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Bürgerlicher realismus

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Adelige Unmoral versus bürgerliche Solidität



Anders als im jungdeutschen Roman, beispielsweise im Unterschied zu Karl Gutzkows Die Riller vom Geiste , geht es Freytag mithin auch nicht um den Entwurf eines umfassenden Zeitbildes oder eines Panoramas der gesamten Gesellschaft. Vielmehr konzentriert er sich auf die bürgerliche Lebenswelt, die Einblick in das familiär-private als auch in das bürgerliche Berufs- und Arbeitsmilieu gewährt und damit zugleich bürgerliche Normen und Werte vermittelt. Diese Intention macht Freytags Roman nicht nur zu einer Propagandaschrift des deutschen Bürgertums, sondern auch zu einem historischen Dokument, das zuverlässig Auskunft gibt über den Wertehorizont und Handlungsrahmen der bürgerlichen Schicht in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Allerdings stehen hinter diesem Versuch handfeste politische Intentionen, es geht um mehr als Sclbstrepräsentation, der Roman zielt auch auf Selbstbestätigung: Die Schilderung von Anton Wohlfarts Werdegang wird mit dem Anspruch auf die führende Rolle des Bürgertums innerhalb des Staatssystems verbunden. Durch seine Arbeitsleistung und ökonomische Vormachtstellung sieht so die klar formulierte Botschaft des Romans an die Adresse des Adels das Bürgertum sein Recht auf politische Mitsprache nach wie vor gegeben, ungeachtet der Tatsache, dass man mit diesem Versuch 1848 gescheitert war. Unterstützt wird dieses politische Begehren mit der Demonstration von Selbstbewusstscin und Eigenverantwortlichkeit, die mit dem Hinweis auf die Leistungen im wirtschaftlichen Sektor begründet werden. Auch der stete Verweis auf das Nationalbewusstsein des Bürgertums innerhalb des Romans untermauert den staatlichen Führungsanspruch oder zumindest die Forderung nach Beteiligung an der politischen Macht. Die patriarchalische Ordnung und Mentalität des Bürgertums sind, so die zentrale Aussage des Romans, dem Adel überlegen. Dieser wird als lebensuntüchtig, aufgrund seiner Bedeutungslosigkeit im ökonomischen Bereich aber auch als überlebt und anachronistisch beschrieben; damit ist zugleich der politische Führungsanspruch der Aristokratie in Frage gestellt.
      Soll und Haben beschreibt die Entwicklungsgeschichte Anton Wohlfarts; detailliert wird über seinen weiteren Werdegang berichtet, eine Schilderung, die sich sowohl auf den spezifischen Bildungs- beziehungsweise Ausbildungsgang bezieht, sich zudem aber auf den allgemeinen Entwicklungsgang des Helden einlässt. Wohlfarts Lebensweg ist von vielen Wirren und Irrungen gekennzeichnet, ein Schema, das bereits die Nähe dieses Werks zum Genre Bildungs- und Entwicklungsroman indiziert. Dabei übt die Adelswelt zeilweise, insbesondere durch Lenore von Rothsattel, große Faszination auf den Helden aus. Seine Tätigkeit im Dienste des Freiherrn von Rothsattel lührt ihn ins Grenzgebiet zu Polen, dort wird er in die Auseinandersetzungen zwischen Polen und Deutschen hineingezogen. Auf diese Annäherung folgt jedoch die Distanzierung, Wohlfart erkennt, dass der Adel sich moralisch, aber auch ökonomisch überlebt hat. Er kehrt zu einer soliden kaufmännischen Lehre und in das bürgerliche Handelshaus Schröter zurück; die Heirat mit der Schwester des Geschäftsinhabers beschließt den bürgerlichen Konsolidierungsgang des Protagonisten.
