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Romeo und Julia auf dem Dorfe



Theodor Storm hat unter Kellers Novellen insbesondere Romeo und Julia auf dem Dorfe geschätzt. Wie in vielen seiner eigenen Werke scheitert auch in Kellers vermutlich bekanntester Novelle die Liebe zwischen zwei jungen Menschen an der Borniertheit, Raffgier und Habsucht der Väter und der Dorfgemeinschaft - die Handlung spielt in einem eine 'halbe Stunde" von Seldwyla 'entfernt" gelegenen Dorf ,

   Die wechselseitige Aneignung eines Ackerstücks mündet in einen zermürbenden Rechtsstreit, der nicht nur das Leben der Väter zerstört, sondern auch das der beiden Kinder. Die Väter sind Beispiele für eigennütziges und materialistisches Denken, wobei sie von Keller nicht als Individuen gestaltet sind, sondern vielmehr als Repräsentanten eines Typs, worauf bereits ihre alliterierenden Namen Man/ und Marti, ihre gleiche Tätigkeit als Bauern -hier wäre vor allem auf das Anfangsbild der Novelle aufmerksam zu machen, das die beiden beim Pflügen ihrer Ã"cker zeigt sowie die Ã"hnlichkeit ihres Ã"ußeren verweisen. Ihren Kindern wird durch das Verhalten und Mandeln der Väter der 'gute Grund und Boden" zur Ehe, zur bürgerlichen fundierung ihrer Leidenschaft und Liebe zueinander, entzogen. Infolge des fehlenden Rückhalts in der Gesellschaft sind sie auf sich selbst und ihre Liebe zurückgeworfen, ihre gegenseitige Zuneigung ist ihr einziger Besitz. Der 'Verwilderung" der Väter setzen sie die Attribute bürgerlicher Ordentlichkeit entgegen: Soziale Sicherheil, Anerkennung, und immer wieder die Attribute des Reinlichen und Sauberen sind die Kennzeichen, die beider Vorstellung beherrschen und ihre Sehnsüchte bestimmen: 'Das Gefühl, in der bürgerlichen Welt nur in einer ganz ehrlichen und gewissenfreien Lhe glücklich sein zu können", war in Sali 'ebenso lebendig wie in Vrenchen" . Doch dieser bürgerlichen Welt können sie nicht, dem Bereich einer nichtbürgerlichen Welt indes wollen sie nicht angehören, ihr Leben außerhalb der Grenzen der bürgerlichen Konventionen zu führen, lehnen sie ab: 'Hs gibt nur eines für uns, Vrenchen, wir halten Hochzeil zu dieser Stunde und gehen dann aus der Welt" , lautet ihre Antwort auf die gesellschaftlichen Verhältnisse. Ihr Freitod kann demnach als ein letztes Bekenntnis zur bürgerlichen Ordnung verstanden werden.
      Beide Protagonisten haben die bürgerlichen Normen und Werte intema-lisiert. Hin Zusammenleben ist für sie nur in form einer bürgerlichen Ehe, und das heißt nur auf der Grundlage von sozialer Sicherheit und Anerkennung, möglich. Die persönliche Khre und gesellschaftliehe Anerkennung, aber auch der Erwerbssinn sind für Sali und Vrenchen die Grundlage einer Lebensgemeinschaft. Diese bürgerlichen Tugenden haben sie verinnerlicht, ein Leben außerhalb eines bürgerlichen Wertesystems und außerhalb einer Gesellschaft, die diese Maßstäbe allerdings schon lange preisgegeben hat, wollen sie nicht leben. Die Liebe bleibt damit an die gesellschaftliche Anerkennung in einer bürgerlichen Gemeinschaft gebunden. Auf diese restlose Aneignung einer ebensolchen Wertewelt verweisen zudem ihre Träume von einer kleinfamiliären Existenz. Innerhalb dieser Lebensform steht der Mann für die ökonomische Sicherheit und Absicherung, die Frau hingegen für Liebe und Ergebenheit.
      Der Gedanke an Rebellion gegen die Väter und die gesellschaftlichen Normen und Werte ist ihnen fremd: Obwohl sie materiell nicht dazugehören, wollen sie von der bürgerlichen Sphäre nicht ausgeschlossen bleiben. Dem Rat des schwarzen Geigers, ihr Leben außerhalb der Gesellschaft und der in ihr geltenden Konventionen zu führen, können sie nicht folgen. Sicherlich ist dabei auch auf eine Besonderheit des Schweizer Staates aufmerksam zu ma-chen, die die Angst und Unwilligkeit Salis und Vrenchens vor einem Zusammenleben und vor einem Leben außerhalb der Gemeinschaft erklärt. Gemeint ist die Schweizer Praxis, nach der es der autonomen Dorfgemeinschaft oblag, jemanden