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Bürgerlicher realismus

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Programmatik und Genre



Die Novelle galt als eine zeitgemäße und den Zielen des Bürgerlichen Realismus gemäße Gattung; insbesondere die aufgrund der formalen Knappheit in ihr auszubildende einfache und schmucklose Sprache machte sie zu einem modernen Genre. Dieses kam der Abneigung der bürgerlichen Realisten gegen alle Rhetorik entgegen, aus der heraus sich auch ihre Vernachlässigung von Dramatik und Lyrik erklärt. Das Anschauliche anschaulich darstellen: aus dieser Maxime resultiert der klare, strenge Stil der Novellistik des Bürgerlichen Realismus. Dieses Verlangen nach Klarheit, Anschaulichkeit und Einfachheit der literarischen Formen, nach der Präzision des Er-zählens vermag die intensive Nutzung der Novelle in seinem Umfeld zu erklären.

      Doch neben dieser formalen Eignung fand man in der Novelle zudem ein Genre, mit dem auch inhaltliche Zielsetzungen realisiert werden konnten. Die programmatische Maxime des Bürgerlichen Realismus etwa, nicht ausschließlich die objektive Realität zu beschreiben, sondern auch das subjektive Erleben von Wirklichkeit zu erfassen, galt für den Roman wie für die Novelle gleichermaßen. In vielem schien aber die Novelle geeigneter Für die Bewältigung dieser spezifischen Zielsetzung. Denn die zunehmende Komplexität des gesellschaftlichen und politischen Lebens infolge von Technisierung, Urbanisierung und Industrialisierung hatte ohnehin den Blick auf das Kleine und Ãoberschaubare zur Folge; man hoffte, im Kleinen ein Symbol für das Ganze zu linden. Mit der Novelle griff man auf ein Genre zurück, das erklärtermaßen nur einen Ausschnitt geben wollte. In Friedrich Theodor Vischers Ã"sthetik z.B. heißt es:
Die Novelle verhält sich zum Romane wie ein Strahl zu einer Lichtmasse. Sie gibt nicht das umlassende Bild der Weltzustände, aber einen Ausschnitt daraus, der mit intensiver, momentaner Stärke auf das größere Ganze als Perspektive hinausweist, nicht die vollständige Entwicklung einer Persönlichkeit, aber ein Stück aus einem Menschenleben, das eine Spannung, eine Krise hat und uns durch eine Gemüths- und Scliicksalswendung mit scharfen Accente zeigt, was Menschenleben überhaupt ist.'
Und auch Paul Heyse, der Für die Novelle das leistete, was Spielhagen Für den Roman und Freytag Für das Drama vorgaben, leitet den von ihm 1871 herausgegebenen Deutsehen Novellensehatz mit den Worten ein:
[...] so hat die Novelle in einem einzigen Kreise einen einzelnen Conllikt, eine sittliche oder Schicksals-Idee oder ein entschieden abgegrenztes Charakterbild darzustellen und die Beziehungen der darin handelnden Menschen zu dem großen Ganzen des Weltlebens nur in andeutender Abbreviatur durchschwimmen zu lassen.
      Die Vorliebe der bürgerlichen Realisten Für das novellistische Genre ist primär also nicht über das Stofflich-Inhaltliche zu begründen; entscheidend war vielmehr die Tatsache, dass sie im Ausschnitt 'das Persönliche als ein ästhetisches Phänomen zuließ"." Das Bedürfnis, Persönliches zu gestalten und dabei die Komplexität von Realität zu reduzieren, korrespondiert dem Versuch der Novellisten, ein Symbol für das ,Ganze' zu finden, d.h. im Kleinen das Ganze zu erfassen: Denn 'in der begrenzten Form war eine reziproke Erhel lung des Außen und Innen durch ein symbolisierendes Erzählen am ehesten erreichbar."''
Die Tradition fortführend, konzentrierte man sich dabei auf eine 'Begebenheit"."' Heyse, der mit seiner ,Falkentheorie' einige wichtige Stichworte für die Novelle des Bürgerlichen Realismus lieferte, erklärt hierzu in seiner bereits erwähnten Einleitung:
Im Allgemeinen aber halten wir auch bei der Auswahl für unsern Novellensehatz an der Regel fest, der Novelle den Vorzug zu geben, deren Grundmoliv sich am deutlichsten abrundet und mehr oder weniger gehallvoll etwas Eigenartiges, Speeifisches schon in der bloßen Anlage verrälh. [...] Eine so einfache form wird sich nicht für jedes Thema unseres vielbrüchigen modernen C'ultiirlebens finden lassen. Gleichwohl aber könnte es nicht schaden, wenn der Erzähler auch bei dem innerlichsten oder reichsten Stoff sich zuerst fragen wollte, wo 'der Falke" sei, das Speciflsche, das diese Geschichte von lausend anderen unterscheidet."
Die bis zu diesem Zeitpunkt gültige, durch Goethe vorgegebene Beschreibung der Novelle als eine um eine 'unerhörte Begebenheit"'" zentrierte Erzählung blieb dabei bestehen. Auch sollte ihr Stoff aus dem Leben gegriffen sein und die Handlung einen 'auffallenden Wendepunkt"" aufweisen. Doch darüber hinaus bemühte man sich, die spezifische Eigenart der Novelle genauer zu fassen.
      Vischers und Heyses Bestimmungen folgend blieb die Novelle des Bürgerlichen Realismus auf einen bestimmten Abschnitt aus dem Leben eines zumeist bürgerlichen Menschen beschränkt. Realistische Darstellung innerhalb der Novellenform meint die Beschränkung auf ein einziges Problem: Die Mehrheit der Novellen des Bürgerlichen Realismus thematisieren eine Konfliktsituation innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft, in der Regel Konflikte zwischen Individuum und Kollektiv. Die geschilderte Begebenheit braucht allerdings nicht, wie in Goethes Definition vorgeschrieben, eine 'unerhörte" zu sein; die Beschränkung auf das außergewöhnliche Ereignis hätte den Prinzipien des Realismus widersprochen. In konzentrierter Form soll die Novelle, so die theoretische Vorstellung, ein Problem, das Ereignis vorführen. Theodor Storni hat aus dieser Vorgabe die Nähe der Novelle zum Drama abgeleitet: Erstere sei, so Storms Erkenntnis, 'die Schwester des Dramas und die strengste Form der Prosadichtung": Diesem Vergleich sind die

