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Züricher Novellen (I878)



Mit den Züricher Novellen aus dem Jahr 1878 führt Keller die Tendenz des zweiten Teils seines Seldwylcr Novellenzyklus fort. In ihm wird ein nachahmenswertes bürgerliches Verhalten und Handeln entworfen, wobei es Keller zugleich um den Entwurf eines Menschenbildes geht, das sozial integrierend wirkt und humanistische Aspekte exponiert. Keller arbeitete seit 1861 an seinem zweiten Novellenzyklus; dessen Entstehung steht mithin in Zusammenhang mit seiner Ãobernahme eines Amtes als Staatsschreiber der Stadt Zürich. Diese Amtstätigkeit endete im Jahr 1876, die Novellen wurden 1877 veröffentlicht. Im Gegensatz zu den Seldwyla-Gcschichten geht es in den Züricher Novellen um die Darstellung eines 'positivefnj Leben[s]".5? Ihre literaturdidaktische, nationalpädagogische Ausrichtung ist wesentlich ausgeprägter als im ersten Novellenzyklus, was insbesondere durch die Rahmengeschichte zum Ausdruck kommt: Es gehe, so lässt Keller seine Leser in der Erzählung Hadlauh wissen, um die Erziehung des Protagonisten zum 'vorbildlichen Bürger".

     
   Das individualistische Programm der Romantik, mit dem Keller in seinem Grünen Heinrich gerungen hatte, scheint in den Züricher Novellen endgültig verabschiedet. Wiederum thematisiert Keller explizit jenen Grundsatz, den er als die Basis einer bürgerlichen Gesellschaft etabliert wissen möchte: Im Mittelpunkt auch der individuellen Interessen hat das Gemeinwohl zu stehen, das politische und soziale Gemeinschaftsgefühl ist mit egoistischen, nur individuell-privaten Aktivitäten nicht vereinbar. Dementsprechend reklamiert Keller das öffentliche Engagement des Einzelnen und ein an den Interessen sowie am Wohl der Gemeinschaft orientiertes Handeln als verpflichtend. Zwar erfordert ein solches Handeln die Unterordnung des Individuums unter die kollektiven Ansprüche. Das Kollektiv jedoch wird als eine soziale und humane Wertegemeinschaft verslanden, die die Interessen des Einzelnen ohnehin in sich aufnimmt. So geht es in Kellers Entwurf um die Rcalwerdung jener von der Weimarer Klassik als Ideal gedachten klassisch-humanistischen Gemeinschaft.
      Die Einlösung dieser Idee des bürgerlichen Liberalismus sieht als Voraussetzung das Sich-Einlügen des Einzelnen in die Gemeinschaft vor. Kein anderer Autor hat diese bürgerliche Idee nachhaltiger formuliert als Keller. Eine solche Akzentuierung mag mit dessen Schweizer Nationalität zusammenhängen; doch sie darf auch ein Blick auf Theodor Storms und Wilhelm Raabes Werke verdeutlicht dies als eine programmatische Tendenz der Literatur des gesamten Bürgerlichen Realismus verstanden werden. In einer auf humanistischen Werten basierenden Gemeinschaft, wie sie innerhalb der bürgerlichen Ideologie vorgesehen war, bedeutete eine solche Unterordnung jedoch nicht die Unterwerfung des Subjekts zu Lasten seiner Autonomie und Persönlichkeit; vielmehr zielte diese Gewichtung auf die Ergänzung des Individuums durch die Gemeinschaft.
      Kellers Blick gehl dabei in die Vergangenheil der Stadt Zürich, der Bezug zur Gegenwart bleibt allerdings erhalten. War der Novellenzyklus Die Leute von Seldwyla zeitlich und örtlich nicht näher bestimmt, so präzisiert Keller in den Züricher Novellen die konkrete und historische Realität. Im Unterschied zum fiktiven Seldwyla bildet die freie Stadt Zürich den authentischen Hintergrund für das als nachahmenswert vorgeführte bürgerliche Verhalten: Damit wendet sich Keller einem konkreten gesellschaftlich-geschichtlichen Lebensraum und historischen Kontext zu. Die Novellen weiten sich so zu kulturhistorischen Beschreibungen aus; sie begründen zum einen den Realismus der Darstellung, zum anderen aber auch Kellers Beitrag zum historischen Erzählen des Bürgerlichen Realismus.
      Die Handlungen spielen zumeist im Züricher Stadtbürgertum der Reformationszeit. Zwar darf dieser zweite Novellenband als Kellers Beitrag zur Schweizer Nationalgeschichte gelten, Keller verfolgt ein nationalpädagogisches Interesse, das durch den direkten Bezug auf die Schweizer Geschichte zum Ausdruck kommt; daneben wird jedoch das Idealbild einer national nicht fixierbaren bürgerlichen Gesellschaft erarbeitet. Ungeachtet der nationalen Zielsetzung geht es Keller auch in den Züricher Novellen um den Entwurf eines Idealbildes des bürgerlichen Lebens, das dem


