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Bürgerlicher realismus

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Das Amulett (I873)



Meyers berühmteste, zwei Jahre nach der Reichsgründung entstandene Novelle Das Amulett handelt von einem durch selbstgerechte Arroganz, Egoismus und übersteigertes Selbstbewusstsein gekennzeichneten Menschen. In seiner Ignoranz und Selbstherrlichkeit erinnert Schadau an den Protagonisten aus Storms Schimmelreiter, wie dieser verkörpert auch diese Figur den gründerzeillichen Typus eines bürgerlichen Machtmenschen.
      Den Sprung aus der Gegenwart in die Vergangenheit leistet Meyer wie viele andere Novellisten des Bürgerlichen Realismus über die Rahmennovelle. Das Amulett ist eine solche Rahmennovelle, ihr Aulbau ist repräsentativ für Meyers Novellistik, Für seine Neigung also, den eigentlich interessierenden Sachverhalt an ein Geschehen der Vergangenheit zu knüpfen und damit Distanz zu diesem herzustellen. In Das Amulett macht sich ein in der zeitgenössischen Gegenwart verorteter Erzähler daran, einige vergilbte Blätter mit einer aufgezeichneten Geschichte aus dem 17. Jahrhundert in der zeitgenössischen Sprache wiederzugeben. Fr selbst fügt der Geschichte sodann Schilderungen aus dem Frankreich des 16. Jahrhunderts hinzu: Damit ist ein zweiter Erzähler eingeführt er schildert die Ereignisse aus dem Frankreich des 16. Jahrhunderts, vor allem der Bartholomäusnacht des 24. August 1572. Die Handlung der Novelle ist damit eingebettet in die Auseinandersetzung zwischen Calvinisten und Katholiken im 16. Jahrhundert, die ihren Höhepunkt in eben dieser Bartholomäusnacht fand. Der novellistischen Konzeption des Bürgerlichen Realismus entsprechend gibt Meyer seiner Novelle einen zweifachen Rahmen. Die Schilderung der Bartholomäusnacht erfolgt aus der Sicht des gläubigen Calvinisten Hans Schadau, der als fik-tiver Erzähler der Binnenhandlung in einer Gewissensbefragung rückblickend die Vorfalle bewertet. In seiner Rückschau ist er nicht in der Lage, die Ereignisse anders als aus seiner ignoranten calvinistischen Sehweise zu betrachten.
      Sein Charakter und sein Verhalten werden zur Metapher für die zeitgenössische Borniertheit und egoistische Ãoberheblichkeit einer Gesellschaft, die durch den gegen Frankreich gewonnenen Krieg und den dadurch ausgelösten ökonomischen Aufschwung imperiale Machtansprüche stellte. Schadau ist ein bornierter Einzelgänger, der primär seine Interessen und seine Ziele im Auge hat. Ohne jegliche Selbstzweifel bringt er seine Ansichten und Ãoberzeugungen an, die er stets über die der anderen stellt. Toleranz, Versöhnlichkeit und Harmoniebedürfnis sind ihm fremd. Humanität im Sinne einer sozialen und ethischen Kategorie des menschlichen Mit-einanders, des Verantwortungsgefühls für die Gemeinschaft, kennt er nicht. Meyer lässt keinen Zweifel darüber aufkommen, dass er als Verursacher der beschriebenen Katastrophen den aus Eigensinn und Selbstüberschätzung handelnden Einzelnen und nicht etwa die Gesellschaft verantwortlich macht. Dieser Ansatz unterscheidet Meyers historische Novellistik von den Werken anderer bürgerlicher Realisten.
