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Bürgerlicher realismus

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Marie von Ebner-Eschenbach (I830-I9I6)



Die Dorf- und Schloßgeschichten der aus dem mährischen Adel stammenden Autorin thematisieren adelig-patriarchale und ländliche Lebensformen, wobei sie ihr Augenmerk insbesondere auf die zwischen der reaktionären Feudalaristokralie und dem Landproletariat herrschenden Spannungen richtet. Dabei werden die sozialen Verhältnisse der Landarbeiter zwar wirklichkeitsnah erfasst. Wie in ihrem Roman Das Gemeindekind richtet Ebner-Hschcnbach an den österreichischen Landadel die Aufforderung, sich seiner gesellschaftlichen Aufgabe bewusst zu werden und sich der Beseitigung der zunehmenden Verelendung der ländlichen Bevölkerung zu widmen. Durch eine solche aktive soziale Tätigkeit des Adels glaubte sie die durch die revolutionären Ereignisse des Jahres I 848 vertiefte Kluft zwischen Adel und Volk schließen zu können. Verbindungen zum Bürgerlichen Realismus linden sich in einer solchen Zielsetzung insofern, als die Forderung nach einem humanen Handeln und Miteinander wie im Falle Auerbachs bürgerliche Ansprüche erkennen lässt. Die Lösungsangebote nimmt Ebner-Eschenbach allerdings von der Position eines reformierten Adels aus vor: 'Es gäbe keine soziale Frage, wenn die Reichen von jeher Menschenfreunde gewesen wären"70, lautet ihre Ãoberzeugung, die die thematische Ausrichtung ihrer Werke, auch ihrer Dorfgeschichten, vorgibt. Die patriarchalische Rolle des Adels wird dabei zu keinem Zeitpunkt in Frage gestellt, der vom Bürgertum beanspruchte Humanismusgedanke wird bei Ebner-Eschenbach dem Adel zugesprochen. Adclskritik bringt sie immer dann an, wenn Adelige von der Idee des Humanen abweichen, wenn also ,Adeligkeit' lediglich als Klassenvorrecht und Klassenherrschaft, mithin als Standesadel, nicht aber als ,menschlicher Adel' verstanden wird. So z. B. in der Novelle Er lasst die Hand küssen , mit der sich Ebner-Eschenbach eines repräsentativen Sujets des Bürgerlichen Realismus annimmt, dem sich neben ihr vor allem Theodor Fontane verschrieben hat: Ein liberal gesonnener Graf versucht eine konservativ eingestellte Gräfin, für die die feudale Grundherrschaft unumstößlich ist, von der Notwendigkeit der Modernisierung und Liberalisierung des Adels zu überzeugen. Die Novelle konfrontiert so einen sich durch Standesdünkel auszeichnenden Adel mit rcformwilligen Adeligen, die sich ihrer sozialen Verantwortung bewusst sind und nach moralisch-ethischen Gesichtspunkten handeln. Wie in ihrem Roman Das Gemeindekind stehen sich eine selbstherrlich über die Gemeinde bestimmende Gräfin und ein Angehöriger der Gemeinde gegenüber; ohne soziales Bewusstsein pocht erstere auf die Vorrechte des Adels als politischer Kaste, der der Gemeindearbeiter bedingungslos zu gehorchen hat. Die selbstherrliche und unmensch-lieh handelnde Gräfin wird dabei als Verursacherin einer realen Not vorgestellt, die eine explizite Beschreibung erfährt.

      Auf der Basis dieser ideologischen Ausrichtung schreibt Marie von Ebner-Eschenbach vorzugsweise moralisch-didaktische Novellen. In Die Freiherren von Gemperlin , entfaltet sie anhand zweier verfeindeter Brüder einen der zentralen Konflikte der wilhelminischen Gesellschaft, die Auseinandersetzung zwischen konservativ-feudalen und fortschrittlich-liberalen Kräften und Standpunkten. Mit versöhnlich-verklärender Geste schildert Ebner-Eschenbach die Beziehung zwischen den Brüdern als zu keinem Zeitpunkt ernsthaft gefährdet; ungeachtet ihrer konträren Positionen stehen sie füreinander ein, helfen einander und verkörpern damit die Vision einer Gesellschaft, in der Adel und Bürgertum produktiv zusammenwirken. In der 1884 erschienenen Novelle Krambambuli stellt sich die Situation allerdings weniger perspektivenreich dar. Der Blick ist auf den Bürger, auf einen angesehenen, etablierten Förster gerichtet. Mit Arroganz und Verachtung tritt dieser dem früheren Herrn des Hundes, einem Wilderer und heruntergekommenen Trinker, gegenüber auf. Kritisch wird sein Mangel an sozialer Anteilnahme und Mitmenschlichkeit in einer Gesellschaft, in der soziale Not und soziale Missstände zum Alltag gehören, registriert. Mit der Novelle Unsühnhar aus dem Jahr 1890 hat Ebner-Eschenbach sodann ihr kritisches Panorama der österreichischen Adelsgesellschaft des zu Ende gehenden 19. Jahrhunderts vervollständigt.
     

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Marie  Ebner-Eschenbach  (I830-I9I6)    





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