Forderung nach strikter Objektivität des Erzählers und der Verzicht auf die subjektive Färbung des Geschilderten immanent:
Cileich dem Drama behandelt sie die tiefsten Probleme des Menschenlebens; gleich diesem verlangt sie zu ihrer Vollendung einen im Mittelpunkte stehenden Konflikt, von welchem aus das Ganze sich organisiert, und demzufolge die geschlossenste Form und die Ausscheidung alles Unwesentlichen; sie duldet nicht nur, sie stellt auch die höchsten Forderungen der Kunst.
Auch Heyse sprach von der 'Silhouette", und er verstand darunter die für das Drama typische Konzentration auf einen 'einzelnen Confliktkreis"15, auf einen ethischen Konflikt: Gemeinsam ist diesen Definitionen der Versuch, die Novelle auf einen überblickbaren, scharf konturierten Handlungsverlauf festzulegen, auf ein zentrales Ereignis, das jedoch unbedingt als ein 'Symbol""' für das Ganze verstanden werden sollte. Zwar wurde innerhalb des Bürgerlichen Realismus keine umfassende Gattungsdefinition vorgelegt, was Keller in einem Brief an Storni 1881 ansprach. Es heißt dort:
|...| daß es für Roman und Novelle so wenig aphoristische Theorien und Regeln gibt als für die andern Gattungen, sondern daß sie aus den für mustergültig anzusehenden Werken werden abgezogen, resp. daß die Werte und Gebietsgrenzen erst noch abgesteckt werden müssen. Das Werden der Novelle oder was man so nennt, ist ja noch immer im Fluß.

     
   Eine Maxime indes stand den Autoren dennoch klar vor Augen. Die Wirkung der erzählten 'Begebenheit" auf die Menschen und Charaktere sollte wichtiger sein als das Ereignis selbst: Die Frage nach dessen Auswirkungen auf den Menschen überwog das Interesse am objektiven Geschehen: Dementsprechend stehen im Mittelpunkt bürgerlich-realistischer Novellen nicht mehr Begebenheiten, sondern die Charaktere. Erstere sind die Auslöser der Handlung, sie sind zumeist gesellschaftlicher Natur; im Zentrum des Interesses jedoch steht sodann der Einlluss auf die Menschen. Diese Akzentverschiebung ist das eigentlich Neue an der Novelle des Bürgerlichen Realismus: Er begreift die Determinanten menschlichen Schicksals als das Ergebnis gesellschaftlich-geschichtlichen Handelns; diese Erkenntnis wird durch einen novellistischen Blick auf den Menschen, auf das Subjekt demonstriert.
     

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