einheit. Die Erziehung zum guten Bürger meint bei Freytag die Ausbildung eines individuellen Handelns mit Blick auf die nationalen Interessen; der penetrante Verweis auf die nationale Qualität von Arbeit und Fleiß, die Rede von deutscher Arbeit und deutschen Werten, die Identifikation von bürgerlichen mit nationalen Werten machen die nationalistischen und antisemitischen Dimensionen des Buchs aus.
      Nahezu uneingeschränkt wird hier der Bonus der Humanität dem Bürgertum zugeschrieben, wobei die Crux des Bürgertums, die Ambivalenz zwischen einem zunehmend inhuman agierenden Kapitalismus und der bürgerliehen Forderung nach dem Humanen und gesellschaftlich Ausgleichenden ähnlich wie später bei Raabe im llungerpastor und auch bei Fontane über die Einführung des jüdischen Kaufmanns bewältigt wird. Mit der Emanzipation und Assimilation der Juden seit dem 18. Jahrhundert ergab sich für das nichtjüdische Bürgertum die Möglichkeit zur Abgrenzung bürgerlicher Wirtschaftspraktiken von einer jüdischen Praxis der Geschäfts- und Handelsformen: Die negativen Elemente der Kapitalisierung des gesellschaftlichen, privaten und familiären Lebens schreibt man dem jüdischen Bürgertum zu, die hässlichen Seiten des Erwerbslebens sucht man mit der Identifizierung von Judentum und Modernität zu erklären.' Diese Verbindung von ungehemmten Fortschrittswillen im ökonomischen Bereich und Judentum entlastet die nichtjüdischen Trägersehichten des modernen bürgerlichen Wirtschaftssystems ganz erheblich von dem Verdacht, für die inhumanen Folgen der kapitalistischen Entwicklung verantwortlich zu sein.
      Dass Freytags Roman nicht ohne strikte Abgrenzung zum Adel und zur Arbeiterklasse, aber auch zum Judentum und zu anderen Nationen auskommt, liegt also weniger in einem Antisemitismus und in der Polenl'eind-lichkeit Gustav Freytags als in der Programmatik des Bürgerlichen Realismus begründet. Denn um 'das Dargestellte für seine Zeitgenossen plausibel zu machen" sind seine Vertreter 'geneigt oder gezwungen" das zeitgenössische Realitätsbild 'partiell zu übernehmen". Renate Böschenstein hat darin zu Recht ein 'konstitutives Moment des realistischen Schreibens'" erkannt. Dass die Darstellung der bürgerlichen Leistungen und Verdienste mit der negativen Schilderung des Adels und des jüdischen Bürgertums einhergehen, macht die unübersehbaren und oft bemängelten Schwächen dieses Romans aus. Denn zwar waren die These von der Ãobcrlebthcit des Adels und der Protest gegen dessen alleinigen Führungsanspruch mehr als be-rechtigt; dennoch ist die Schwarz-Weiß-Malerei des Romans keine überzeugende Analyse und kein literarisches Mittel der Kritik. Die konstruierten Gegensatzpaare Bürger versus Adeliger, christlich-moralisch handelnder Kaufmann versus skrupelloser jüdischer Geschäftsmann, deutscher Bürger versus polnischer Prolet wirken zumindest aus heutiger Sicht als ein Propagandamittel, das Freytag den Ruf eines Antisemiten und Nationalisten einbrachte, was er vermutlich gar nicht war." Fr ist in diesem Punkt auch ein Opfer bürgerlicher Rechtfertigungsstrategien; die im Roman hinsichtlich der Berechtigung eines bürgerlichen Kapitalismus und der nationalen Verdienste des Bürgertums angebotenen Erklärungsmuster spiegeln den allgemeinge-sellschaftlichcn Bcwusstseinsstand sowie gängige kollektive Denkmuster der Zeit wider. Die bürgerliche Klasse und Mentalität sowie die bürgerliche Arbeits- und Lebenswelt werden mit dem Hinstehen für die deutsche Nation und einen noch zu schaffenden deutschen Nationalstaat verbunden, denn Freytag geht es auch um die Ausbildung des deutschen Nationalcharakters, den die Juden nicht repräsentieren. Bürgerlichkeit und deutscher Nationalismus sind in Freytags Roman untrennbar miteinander verbunden.'"
So kommt bereits dieser erste Roman des Bürgerlichen Realismus nicht ohne die verklärende Ignoranz bestimmten Themen gegenüber aus. Denn die zeitgenössische Wirklichkeit, die Schattenseiten der vom Bürgertum forcierten Industrialisierung und Kapitalisierung der Lebenswelt bleiben unberücksichtigt. Dass Freytag sich allerdings nicht mit der Ausklammerung der negativen Begleiterscheinungen der Kapitalisierung der Gesellschaft im Namen ihrer Verbürgerlichung zufrieden gab, sondern diese mit der Existenz einer jüdischen Kaufmannsschicht zu erklären suchte, macht die unübersehbare Schwäche des Romans aus und brachte diesem zu Recht den Vorwurf des Antisemitismus ein.
     

 Tags:
Bürgerliche  Leistungsethik  jüdischer  Materialismus    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com