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Bürgerlicher realismus

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Gottfried Keller (I8I9-I890)



Zusammen mit Storni darf Gottfried Keller als der wohl wichtigste Vertreter der Novelle des Bürgerlichen Realismus gelten. Der Aufstieg der novellistischen Erzählkultur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist insbesondere mit seinem Namen verbunden, ungeachtet der Tatsache, dass Keller den Gattungsbegriff Novelle nicht benutzte, er bezeichnete Die Leute von Seldwyla als Erzählungen.


     

Kellers Novellen, insbesondere sein 1856 erschienener Zyklus Die Leute von Seldwyla* sind, wie die Storms, eine Auseinandersetzung mit den zeitgenössischen gesellschaftlichen Lebensbedingungen; wie bei Storni finden dabei moralisch-ethische Fragen einer dezidiert bürgerlichen Lebensform Berücksichtigung. Als bürgerlicher Realist rückt Keller das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft in den Mittelpunkt, mithin die Spannung zwischen persönlicher Leidenschaft und bürgerlichem Ordnungsbedürfnis.4' Diskutiert wird dieser Konflikt bei Keller stets vor dem Hintergrund einer notwendigen Einfügung des Individuums in das gesellschaftliche System und Kollektiv, auch wird bürgerliches, und das heißt bei Keller primär soziales und politisches, Verantwortungsbewusstsein hervorgehoben. Gemessen an dieser Vorgabe sind die Seldwyler die schlechten Bürger. Sie stehen für die Weigerung, sich einzufügen, für übertriebene Individualität und Egoismus, für fehlendes soziales Bewusstsein und für sorglose 'Gemütlichkeit", wie es in dem den Novellenband einleitenden Vorwort heißt.4' Die hier versammelten Novellen thematisieren die Kapitalisierung und Ã-konomisierung der Gesellschaft ebenso wie die Auswirkungen dieses Prozesses auf den Einzelnen und auf zwischenmenschliche Beziehungen gleichermaßen. Geglückte Verbindungen, wie die zwischen Sali und Vrenchen in der Novelle Romeo und Julia auf dem Dorfe werden ausschließlich in ihrer Abhängigkeit von der ökonomischen und gesellschaftlichen Situation entworfen. Das Fehlen einer soliden ökonomischen und sozialen Basis fordert auch das Scheitern dieser Verbindung: Ehe ohne bürgerliche Solidität wird als nicht realisierbar vorgeführt.
      So ist das Thema auch der Kellerschen Novellen die Fehlentwicklung einer Gesellschaft, die sich von ihrem ehemaligen bürgerlichen Humanitätsideal entfernt hat. Mit diesem Ideal war man in den Jahren vor 1848 angetreten, mit ihm wollte man Ideale der Weimarer Klassik realisieren', ins ,Reale' übertragen also. Statt durch Humanität und Gemeinschaftssinn sah Keller die bürgerliche Gesellschaft durch Borniertheit, Profitgier und Eigennutz bestimmt, durch Fehlentwicklungen, die er, ebenso wie Storni, Fontane und Raabc, an die durch das Bürgertum forcierten Prozesse der Materialisierung und Kapitalisierung der Gesellschaft knüpfte.

     

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Gottfried  Keller  (I8I9-I890)    





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