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Bürgerlicher realismus

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Ferdinand von Saar (I833-I906)



Die Zuordnung Ferdinand von Saars zum Bürgerlichen Realismus ist nicht unproblematisch. Denn zwar steht im Zentrum seiner Novellen zumeist der 'einzelne, häufig isoliert[el und sich selbst überlassen[ej Mensch".'''' Gesellschaftliche Realität ist dabei ausschließlich im subjektiven Erleben und Erleiden greifbar, soziale Wirklichkeit spiegelt sich über die Leiderfahrung des Subjekts. Die alltägliche Lebenswelt ist dabei nur von sekundärer Bedeutung, allerdings wird der geschilderte Einzelfall als zeitgeschichtlich symptomatisch vorgeführt. Eine solche Akzentsetzung entspricht der Programmatik des Bürgerlichen Realismus; dennoch darf Ferdinand von Saar nur bedingt als ein Vertreter des Bürgerlichen Realismus reklamiert werden; denn als Anhänger des Reformadels hegt er zeit seines Lebens entschiedene Vorbehalte einem aufsteigenden Bürgertum gegenüber, das nach der ökonomischen Macht auch die politische Vormachtstellung einforderte. Dementsprechend zielen Saars zumeist historische Novellen in der Regel weder auf die bürgerliche Gesellschaft noch auf das bürgerliehe Individuum. Sein zentrales Motiv der ,Entsagung', des Verzichts auf persönliches Glück, wird nicht als das Resultat der Auseinandersetzung des Subjekts mit dem Kollektiv, des Individuums mit der Gesellschaft, sondern als ein Prozess der Reifung des Einzelnen in einer 'Welt der Entsagung des Schmerzes", wie es in der Novelle Die Geigerin''' heißt, vorgetragen.

      Die Novelle Vae Vielis! spielt vor dem Hintergrund des sich nach 1859 abzeichnenden Niedergangs Ã-sterreichs und des österreichischen Adels. Das bürgerliche Beamtentum wie auch die besitzende Bourgeoisie sind die aufsteigenden und auf Reformen dringenden Kräfte im Staat; als solche geraten sie in Konflikt mit dem alteingesessenen Adel. Diesen Grundkonllikt schildert Saar anhand einer einzigen Familie: Die Konfrontation zwischen Adel und Bürgerlichen findet innerhalb der Ehe des Barons Brandenberg statt; dieser ist Repräsentant einer untergehenden, auf der Vorherrschaft des Adels basierenden Ordnung. Sein Kontrahent ist der Vertreter einer innovativen politischen Bürgerlichkeit, dem auch die Frau des Barons, Tochter eines llolbeamlen, zugetan ist. Nach dem Selbstmord ihres Mannes geht sie eine zweite Ehe mit dem Bürgerlichen ein und eröffnet so die Perspektive auf eine neue Zeit. Saar selbst stand dieser gesellschaftlichen Modernisierung skeptisch gegenüber, und dies nicht etwa als Bürgerlicher, der die Fehlentwicklung der bürgerlichen Gesellschaft mit Misstrauen beobachtete. Die Preisgabe der Tradition und des herkömmlichen Ordnungsgefüges im Zuge der Ausbildung einer bürgerlichen Gesellschaft verfolgte er vielmehr als Vertreter des Reformadels mit Besorgnis. Der melancholische Grundzug, mit dem er die zweite Ehe zwischen der Baronin und dem bürgerlichen Politiker schildert, ist ein Indiz für diese Skepsis. Dennoch darf die Novelle in Verbindung zum Bürgerlichen Realismus gebracht werden, handelt es sich doch um einen Abgesang auf die einstmals unangefochtene k.u.k. Monarchie und damit auch um die partielle Anerkennung der bürgerlichen Klasse als einer neuen politischen Kraft.
      Auch in der Novelle Schloß Kostenitz diskutiert Saar den Niedergang der traditionellen Adelswelt sowie des Adels als einer gesellschaftlich führenden Schicht, die den Ansprüchen und Zielsetzungen eines neuen bürgerlichen Zeitalters nicht gerecht wird. Indem Saar hierbei die Forderungen nach einer humanen Gesellschaft an die liberalen Kräfte knüpft, skizziert er die Verhältnisse in der Zeit vor und nach 1848, in der die Novelle spielt.

     

Nach den revolutionären Ereignissen haben sich die reaktionären Kräfte durchgesetzt, Graf Poiga ist einer von ihnen. Er repräsentiert jene Adelsschicht, in der ein harmonisches gesellschaftliches Zusammenleben wenig zählt. Wenn der Graf auf dem Schlachtfeld von Magenta stirbt, wo Ã-sterreich Frankreich und Italien unterlag, so gestaltet Saar mit dieser Niederlage zugleich den Abgesang auf eine überlebte Klasse. Dessen ungeachtet spürt man allenthalben die Skepsis, die Saar den neuen bürgerlichen Kräften gegenüber hegt. Als Autor adeliger Herkunft hat er zu keinem Zeitpunkt uneingeschränkt im Sinne des Bürgertums geschrieben.
      Lediglich im Hinblick auf den Umgang mit dem vierten Stand ist Saar diesem eng verbunden. In seinen Novellen Die Steinklopfer aus dem Jahr 1874 und Die Trogloüytin, 1889 erschienen, wendet er sich dem Proletariat sowie dem proletarischen Milieu zu, allerdings nicht aus einem naturalistischen Interesse an der sozialen Frage heraus. Mit offensichtlichem Unverständnis berichtet der Erzähler von der sozialen Krise der proletarischen Schichten. Der Forstmeister, aus dessen Perspektive erzählt wird, macht die Menschen für ihre Lage selbst verantwortlich, eine Sicht auf die Zustände, die durch keine andere Figur der Novelle korrigiert wird. Die Unterschiede zum Naturalismus könnten kaum gravierender sein. Doch gerade diese verständnislose Gebärde eines Angehörigen der gesellschaftlich führenden Schicht angesichts des wachsenden, industriell bedingten Elends an den sozialen Rändern der Gesellschaft rückt Saar in die Nähe der bürgerlichen Realisten, die bekanntlich dieses drängende Problem der wilhelminischen Gesellschaft ebenfalls kategorisch ausschlössen. Saars Reaktion ebenso wie die anderer Realisten verweisen auf die Verwirrung, mit der die Literatur auf die soziale Frage und die Entstehung eines modernen Industrieproletariats reagierte.
      Die späten Novellen Saars variieren das Thema der untergehenden Adelswelt, allerdings nicht aus einer bürgerlichen Perspektive.6* Als 'Bilder von den Verletzungen, Niederlagen und Auslöschungen des Individuums in der kollektiven und anonymen Welt auf der Schwelle des 20. Jahrhunderts"6'' sind sie dem kritischen Spätrealismus dennoch eng verbunden.

     

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Ferdinand  Saar  (I833-I906)    





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