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Bürgerlicher realismus

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Individuum und Gesellschaft



Neben dem Bildungs- und Entwicklungsroman war es mithin die realistische Novelle, in der die Verzahnung zwischen Gesellschaft und Individuum herausgearbeitet werden konnte. In nahezu allen Novellen des Bürgerliehen Realismus geht hierbei die pessimistische Weltsicht der Realisten ein: In ihnen spiegell sich die Erfahrung einer sieh verselbständigenden Wirklichkeit, die den Menschen an den Rand drängt, die individuelle Alleingänge nicht mehr zulässt: Sie ist das Resultat der Erfahrung des Zeitalters der Masse und der Vermassung. Das Individuum erleidet die sozialen, historischen, politischen und ökonomischen Entwicklungen, die infolge ihrer Komplexität ohnehin vom Einzelnen nicht mehr zu überblicken oder gar zu kontrollieren waren. Die Novelle wiederum bot einen adäquaten Rahmen für die Erfassung derartiger Entwicklungen.
      Denn mit der Novelle ließ sich, ähnlich wie im Bildungs- und Entwicklungsroman, insbesondere die Verbindung von objektiven und subjektiven Akzentuierungen des Erzählten, von objektiver Darstellung und subjektiver Deutung des Geschilderten in Ãobereinstimmung bringen; geht es im novellistischen Genre doch grundsätzlich darum, das Allgemeine im besonderen Fall zu verdeutlichen.IK Die form legitimiert den Ausschnitt, ein Schritt, der wiederum der Legitimation tatsächlich bedurfte, denn der Bürgerliche Realismus zielt nicht auf die Schilderung zufälliger Einzelschicksale. Vielmehr stand auch innerhalb der Novellcnliteratur der Anspruch im Mittelpunkt, bürgerliche Normen und Werte zu vermitteln und die einseitige Ausrichtung der bürgerlichen Gesellschaft auf die ökonomischen Aspekte von Bürgerlichkeit zu kritisieren. Mit ihrem verengenden Blick auf den Einzelfall, der aber dennoch als das Exemplarische vorgestellt werden konnte, bot die Novelle die Möglichkeit, Realität in ihrer Auswirkung auf den Einzelnen zu beschreiben. Geht es in den Bildungs- und Entwicklungsromanen des Bürgerlichen Realismus primär um den Entwurf einer bürgerlichen Lebens- und Normenwelt, so können die Novellen als ergänzende Einzelstudien bürgerlicher Mentalität und Lebensform gelesen werden.
      Die novellistische Erfassung der Welt erlaubte einen persönlich gedeuteten Realismus; zugleich war über die Novelle ein individueller Zugang zur Wirklichkeit zu leisten. Der programmatischen Vorgabe entsprechend war die bürgerliche und gesellschaftliche Realität nicht nur zu beschreiben; viel-mehr sollte auch die Wirkung der empirisch erfahrbaren Wirklichkeit auf einzelne Individuen gezeigt werden:
Hs entsprach der Erfahrung der Zeit, daß weniger das unerhörte Ereignis als der psychologisch ungewöhnliche Charakter, seine inneren, seelischen Bewegungen und Krisen und das Problem seines Geschicks den Novellisten anzogen. Das psychologische Interesse überwog das Ereignis; die Frage nach dem Menschen überwog die Beschäftigung mit der auffälligen .objektiven' Begebenheit. "
So avancierte die Novelle zu einer beliebten Gattung des Bürgerlichen Realismus nicht zuletzt auch deshalb, weil sich in ihr auf ideale Weise die Forderung nach der persönlichen, subjektiven Deutung der geschilderten Wirklichkeit einlösen ließ. Sie erlaubte die Möglichkeit eines persönlich deutenden Realismus, zumal sie ohnehin nur den Ausschnitt zeigte. Gemäß der Programmatik des Bürgerlichen Realismus, dass es weniger darum gehe, empirische Wirklichkeit objektiv zu schildern als vielmehr die subjektive Erfahrung dieser Wirklichkeit, das Erleben der Realität durch den Einzelnen, durch das bürgerliche Individuum zu erfassen und die Auswirkungen auf den Menschen darzustellen, kann die Novelle in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer exemplarischen Gattung aufsteigen. Sie bot von ihrer formalen Anlage her die Möglichkeit, sich auf den Einzelfall zu konzentrieren, das Subjektive und Persönliche in den Vordergrund zu rücken, wobei das Individuelle allerdings stets als Modellfall des Gesellschaftlichen verstanden wurde. Dem spezifischen Realismusverständnis der Realisten, das die distanzierte Darstellung der objektiven Gegebenheiten, aber auch die subjektive Innenschau, die Darstellung von Realität also, aber auch die Beschreibung der subjektiven Erfahrung von Realität vorsah, korrespondiert die Novellen form auf das Genaueste.