Volk vorgehalten wird; ein wesentliches Moment dieses Ideals ist das Aufgehen der privat-persönlichen Interessen in der Gesellschaft und im Staatswesen.
      Denn im Zentrum stehen auch hier die Industrialisierung der Gründerjahre, zudem aber die Angst vor der Zukunft, die Kellers Blick in die Vergangenheit wesentlich bestimmt haben dürfte. Es ist ein Blick, der den positiven Entwurf einer besseren Vergangenheit und funktionierenden bürgerlichen Gemeinschaft impliziert. Ausgrenzung und Sonderlingswesen stehen der Erfüllung eines bürgerlichen Lebens in der Mitte der Gesellschaft und des Staats sowie innerhalb einer sozialen Gemeinschaft entgegen. Zwar findet hierbei weiterhin die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft und des Bürgertums Beachtung; diese wird von einer binnenkritischen Position aus als die Abstiegsgeschichle einer sozialen Schicht vorgeführt. Etwa wenn sich Keller gegen die bürgerliche Ratiokultur wendet, gegen die im Bürgertum dominierende Verstandesherrschaft und gegen ein utilitaristisches Nützlichkeitsdenken, das die bürgerlich-humane Tradition verdrängt. Doch im Gegensalz zu den skeptischen, ja tragischen und satirischen Novellen der Leute von Seldwyla gestalten die Züricher Novellen in positivem Sinn Kellers Grundaussage: 'Was ewig gleich bleiben muß, ist das Bestreben nach Humanität"." Dieser Grundüberzeugung entsprechend führt Keller die Gemeinschaft als das Ziel jeglichen individuellen Handelns, und das meint auch die grundsätzliche Vereinbarkeit von bürgerlichem Erfolg, Bürgerleben, Tüchtigkeit und sinnlicher Erfüllung in einer Künstlerexistenz vor.
      So zentrieren sich die Geschehnisse der Novellen, vor allem in Hadlaub, in Das Fähnlein der sieben Aufrechten und Ursula um das Volk als geschichtlich-politischer Größe, aber auch um das einzelne Individuum, dessen positive 'Originalität"â"¢ in seiner sozialen Kompetenz zu ermessen ist. Was in der ersten Fassung des Grünen Heinrich eher vage zum Ausdruck gebracht wurde, steht nun im Mittelpunkt: die Erkenntnis nämlich, dass die Ansprüche der Gesellschaft wichtiger sind als die des Individuums, eine Einsicht, die sicherlich auch mit Kellers Ãobernahme eines staatlichen Stadtschreiberamts zu tun hat. Der Einzelne ist vor der Gesellschaft verantwortlich, er wird als der staatstragende, politische Mensch entworfen; nach der sozialen Verantwortung bemessen sich sein sittliches Gewissen sowie seine ,Originalität'. Mit der Exponierung dieser Aussage hat Keller letztlich die Wendung gegen die erste Fassung seines Grünen Heinrich bekräftigt: In den Züricher Novellen spielt die Künstlerproblematik keine große Rolle mehr; Originalität besitzt stattdessen derjenige, der sich den Ansprüchen der sozialen Gemeinschaft stellt und ihnen nachkommt, werden diese doch als wichtiger angesehen als die Bedürfnisse des Individuums.
      Dementsprechend wird die Künstlerproblematik, die im Grünen Heinrich das zentrale Sujet ausmachte, zugunsten einer so definierten Originalitätsthematik zurückgedrängt. Man kann die thematische Tendenz der Züricher Novellen der Blick zurück in die Vergangenheit sowie die Präzision und Neubestimmung der Originalität eines Menschen in einer weniger poetischen denn pädagogischen Weise mit Kellers Resignation angesichts einer zunehmenden Industrialisierung erklären. Keller zufolge verhinderte die Industriegesellschaft eine individuelle Entfaltung im oben genannten Sinn. Der Entwurf eines auf die Zukunft verweisenden Idealbildes einer bürgerlichen Gesellschaft ist für Keller nicht mehr zu leisten, er setzt stattdessen auf ein poetisches Erinnern des Vergangenen.
