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Bürgerlicher realismus

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Paul Heyse (I830-I9I4)



Zwar war Paul lleyse, der Herausgeber des Deutsehen Novellensehatzes, mit seinen etwa 150 Novellen der beliebteste Erzähler des bürgerlichen Lese-publikums in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Als repräsentative Figur des Bürgerlichen Realismus darf er dennoch nicht gelten. Denn wie Conrad Ferdinand Meyer lässt Heyse seine Novellen überwiegend im Italien der Renaissaneezeit spielen; auch verlagert er die beschriebenen Konflikte in nahezu allen seinen Novellen in den Einzelnen. Die Auseinandersetzung ist individualisiert, die Bedingtheit und Abhängigkeit des Subjekts vom Kollektiv, die Eingebundenheit des Individuums in die soziale Gemeinschaft sowie die Konllikte, die sich aus dieser Bestimmung des Einzelnen ergeben die zentralen Sujets des Bürgerlichen Realismus also - werden bei Heyse nur am Rande diskutiert. In der Regel beschreibt er den individuellen Reife -prozess ohne Blick auf die kollektiven Rahmenbedingungen. Die Perspektive auf eine humane Gesellschaft wird aber an die Einsicht in die Borniertheit und den Egoismus des Einzelnen sowie an den Verzicht auf die Durchsetzung individualistischer Verhaltens- und Lebensmuster gebunden; so etwa in seiner wohl bekanntesten Novelle /, 'Arrahbiata aus dem Jahr 1855.

      In Andrea Delfin thematisiert Heyse den Kampf gegen ein untergehendes autoritäres Unrechtsregime. Der selbsternannte Richter Andrea Delfin wird, indem er irrtümlicherweise statt eines Inquisitors seinen Freund tötet, vom Rächer zum Schuldigen und rückt damit in die Nähe des bekämpften blutigen Regimes. So kann Heyse zwar die Frage stellen: 'Wosind die Bürger, ohne die ein freies Stadtwesen ein Unding ist"71; doch andererseits führt er zugleich vor, dass aus individueller Selbstüberschätzung heraus vorgenommene Rache zum Scheitern verurteilt sein muss - eine Warnung, die das bürgerliche Lesepublikum nicht zuletzt in seiner versöhnlichen Haltung dem Adel gegenüber bestätigen sollte.
      Bei Ferdinand Kümberger indes hat sich der Glaube an eine positive Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft bereits verloren. Seine Novellen, vor der Reichsgründung entstanden, entwerfen das Bild der bürgerlichen Gesellschaft, in der das Kapital regiert und die Menschen zu Opfer/n/ der Börse degradiert werden. In der 1861 entstandenen gleichnamigen Novelle diskutiert Kürnbergcr die Problematik einer Gesellschaft, in der der Schein mehr zählt als das Sein, in der materielle Werte wichtiger sind als soziales und humanes Miteinander, in der ein rücksichtsloses Speku-lantentum als Ausdruck der mentalen Verfassung der bürgerlichen Gesellschaft zitiert wird.
      Auch der schwäbische Dichter Hermann Kurz schreibt mit den Novellen Die beiden Tubus und Der Weihnachtsfund im thematischen Umfeld des Bürgerlichen Realismus. In letzterer diskutiert Kurz das Verhältnis zwischen Individualität und Sozialität, wobei die Dringlichkeit des Eingebundenseins des Einzelnen in die Gemeinschaft, ohne die er nicht zu existieren vermag, anklingt. Dabei legt Kurz großen Wert auf die reale Ausgestaltung der Lebensbedingungen der Menschen ebenso wie auf den gesellschaftlichen Umgang miteinander. Bei der Novelle Die beiden Tubus aus dem Jahr 1859 hingegen handelt es sich um eine satirische Abrechnung mit der bürgerlichen politischen Praxis nach 1848. Zwischen zwei Pfarrern entwickelt sich ein Briefwechsel über unterschiedliche politische Standpunkte. Ihre Briefe spiegeln die Kontroverse zwischen bürgerlichliberalen, republikanischen und monarchistischen Ansichten und Positionen. Indem er die Meinungen des Republikfreundes als überzogen und rhetorisch beschreibt, gibt sich Kurz hierbei als Anhänger der Realpolitik zu erkennen.
      Mit den Novellen von Isolde Kurz 72, findet die Novellistik des Bürgerlichen Realismus gegen Ende des Jahrhunderts ihren Abschluss. Kurz' zentrales Thema ist der Kampf des Einzelnen um ein von sozialen und humanen Werten bestimmtes Leben, aber auch die Krise einer bürgerlichen Gesellschaft, die solche Lebensentwürfe nicht mehr zulässt. Die Werte, die als die bürgerlich-humanen Leitvorstellungen genannt werden, haben allerdings gegenüber den bislang vorgestellten Vertretern der bürgerlich-realisti sehen Novellistik an Präzision und Bestimmtheit verloren. In vielen ihrer zumeist in der italienischen Renaissancezeit spielenden Novellen so etwa in der Sammlung Florentiner Novellen aus dem Jahr 1890 - geht es Kurz um den christlichen Glauben. Da dabei zumeist der Bezug zur zeitgenössischen wilhelminischen Gesellschaft und Ã"ra vage bliebt, ist die Zuordnung dieser Autorin zum Bürgerlichen Realismus allerdings kaum mehr zwingend

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Paul  Heyse  (I830-I9I4)    





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