      Die Novelle des Bürgerlichen Realismus leistet so in vielem die literarische Umsetzung der theoretisch-programmatischen Maximen des Bürgerlichen Realismus: Man wählt die objektive Wirklichkeit, die zeitgenössische Lebenswelt als Thema und legt dabei aber den Schwerpunkt auf die subjektive Handhabung und persönliche Deutung der erfahrenen Realität. Die bürgerlich-realistische Novellistik kennt von daher eine persönliche Er-zählerftgur, die die deutende Perspektive garantiert. Inhaltlich wie formal rechtfertigt man diese Erzählerfigur häufig durch eine spezifische Rahmenkonzeption: Ein Gespräch oder der Bericht von Jugenderlebnissen oder weit zurückliegenden Geschehnissen durch einen älteren Menschen umrahmt das eigentliche Geschehen; Rahmen und Rahmenhandlung sind damit deutlich von letzterem abgrenzbar. Eine weitere Variante stellt die im Bürgerlichen Realismus ebenfalls praktizierte Chroniknovelle dar, in der altertümliche Manuskripte entdeckt werden, die sodann die Binnenhandlung ausmachen; diese Form wurde vornehmlich für die Thematisierung historischer Stoffe von Conrad Ferdinand Meyer genutzt.
      Viele Novellen des Bürgerlichen Realismus weisen eine Rahmenkonstellation auf. Der dadurch gegebene Aufbau mit den Teilen Binnenhand-lung, erzähltes Geschehen, Erinnerungsbericht insbesondere er lässt die subjektive Deutung des Erzählten zu , gewährleistest die Umsetzung einer zentralen Forderung des Bürgerlichen Realismus: Er ermöglicht eine mit den Prinzipien des Realismus zu vereinbarende sinnstiftende 'Wiedergeburt der Wirklichkeit aus dem gestaltenden Geist des sinnstiftenden Dichters", wie Otto Ludwig sehr pathetisch formulierte. Die Novelle garantiert über diesen Weg die wechselseitige Durchdringung von Objektivem und Subjektivem. Eine solche Korrelation wird durch die Annahme gestützt, dass der dargestellte, auf den Einzelnen konzentrierte Ausschnitt, das Detail eben Pur das Ganze stehen kann.
      Daran anschließend liefert die Mehrheit der Novellen des Bürgerlichen Realismus eine nüchterne Auseinandersetzung mit einem eng umgrenzten, aber repräsentativen Lebensausschnitt, wobei die empirischen Existenzbedingungen im Vordergrund stehen. Der Einzelne sieht sich in der Regel ausweglos in die gesellschaftspolitischen Bedingungen verstrickt. Aufgrund dieser thematischen Ausrichtung darf Annette von Droste-llülshoffs Juden-huche aus dem Jahr 1842 als eine literarische Pionierleistung für die Entwicklung der realistischen Novelle des Bürgerlichen Realismus gelten. Die realistische Konzeption sowie die sozialgeschichtliehe Fundierung und Konkretisierung der Geschehnisse das Geschehen ist in einem konkreten authentischen Raum angesiedelt -, die Objektivität der Erzählhaltung, aus der heraus der Lebensweg eines Menschen nachgezeichnet wird, nehmen entscheidende formalstilistische Eigenheiten der insbesondere nach 1860 entstandenen Novellenliteratur des Bürgerlichen Realismus vorweg.
      Droste-Hülshoffs im 18. Jahrhundert, in einem in der 'Waldeinsamkeit" gelegenen Dorf spielende Novelle liegt zwar eine wahre Begebenheit zugrunde; doch das historische Ereignis wird insofern erweitert, als das Geschehene als Resultat der Verfehlungen der Gemeinschaft, hier einer Dorfgemeinde, vorgeführt werden, in der die 'Begriffe Recht und Unrecht einigermaßen in Verwirrung geraten" sind . Das verhängnisvolle Schicksal des Einzelnen spiegelt die gesellschaftliche Situation, erzählt wird nicht eine persönliche Entwicklungsgeschichte, sondern ein repräsentativer abfal-lender Lebensweg zwischen Geburt in einem Elendsmilieu und dem selbst gewählten Erhängungstod. Aus einem durch 'Unordnung und böse Wirtschaft" geprägten Elternhaus stammend gelingt es dem Protagonisten Friedrich Mergel nicht, seinen sozialen und persönlichen Abstieg zu verhindern. Die Handlung läuft nach einem geradezu zwanghaften Mechanismus ab, an den auch die Erzählerin ohne die Möglichkeit zum Eingreifen gebunden zu sein scheint. Dieser Eindruck wird verstärkt durch die Beschreibung der Lebensverhältnisse der Menschen als determinierende und vor allem auch als gegenüber dem subjektiven Wollen dominierende.
