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Bürgerlicher realismus

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Kleider machen Leute



Auch im Mittelpunkt der im zweiten Teil des Zyklus erschienenen Novelle Kleider machen Leute steht Kellers Kritik an einer Gesellschaft, in der das Leben und der Umgang der Menschen miteinander beherrscht wird von der Vermischung von Sein und Schein, von Täuschung und Realität. Zwar überspielt Kellers die Hrzählung dominierende humoristisch-distanzierte Erzähl-weise den gesellschaftskritischen Ansatz und die satirische Schärfe der Novelle; doch die Grundthematik, die Sublimation kleinbürgerlicher Enge im falschen romantischen Schein der bürgerlichen Welt, greift diese verklärende Dimension des Textes nicht an.

      In Nettchen, der weiblichen Protagonistin der Novelle, kristallisiert sich Kellers Ideal praktischer und sozial verantwortungsbewußter Humanität. Auch nach der Entlarvung ihres Verlobten Wenzel als Hochstapler und falscher Graf steht sie zu dem Schneidergesellen. Ungeachtet des Spotts der Seldwyler Bürger setzt sie die geplante Heirat mit Wenzel auch nach dessen ,Fall' durch. Dieser rechtfertigt das Vertrauen in ihn, er arbeitet sich zum angesehenen Tuchhändler zunächst in Seldwyla, später im nahe gelegenen Goldach hoch. Keller lässt das Paar am Ende als kinderreiche und besitzende Familie zurück.
     

