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Spiegel, das Kätzchen. Ein Märchen



Auch in seiner Novelle Spiegel, das Kätzchen geht es um die materielle Bedingtheit und Ausrichtung des bürgerlichen Lebens, um die Deformierungen, die die Malerialisierung der Gesellschaft dem Einzelnen zufügen. Zwar ist auch hier der kritische Blick auf die Fehlentwicklungen der bürgerlichen Gesellschaft durch die satirisch-humoristische Brechung des Geschilderten abgemildert; dennoch lässt sich die Schärfe, aber auch die Verbitterung, mit der Keller sich in dieser Novelle gegen die einseitige Ausrichtung der Seldwyler und damit der zeitgenössischen Gesellschaft richtet, kaum überlesen. Unverhohlen bringt er seine Kritik an einer kapitalisierten, durch geldgierigen Lgoismus dominierten Gesellschaft an; am Ende dieser Novelle sind allerdings die Bürger die Verlierer.
      Der Held der Novelle ist die Katze Spiegel: Ein Tier ist hier der Träger menschlicher Eigenschaften, einzig das Tier hat sich menschliche, humane Qualitäten bewahrt. Keller knüpft mit dieser Entscheidung an die Romantik an: Ludwig Tieeks Gestiefelter Kater, Clemens Brentanos Gockel, Hinkel und Gackeleia und E.T.A. Hoffmanns Roman Lehens-Ansichten des Katers Murr sind Beispiele dieser Besonderheit der romantischen Literatur.
      Spiegel allerdings ist alles andere als ein romantischer Typus. Im Gegenteil, er ist der ideale, auch glückliche Bürger. Ihn kennzeichnen bürgerliche Tugenden: So weist er z.B. ein gepflegtes Ã"ußeres auf, er besitze, so heißt es über ihn, ein 'glatten und glänzenden Fell"." Auch zeichnen ihn bürgerliche Eigenschaften wie Vernunft, Klugheit, Fleiß und Mäßigung aus. Zwar weist er auch einige unbürgerliche Züge auf, so vor allem seine Leidenschaft sowie das Ausleben seiner Triebe; auch führt er ein Junggesellendasein und wendet sich damit gegen die traditionellen Familienstrukturen. Die Frau wird in diesem Zusammenhang lediglich als Mittel der Bedürfnisbefriedigung des Mannes vorgeführt. Damit steht der Kater im Gegensatz zur religiösen Lebensweise der Hexe, deren Hexendasein mit Tugend und Keuschheit, aber auch mit Sadismus und unterdrückter Sexualität assoziiert werden. Keller baut einen Gegensatz zwischen dem Bürger Spiegel, der seinen Sexualtrieb auslebt, und den Spießbürgern, der Hexe und Pinciß, auf, so dass es in der Novelle letztlich um die Gegenüberstellung zweier bürgerlicher Lebensformen geht: Dem idealen Bürger Spiegel steht Pinciß, der Seldwyler gegenüber: bei ihm klaffen Sein und Sehein auseinander, sein ganzes Dasein ist durch das Streben nach materiellem Besitz bestimmt. Seine bürgerliche Lxistenz gründet nicht auf einem Beruf, der seiner Neigung entspricht, sondern einzig und allein das Geld entscheidet. Im Bewusstsein des Katers spiegell sich die Verworfenheit der Seldwyler Gesellschaft; auch hier wird sie als eine durch Verlogenheil und Scheinhaftigkeit charakterisierte Gesellschaft, eine korrupte, geldgierige Welt beschrieben, in der einzig der Kater sich einen Rest von Würde und Anstand, von moralischer Integrität und humaner Gesinnung erhalten hat. Gemeinschaftsgefühl und ein humanes Miteinander kennt diese nicht mehr, ,menschlich' ist am Knde nur der Kater Spiegel. In diesem Tier bewahrt Keller das Bild solider Bürgerlichkeit und humaner Solidität: Resignativcr konnte Kellers bilanzierende Bestandsaufnahme der bürgerlichen Gesellschaft kaum ausfallen.
     

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Spiegel,  das  Kätzchen.  Ein  Märchen    


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