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Bürgerlicher realismus

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Wilhelm Raabe (I83I-I9I0)



Verglichen mit Storni, Keller und Meyer nimmt sieh Raabes novellistisches Werk bescheiden aus, Raabe ist vornehmlich Romancier. Allerdings kommen ihm die novellistische Form und der novellistische Blick bei seinem Interesse an den Nebensächlichkeiten und Marginalien des Lebens entgegen: '|...| das Kleinste [ist] zum Größesien und das Größeste zum Kleinsten geworden", heißt es dazu in der Krzählung Die Gänse von BützowM Dieses Interesse ist dem Conrad Ferdinand Meyers vergleichbar. Auch Raabe richtet sein Augenmerk in den Novellen anders als in seinen Romanen nicht primär auf das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft oder auf das Individuum als Opfer gesellschaftlicher Konventionen und Normen. Gleich Meyer macht er vielmehr den Menschen selbst Für die Fehlentwicklungen der Gesellschall verantwortlich. Ein egoistisches, irrationales und rücksichtsloses Handeln lassen ein humanes Miteinander nicht mehr zu. Zwar wird das Individuum auch in seiner sozialen Determiniertheit beschrieben; doch das Scheitern der Menschen liegt vorzugsweise in der Destruktivität des Kinzelnen begründet. Dieser wird als Opfer, zugleich aber als Verursacher der Missstände besehrieben.

      Daneben führt Raabe den kritischen Ansatz seiner Romane weiter, auch in seinen Novellen zeigt er die Fehler einer Gesellschaft, die als bürgerliche Werlegemeinschaft angetreten war und zu einer materialistischen Zweck-gemeinschaft verkommen ist, die Andersdenkende als Außenseiter an den Rand drängt. Raabes späte novellistische Arbeiten, in den 1879 veröffentlichten Krähenfekler Geschichten versammelt, thematisieren die Abhängigkeiten menschlichen Lebens, das unmoralische und unbürgerliche Handeln von Dorfgemeinschaften, in denen ein harmonisches Zusammenleben kaum mehr möglich scheint. Wie seine Romane variieren auch Raabes Novellen den Befund, dass an die Stelle einer humanen Bürgergemeinschaft eine egoistisch agierende Gesellschaft getreten ist, die die von der kollektiven Norm Abweichenden als Randfiguren ausschließt.
      So werden Menschen entweder die Opfer des eigenen materiellen und materialistischen Besitzstrebens, wie z.B. in der Novelle Das letzte Recht aus dem Jahr 1862. Dieses 'letzte Recht" spricht der Tod, nachdem die Menschen Recht missbraucht haben. Uneigennützig und im Sinne des Gemeinwohls denkende Menschen treten als Gegentlguren zu korrupten Individuen auf, die lediglich die Werte Macht und Besitz kennen. Wie Meyer verlegt auch Raabe die Handlungen seiner Novellen zumeist in die Vergangenheit; die zeitgenössische nachrevolutionäre und gründerzeitliche Gesellschaft spielt in Raabes Novellen nur insofern eine Rolle, als das historische Geschehen sich als eine Metapher der bürgerlichen Gesellschaft der Gründerzeit verstehen lässt.
      In Raabes Novelle Else von der Tanne zentriert sich die Handlung um inhumanes, zivilisationsfeindliches Handeln von Menschen. Die Krise der bürgerlichen Gesellschaft und der humanen Wertegemeinschaft wird hier von der Gewalttätigkeit und der Destruktivität einer Dorfbevölkerung ausgelöst. Die Novelle erzählt von Gewalt, von ihren Tätern und ihren Opfern, vom Unfrieden unter den Menschen, sie spielt bezeichnenderweise am Vorabend des christlichen Friedensfestes. Ohnmächtig und hilflos stehen die Opfer Else und ihr Vater den Tätern, der Dorfgemeinschaft gegenüber. Seit zwölf Jahren lebt Magister Konrad mit seiner nunmehr 18-jährigen Tochter Lisa in einer Waldhütte in der Nähe eines Harzer Bergdorfes, wo er Zuflucht gefunden hat vor den Kriegsereignissen -der historische Hintergrund der Novelle ist der 30-jährige Krieg; seine Frau und seine anderen Kinder wurden bereits erschlagen. Die Dorfbewohner glauben in Konrad einen Hexenmeister zu erkennen, sein bewusster Rückzug von einer durch Krieg und Gewalt gekennzeichneten Gesellschaft nährt diese Vorstellung. Nach dem Besuch der Weihnachtsmesse entlädt sich die Aggression der Dorlbewohner an den beiden, Lisa wird von den entfesselten Dorfbewohnern gesteinigt, sie stirbt vor der Kirche. Für den Vater gibt es, 'keine Rettung in der Welt vor der Welt", es ist 'keine Hoffnung und kein Licht mehr in der Welt und wird auch nimmer wieder kommen." Der Krieg fungiert hier als Kulisse für die menschlichen Anfeindungen und Aggressionen im Alltag, er bringt die in der Gesellschaft herrschende anarchische Destruktivität zum Ausdruck.
     

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