Wird die bürgerliche Gesellschaft zu Beginn der Handlung als Nährboden romantischer Flucht- und Traumwelten vorgeführt, so entwirft Keller am Ende das Bild wahrer, solider Bürgerlichkeit. Eine auf Liebe, aber auch auf ökonomischer Solidität basierende kinderreiche Familie und realitätszuge-wandte Haltung garantiert diese. Zwar sind es zunächst einmal die Gol-dacher, die sich vom Ã"ußeren des Schneiders Wenzel blenden lassen; doch auch dieser ist nicht willens, die ihm angetragene falsche Identität zurückzuweisen. Keller diskutiert hierüber die Ãoberholtheit eines romantisch-ideali-sierten Lebensentwurfs, der statt auf dem Realen auf Einbildung und Fiktion besteht. Damit verhandelt er zugleich über den Gegensatz zwischen realer Existenz und Scheinexistenz, zwischen Realität und Idealität, den er am Ende zugunsten einer wirklichkeitsbezogenen Lebensform entscheidet. Wenzel kann den ihm infolge seiner realitätsverleugnendcn Handlungsweise drohenden Untergang abwenden; nach seiner Ãobersiedlung in die Kantonsstadt etabliert er sich als ein sparsamer und fleißiger, aber auch saturierter Bürger, dessen Lebensentwurf primär ökonomisch fundiert und ausgerichtet ist.
      So wandelt sich die aus Hochstapelei entstandene Verbindung zwischen dem Schneider Wenzel Strapinski und Nettchen, der Tochter eines Amtsrats, dank deren engagierten, aber auch verständnisvollen Handelns zu einer bürgerlichen Muslerehe. Durch ihre Entschlossenheit und ihr Vermögen, aber auch durch die handwerklichen Fähigkeiten ihres Verlobten, auf die Nettchen vertraut, linden die beiden zu einer dauerhaften, auf Wohlstand und familiären Sinn gegründeten Gemeinschaft. War es zuvor Wenzels ausgeprägte Phantasie, die ihn zum Hochstapler hat werden lassen und zu Fall gebracht hat, so lässt der Erzähler wenig Zweifel daran, dass Wenzel nun in der Realität angekommen ist. Dies gilt jedoch auch Für Nettchen; hatten Wenzclns Phantasie und Nettchens Märchenträume das Paar zuvor daran gehindert, die Realität wahrzunehmen und anzuerkennen, so stehen sie nach Wenzels Fall in die Wirklichkeit auf realem Boden.
      Diese Entwicklung impliziert die Kritik romantischer Realitätsaneignung. Wenzel, der Träumer, der nicht zwischen Wirklichkeit und Wunschvorstellung zu differenzieren vermag, hat die Anlagen eines verkannten Poeten, Malers und Schauspielers. Ãoberhaupt wird er in die Nähe einer romantischen Künstlerexistenz gerückt die Novelle spielt in den 1830er Jahren, zu einer Zeit also, zu der die Romantik noch wirkte. Zwar arbeitet Keller im weiteren Verlauf der Handlung mit romantischen Erzählprinzipien, insbesondere wäre hier das Zufallsprinzip zu nennen. Bezeichnenderweise beanstandeten zeitgenössische Kritiker die die Handlung kennzeichnenden unwahrscheinlichen Zufälle, die gegen das Plausibilitätsprinzip des Bürgerlichen Realismus verstießen. Doch dieser Vorwurf übersieht die der Novelle implizite Kritik einer solchen Wirklichkeitsaneignung. In Nettchen hat Keller dem romantischen Künstlertypus Wenzel eine Frau mit einem ausgeprägten Realitätssinn zur Seite gestellt, mit Hilfe dessen sie ihren Verlobten auf den Boden der Tatsachen und der Wirklichkeit zurückzuholen vermag. Diese Konfrontation ist nicht ohne Ironie geschildert:
Dem wackeren Wenzel wollte das nicht einleuchten. Fr wünschte vielmehr, in unbekannte Weiten zu ziehen und geheimnisvoll romantisch dort zu leben in stillem Glücke, wie er sagte. Allein Nettchen rief: .Keine Romane mehr!'
Diese Szene darf sicherlich als ein Plädoyer Für die realistische Erzählkunsl und als Verabschiedung des romantischen Erzählens gelesen werden. Mit seiner Novelle Kleider machen Leute greift Keller den bereits im Grünen Heinrich thematisierten Antagonismus Realismus versus Romantik auf. Mit Figuren wie Heinrich Lee oder Wenzel Strapinski, mit deren Unwillen oder Unfähigkeit, die Realität nicht von der Illusion, das Sein nicht vom Schein unterscheiden zu können, macht Keller auf die Dringlichkeit einer reali-tätsbezogenen Lebens- und Schreibweise aufmerksam. Seine Helden kommen zumeist in der Realität an; zwar endet dieser Prozess nicht immer so beispielhaft wie im Falle des Schneiders, der sich vom romantischen Schwärmer zum tüchtigen Bürger, Ehemann, Familienvater und Geschäftsmann entwickelt; dem 'Grünen Heinrich" war - zumindest in der ersten Fassung eine derart erfolgreiche Sozialisation nicht vergönnt. An der Notwendigkeit dieser Entwicklung hin zur Realität hat Keller allerdings auch in seinem Roman keinen Zweifel gelassen.
      Zwar impliziert das Ende von Kleider machen Leute eine subtil verhaltene Kritik an Wenzels selbstgenügsamer Saturiertheit als Spießer. Statt eines romantisch-phantastischen Lebensentwurfs lebt er nun eine auf Geld und Besitz basierende Existenz. Die Schilderung dieses neuen Lebens erfolgt nicht ohne Satire und Bissigkeit; der Grund für diese Erzählhaltung dürfte Wenzels fehlender Gemeinsinn sein. Sein Leben erschöpft sich im Geldverdienen und Geldvermehren, statt Gemeinschaftsgefühl zeichnet ihn ein individuelles Geltungsbedürfnis aus, das wiederum wenig mit den Interessen des Kollektivs gemein hat.
      So deutet sich im zweiten Teil von Kellers Novellenzyklus zwar eine Humanisierung der Gesellschaft an; doch nach wie vor dominiert die Skepsis, offenbar traute Keller der bürgerlichen Gesellschaft auf ihrem Weg in eine moderne Industriegesellschaft nicht. Dennoch ist der zweite Teil des Zyklusvon Keller als ein positiver Gegenentwurf zu einer einseitig materialistisch denkenden und handelnden Gemeinschaft gedacht; im ersten Teil jedenfalls dominiert die kritische Demonstration der Fehlentwicklungen der Bürgergesellschaft. Zwar steht mit der Novelle Der Schmied seines Glücks im zweiten Teil noch einmal die mit bissiger Satire vorgetragene Abrechnung mit einer verkommenen Wertewelt im Vordergrund. Doch insgesamt ist Keller um eine positive Perspektive bemüht. Bei Erscheinen des zweiten Novellenzyklus war Keller bereits als Staatsschreiber des Kantons Zürich tätig. Aus diesem Staatsamt resultierte offenbar die stärkere pädagogische Ausrichtung der hier versammelten Novellen. Keller mahnt seine Landsleute zur Besinnung auf die ehemals geltenden Werte des Maßhaltcns, Fleißes und des Miteinanders, mahnt zu politischem und sozialem Engagement im Dienste der Gemeinschaft. Diese sieht er durch Profitdenken und Spekulationswesen in einer geschäftstüchtigen Gründerzeil gefährdet und durch eine zunehmend industrialisierte Lebenswelt in ihrer Grundsubstanz ausgehöhlt.
     

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