      Droste-Hülshoffs Novelle ist in vielem exemplarisch Cur die realistische Novelle, auch wenn sie Jahre vor der Wirkungszeit des Bürgerlichen Realismus erschien: Nach ihrer Veröffentlichung fand die.Judenhuehe bezeichnenderweise nur wenig Aufmerksamkeit. Erst im Umfeld des nach 1848 wirkenden Realismus widerfuhr ihr eine angemessene Beachtung2', fand man in ihr doch vor allem in einem Punkt das Vorbild für eine realistische Novellenliteratur: Nahezu alle Novellen des Bürgerlichen Realismus kreisen -gemäß der Programmatik der Bewegung um den Konflikt, der sich zwischen Individuum und Gesellschaft auftut; dabei geht es um die Ãobermacht des Gesellschaftlichen über das Individuelle oder, umgekehrt formuliert, um die Ohnmacht des Individuellen der Gesellschaft gegenüber; mit genau dieser Thematik war ihnen Droste-Hülshoff vorausgegangen.
      Im Gegensatz zu Droste-llülshoffs Werk kommt es in den nach 1848 entstandenen Novellen jedoch nicht zu einer offenen Konfrontation, was sicherlich in der spezifischen Anlage des Bürgerlichen Realismus als eines poetischen Realismus' sowie in der Haltung seiner Vertreter begründet liegt. Die Aussicht auf eine harmonische Versöhnung bleibt bestehen, der Glaube an die grundsätzliche Vcrsöhnbarkeit von gesellschaftlichen Belangen und individuellen Wünschen wird in einem poetisierten Bild der Realität aufgehoben. Allerdings kennt die Novellenliteratur des Bürgerlichen Realismus auch das unversöhnliche Ende, kennt das Scheitern des Einzelnen, der über den Diskrepanzen zwischen eigenen Sehnsüchten und den Anforderungen der Realität zerbricht. Kellers Romeo und Julia auf dem Dorfe, aber auch Raabes Novellen geben eindrucksvolle Beispiele Cur diese Tendenz.
      Dabei verfahrt die Novelle zwar weniger verklärend, dafür aber weitaus didaktischer als der Roman des Bürgerlichen Realismus. Mit pädagogischem Impetus weist man auf die Notwendigkeit einer humanen Neuorientierung der bürgerlichen Gesellschaft hin. Im Festhalten an solchen Möglichkeiten und Perspektiven, am Ideal einer humanen bürgerlichen Gesellschaft also, kommen die spezifische Ausrichtung der nach 1848 entstandenen Novellis-tik sowie die bürgerliche Haltung ihrer Vertreter zum Ausdruck. Zwar baut die Novelle eine Konfrontation zwischen objektiver Realität und subjektivem Erleben auf; sie eröffnet dabei allerdings stets die Perspektive auf eine Neuorientierung im Namen des humanistischen Ideals und auf eine Rückbesinnung der bürgerlichen Gesellschaft auf ihre ehemaligen Werte und Normen. Dieser Ansatz begründet die binnenkritische Dimension der Novellistik des Bürgerlichen Realismus.
     
Zudem bot die Novelle, mehr als der Roman, die Möglichkeit, dem der bürgerlich-realistischen Literatur eigenen Bedürfnis nach einer harmonischgeordneten Aneignung von Realität ebenso wie nach einer stabilen, harmonischen Ordnung und Anordnung der Wirklichkeil innerhalb des literarischen Entwurfs von Realität nachzukommen. Die sich in der Novelle bietende Gelegenheit, einen geordneten Weltentwurf, einen festen Rahmen für die notwendig gewordene und zum Programm erhobene Individualisierung sozialhistorischer Prozesse und Strukturen zu etablieren, dürfte einer der Gründe für die Beliebtheil dieses Genres im Bürgerlichen Realismus sein.
     

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