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Die Leute von Seldwyla (I856 und I873/74)



Kellers sicherlich populärste Novellensammlung erschien in zwei Teilen 1856 und 1873/74; der erste Teil enthält bekannte Werke wie Pankraz, der Schmoller, Romeo und Julia auf dem Dorfe, Frau Regel Amrain und ihr .Jüngster, Die drei gerechten Kammacher sowie Spiegel, das Kätzchen. Viel beachtete Novellen des zweiten Teils sind Kleider machen Leute und Der Schmied seines Glücks. Die Novellen dieser Sammlung gehören insgesamt zu den repräsentativen Erzählungen des Bürgerlichen Realismus wie auch des gesamten 19. Jahrhunderts. Seldwyla45, wo die Mehrheit der in dem Band vereinten Novellen spielt, ist ein repräsentativer Ort der bürgerlichen Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Vor allem mit dem ersten Teil seines Zyklus hat Keller das Bild einer ,anderen', idealen bürgerlichen Gesellschaft entworfen, das er der real existierenden Bürgerwelt, dem Mikrokosmos Seldwyla, entgegenstellt. Seine Novellen geben damit zugleich Auskunft über jenen bürgerlichen Erwartungs- und Wertehorizont, aus dem heraus die bürgerlichen Realisten geschrieben haben; des Weiteren aber auch über ihren kritischen Entwurf einer Bürgerlichkeit, der mit der für die 1870er und 1880er Jahre diagnostizierten Differenz zwischen einem Besitz-und einem Bildungsbürgertum nur unzureichend benannt ist.
      Seldwyla ist ein Ausnahmeort, in dem seltsame Sonderlinge leben, Keller hat in seiner Einleitung von der 'lustigen und seltsamen Stadt" und von den in ihr zu beobachtenden, durch 'Müßiggang" gekennzeichneten 'Geschichten und Lebensläufen" gesprochen.4'' Im Zentrum von Kellers Interesse steht die Wandlung, die der ehemals 'wonnige und sonnige Ort" durchgemacht hat. Lebten die Menschen dort zuvor 'sehr lustig und guter Dinge", so droht dieser 'Charakter nun in sein Gegenteil zu verwandeln" . Entworfen wird sodann eine Stadtgemeinschaft, die vornehmlich durch Unternehmungslust, Müßiggang, Kalkül, politische Unmündigkeit, materialistische Lebenseinstellung, Konkurrenzkampfund -neid sowie Bestechlichkeit gekennzeichnet ist. So sind die wachsende Bedeutung des Ã-konomischen und eines nicht hinterfragten Kapitalismus ebenso wie die bürgerlich-materialistische Haltung der Hintergrund, vor dem die einzelnen Geschichten erzählt werden. Auch Kellers Novellen sind eine Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen der Menschen in einer Gesellschaft, die sich im Namen ihrer Verbürgerlichung zunehmend materialisierte. Wie Storm geht es Keller dabei zugleich um das Verhältnis von persönlichem Anliegen und bürgerlichem Ordnungsbedürfnis. Die Grundlage der Bestimmung des Verhältnisses zwischen Individuum und Gesellschaft bildet auch bei Keller die Einsicht in die Notwendigkeit der Einfügung des Individuums in das gesellschaftliche


System und soziale Kollektiv; die Ãoberzeugung von der notwendigen Ausbildung eines bürgerlichen sozialen Verantwortungsbewusstseins also. Die Seldwyler indes stehen für fehlendes Verantwortungsgefühl, stehen für Egoismus und für das Sich-nieht-einordnen-Wollen in die soziale Gemeinschaft. In diesem Sinn werden die nach der Revolution von 1848 entstandenen Geschichten zum Ausdruck der gescheiterten politischen Ziele, der enttäuschten Hoffnungen und Erwartungen des liberalen Bürgertums. Sie sind um eine gesellschaftliche Wirklichkeit und Lebenswelt zentriert, die im Umbruch begriffen, und um die Menschen, die im Zuge dieser Prozesse weitreichenden Veränderungen ausgesetzt sind. Wie kein anderer Autor hat Keller dabei das Gewicht auf die Konsequenzen der Kapitalisierung, Ã-konomisierung und Materialisierung der Gesellschaft für die individuellen Lebensentwürfe gelegt. Auf die Veränderungen in einer Gesellschaft also, die primär durch materielles Gewinnstreben sowie durch eine materialistische Grundhaltung geprägt ist und infolgedessen humanistische Werte in den Hintergrund drängt.
      Vielfach stehen in den Geschichten Protagonisten im Vordergrund, die sich von der übrigen Gemeinschaft positiv abheben oder denen durch die Gemeinschaft die Lebensgrundlage entzogen wird, wie z.B. im Falle von Sali und Vrenchen aus Romeo und Julia auf dem Dorfe. Andere können sich gegen die Gesellschaft zur Wehr setzen, indem sie die Dorfgemeinschaft verlassen, so z.B. Pankraz, der Schmoller aus der gleichnamigen Novelle. Ihr Handeln und ihre Ziele gehen nicht ausschließlich in Privatinteressen auf, sondern sie richten ihren Blick auf die soziale Gemeinschaft, auf ein herzustellendes ideales Gemeinwesen. Mit ihnen zeigt Keller Ausnahmen in einer Stadt, die, dadurch dass sie nach dem Vorbild der Narrengemeinschaft entworfen wird, selbst eine Ausnahme ist.
     

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