      In seiner Novelle Das Fähnlein der sieben Aufrechten gibt sich der Schriftsteller Keller als Volkserzieher; die Novelle entwickelt sich thematisch um die Idee der Demokratie und des demokratischen Denkens und Handelns: Die Aufrechten das sind die öffentlich wirkenden Demokralen, deren Lebensbasis und Maxime Solidarität und Humanität sind; genau jene Werte also, die die bürgerliche Gemeinschaft ehedem für sich reklamiert hatte. Ihnen stehen die ökonomischen Interessen einer Gesellschaft gegenüber, die sich ihres ethisch-moralischen Gewissens weitgehend entledigt hat. Die bürgerlich-revolutionären Ideale, Gleichheit, Humanität, Solidarität und der Gemeinschaftssinn, linden ihre Grenzen an den privatwirtschaftlichen Interessen. Gezeigt wird diese Entwicklung am Beispiel eines Unternehmers, eines Zimmermeisters, dessen Expansionsdrang die Interessen seiner Kinder sekundär werden lässt.
      Die ihm kontrastierende Figur ist der Schneider Ilediger, ein Angehöriger des Proletariats; diese Konstellation berührt zugleich die Situation der im Zuge der industriellen Revolution entstandenen Konfrontation zwischen Unternehmer- und Arbeiterschaft. Doch Keller ist bürgerlicher Realist, und so stattet er den zwischen Proletariat und Kleinbürgertum stehenden Schneider mit einem bürgerlichen Bewusstsein aus. Dieser akzeptiert die ,äußere Ungleichheit', wichtiger für ihn sei, so seine Worte, eine 'innere Gleichheit"5'' in einer Demokratie sowie politische Freundschaft. Die bestehenden Besitzverhältnisse und damit auch seine ökonomische Abhängigkeit erkennt er an, er pocht aber auf politische Freiheit. Mit der Einstellung dieser Figur nimmt Keller zwar vordergründig eine der bürgerlichen Realpolitik' entgegen gesetzte Rangordnung vor, in der man sich politisch dem Adel unterordnete, weil man im Gegenzug ungehindert die eigenen wirtschaftlichen Interessen und Ziele verfolgen konnte. Hedigers Ãoberzeugung, dass poli-tische Gleichheit unberührt bleiben müsse von ökonomischen Belangen, ist die Kritik am nachrevolutionären Bürgertum, das den materialistischen Belangen seine ehemaligen politischen Ziele und Ideen geopfert hatte, immanent. Zwar impliziert die strenge politische Haltung auch die Unfreiheit des Einzelnen, so etwa des Sohnes von Fiediger, dem die Zustimmung zur Heirat mit Hermine verweigert wird; diese würde, so die rigide Argumentation, die 'Freundschaft in der Freiheit" , das Verantwortungs-bewusstsein Für Staat und Gemeinschaft der Bürger gefährden. Nicht zuletzt wegen dieser rigiden politischen Moral, die im Ãobrigen in einem belehrendpädagogischen, mitunter auch pedantisch-philiströsen Stil mitgeteilt wird, gerät diese Novelle zum Musterstück bürgerlich-realistischer Erzählkunst. Sie konfrontiert den Wirlschaftsbürger, den Bourgeois, mit dem politischen Staatsbürger, dem Citoyen, und lässt keinen Zweifel darüber aufkommen, dass letzterem die Sympathie zu gelten hat. Zugleich geht es Keller um die Kritik eines Zustandes, in dem das öffentliche Allgemeinwohl den privaten ökonomischen Interessen untergeordnet ist; die bürgerlich-revolutionären Ideale der Gleichheit, Humanität und Solidarität und des Gemeinschaftssinns haben ihre Grenzen an den privatwirtschaftlichen Interessen gefunden.
     

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Züricher  Novellen  (I878)    


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