      Wie angesprochen steht der Roman in der Tradition des Bildungs- und Entwicklungsromans. Der Zielsetzung des Bürgerlichen Realismus entsprechend ist der beschriebene Entwicklungsgang vornehmlich im bürgerlichen Milieu situiert, was auch heißt, dass der Held nicht mehr, wie noch Goethes Wilhelm Meisler, im Umgang mit Adeligen reift und sich bildet; auch wird der Adel nicht als eine kunslzugewandte, kunstfordernde Schicht und damit als eine Bildungsinstitution vorgestellt, die eine wesentliche Bildungsstation auf dem Entwicklungsweg des Helden ausmacht. Vielmehr dient die Konfrontation des Helden mit dem Adligen Freiherrn von Rothsattel dazu, bürgerliche Werte, Tugenden, Lebens- und Verhaltensweisen herauszuarbeiten oder deutlicher hervortreten zu lassen. Auch nutzt Freytag das Zusammentreffen mit dem Adel dazu, seinen Helden Anton Wohlfart im Zuge seines Kontaktes mit Rothsattel in seiner Identitätsfin-dung und -bildung zu bestärken. Beharrlich verweist Freytag auf die Fehler und Fehltritte des Adels, die er vor allem im fehlenden Gemeinsinn des Adeligen Rothsattel zu linden glaubt. Der Adel wird als eine überlebte, parasitäre, durch Nichtstun, Unmoral und Frivolität gekennzeichnete Schicht vorgestellt, deren künftige Existenz mehr als fragwürdig erscheint.
      Dieses Kontrastschema wird mit Blick auf die Programmatik des Bürgerlichen Realismus verständlich, immerhin geht es um die Vermittlung bürgerlicher Werte und um die Selbstdarstellung des Bürgertums als Wertegemeinschaft ebenso wie als gesellschaftliche Klasse innerhalb des politischstaatlichen Gefüges. Mit der Festlegung des Bildungsgangs auf einen bürger-liehen Ausbildungsgang gerät der Roman zu einer Idealisierung des mittelständischen deutschen Bürgertums, dem es nicht zuletzt auch um die 'Poesie des Geschäfts"', um die Poetisierung der bürgerlichen Lebenswelt, des Kontors und des Handelshauses also, zu tun ist.
      Zwar blieb Freytags Entscheidung für einen zeitgenössischen Realismus nicht unumstritten: Emil Kuh z.B. kritisierte in einem Brief aus dem Jahr 1856 an Friedrich Hebbel Freytags Versuch, die 'Sphäre der Commis und Buchführer zu glorifizieren" und lehnte den Roman als einen 'rein wissen-schaftlich-amtliche[n] Act" ab:
Unglaublich ist die Frechheit, nur beweisen zu wollen, dass Calebohnen, Farbsalz und Ochsenhäute eitel Poesie wären, colossal die Unverschämtheit, mit welcher der Christus des Leipziger (irenzboten Johannes [Gustav Freytag; S.B.] auf die Märchen- und Sagenwelt bei jeglichem Anlasse, der ihn in der 'Geschäftswelt" geboten wird, herabblickt.
      Doch Freytag konzipierte seinen Roman wobei er sicherlich auch vom jungdeutschen Zeitroman profitierte in Ãobereinstimmung mit der Programmatik des Bürgerlichen Realismus. Der Zustimmung der in diesem Umfeld wirkenden Autoren konnte er sich mithin sicher sein. Freytags Erfolgsroman wurde als der erste im Sinne des neuen Realismus verfasste Roman begrüßt, unter anderen von Theodor Fontane. 'Wahr", sei sein Roman, so erklärte Freytag, 'nach den Gesetzen des Lebens und der Dichtkunst erfunden". Fontane hob denn auch in seiner hinsichtlich einer positiven Rezeption des Realismus richtungweisenden Rezension des Romans vor allem den Realitätsgehalt des Romans hervor: das Romangeschehen sei plausibel, alle Handlung erklär- und nachvollziehbar, das Erzählte sei zu keinem Zeitpunkt zufällig oder phantastisch. Dieses Prinzip der Plausibilität und Kausalität der Handlung veranlasste Fontane zu dem Urteil, der Roman sei die 'erste Blüte des modernen Realismus".''

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