in das Bürgerbuch einzutragen; mithin war es ihre Entscheidungsbefugnis, einem Menschen die Bürgerrechte zu verleihen oder auch zu entziehen. Nur wer im Bürgerbuch eingetragen war, besaß ein Heimatrecht und konnte getauft werden; auch der Erwerb von Grundbesitz war an den Eintrag in ein solches Bürgerbuch der Dorfgemeinschaft gebunden. Wer kein Vermögen oder keinen in allen Novellen Kellers präsent. Keller betont dabei, wie z.B. in Pankraz, der Sehmol/er, mit dem er seinen Zyklus der Leute von Seldwvla eröffnet, die Verpflichtung und die Aufgabe des Einzelnen innerhalb der bürgerlichen Gemeinschaft ein 'nützlicher Mann" zu sein. Er hebt damit zugleich den notwendigen sozialen Beitrag und den Gemeinsinn des Einzelnen in Absetzung zum Egoismus einer zunehmenden nach materialistischen Gesichtspunkten agierenden Gesellschaft hervor.
      Mit Pankraz, der Schmoller setzt Keller Maßstäbe in Hinblick auf ein positives bürgerliches Verhalten und Handeln. Pankraz. ist zunächst ein Nichtstuer; nachdem er jedoch die enge Welt Scldwylas verlassen und anderswo die Gefährdung des Menschen durch Selbstbezogenheit und durch ein übersteigertes Selbstwertgefühl, durch Egoismus und Materialismus kennen gelernt hat, gelangt er zu einer neuen Lebenseinstellung. Nach Seldwyla zurückgekehrt, findet er seine eigentliche Aufgabe in der Vermittlung positiver bürgerlicher Werte an seine Mitbewohner. Am Ende der Novelle heißt es über ihn, er habe in der Hauptstadt des Landes Gelegenheit gefunden, 'ein dem Lande nützlicher Mann zu sein und zu bleiben" . Inseiner Entwicklung macht sich die pädagogische Ausrichtung der Novelle bemerkbar, der Handlungsverlauf zielt auf die persönliche Läuterung des Helden zu einem mit Gemeinsinn ausgestatteten Bürger im Dienst von Familie und Gesellschaft sowie einer wirklichkeitszugewandten Form humanen Handelns.
      Gibt Keller mit pädagogisch-didaktischem Impetus in Pankraz, der Schmoller den Ausblick auf jene humane Well, die der Protagonist in der Kantonshauptstadt nach Verlassen von Seldwyla vorllndet, so entwirft er mit seiner Erziehungsnovelle Frau Regel Amrain und ihr Jüngster ein vollständiges Programm einer perfekten Bürgerlichkeil. Die Seldwyler Charakterzüge der egoistischen Borniertheit und des materialistischen Eigennulzden-kens weichen hier der Demonstration einer idealen, aber auch idealisierten, sozialen Bürgerlichkeit. Als Nicht-Seldwylerin ist Regula Amrain eine Manifestation bürgerlicher Lebensformen. Von ihrem Mann, einem exemplarischen großsprecherischen Seldwyler, schon lange verlassen und mit ihren Kindern allein gelassen, übernimmt sie die Verantwortung für die Familie; es gelingt ihr, ihre Kinder, insbesondere ihren jüngsten Sohn, im Sinne einer soliden, gemeinsehaftsbezogenen Bürgerlichkeit zu erziehen. Ihr wichtigstes Erziehungsideal ist dabei die Maxime, slatt zu verbieten zu überzeugen. Daneben aber drängt sie auf Integration in die Gesellschaft, die über äußeres Erscheinungsbild, politisches und soziales Engagement, bürgerliche Lebensform und ökonomischen Gemeinsinti vollzogen werden soll. Politisches Engagement und politische Ordnung werden als die Verlängerung des bürgerlichen Familien- und Hausordnung verstanden. Die Ehe ist das Fundament des Staates.
      Nicht zu Unrecht hat man Kellers Novelle in die Tradition der pädagogischen Erzählliteratur in der Nachfolge Johann Heinrich Pestalozzis und Johann Heinrich Zschokkes gestellt. Regula Amrain möchte ihren Sohn zu einem wahren Bürger erziehen, und das inmitten einer Umwelt, die die bürgerlichen Werte längst pervertiert hat. Dieses Vorhaben gelingt, im Zuge des Erziehungswerks stellt Keller sodann die Vorzüge solider und verantwortungsbewusster Bürgerlichkeit heraus. Mit einer solchen Zielrichtung verfolgt seine Novelle primär volkserzieherische Zwecke, die 1848 nicht erreichten Ziele einer bürgerlichen Gesellschaft gilt es über einen erzieherischen Ansatz zu realisieren.
     

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