      Auch in der im 17. Jahrhundert am Zürichsee spielenden Novelle Der Schuß von der Kanzel aus dem Jahr 1877 geht es um den Machtmenschen, der sich seine eigenen Gesetze und seine eigene Wirklichkeit schafft. Der Protagonist Rudolf Werthmüller, ein General, kontrolliert das Geschehen, er agiert und arrangiert auf der Grundlage persönlicher Präferenzen sowie einer subjektiv wahrgenommenen Wirklichkeit, im Zuge derer auch die Gesellschaft nur mehr die statistische Rolle einer von ihm selbst inszenierten Szene einnimmt. Wie in Kellers Novelle Kleider machen Leute schneidet Meyer damit zugleich die Frage nach der Gewichtung von Realität und imaginärer Inszenierung von Wirklichkeit, von Sein und Schein an. Die Wirklichkeit, auch die historische, wird im Wirken Werthmüllers aufgelöst. Der Realist Meyer lässt dabei keinerlei Zweifel darüber aufkommen, dass ein solcher, auf Sehein und Imagination sowie auf dem Willen eines Machtmenschen basierender Realitätsentwurf wenig mit der Realität des Alltags zu tun hat. Diese Diskrepanz zwischen Sein und Schein, Realität und Irrealität ist auch der Ausgangspunkt seiner 1880 erschienenen Novelle Der Heilige, die von folgender Erkenntnis des Protagonisten ausgeht: ,,L-.] es gibt Augenblicke, da mir gleichermaßen graut vor dem, was die Menschen sind, und vor dem, was sie sich zu sein einbilden."1' Zwar ist die Handlung auch dieser Novelle wiederum in die mittelalterliche Vergangenheit des 12. Jahrhunderts verlegt; Thomas Becket, Sohn einer sarazenischen Prinzessin und eines sächsischen Pilgers, kämpft erfolglos für eine Politik des humanen sozialen und politischen Miteinander und um die Würde des Menschen. Die brutale Realität der Gewalt und des Krieges, der Hinrichtungen und Todesurteile vereitelt sein Streben nach Ausgleich und Versöhnlichkeit. In Pkwlus im Nonnenkloster hat Meyer diese, mit Blick auf die zeitgenössische Gesellschaft der Gründerzeit formulierte Kritik wiederholt; auch hier entwirft er eine Welt der Täuschung und des Misstrauens; sowohl die Welt des Klosters als auch die der kirchlichen Autoritäten sieht er durch eine eklatante Diskrepanz zwischen Sein und Sehein gekennzeichnet. Von dieser Erkenntnis bleiben kirchliche Institutionen nicht ausgeschlossen, auch die Well des Glaubens und der Religion ist infiltriert von Egoismus und Inhumanität. So scheitert in Das Leiden eines Knaben ein junger Mensch in einem von Jesuiten geleiteten Internat an der Inhumanität und Teilnahmslosigkeit, aber auch Brutalität der Internatsleitung. Auch in Die Hochzeit des Mönchs diskutiert Meyer die diesseitige Realität als einen Ort tragischer Verwicklungen und des Todes. Die Klosterwelt wird mit einem Chaos von Leidenschaft, Hass und Rache überzogen. Der Mönch Astorre, der fünfzehn Jahre im Kloster verbracht hat, kann gegen diese Verhältnisse nicht allzu viel ausrichten und geht an ihnen zugrunde.
      In Gustav Adolfs Page aus dem Jahr 1882 hat Meyer wiederum die Perspektive gewechselt, hier geht es um die Ohnmacht eines positiv gesinnten humanen Menschen. In der im 17. Jahrhundert spielenden Novelle verkörpert der schwedische König Gustav Adolf vorbildliche Sittlichkeit und einen ernsten Glauben. Auguste Leubelfing tritt aus uneigennütziger Liebe zu ihm als Page verkleidet in seine Dienste. Doch auch die falsche Rolle in der Welt des Hofes lassen Glück und Erfüllung nicht zu. Wiederum entwirft Meyer eine egoistische Welt menschlicher Begehrlichkeiten und Unzulänglichkeiten. Liebe und Glauben sind bedroht durch die Eigennützigkeit und die Rachsucht des Einzelnen.
      In seiner Novelle Die Richterin Meyer hielt sie aufgrund der in ihr eingehaltenen ethisch-moralischen Perspektive für seinen besten Gat-tungsbeilrag wird ein positiver Ausblick zumindest angedeutet. Die schuldig gewordene Richterin Stemma bekennt sich zu ihrer Schuld und gesteht diese, um anschließend den Freitod zu wählen. Das starke, aber auch schuldige Individuum unterwirft sich den Belangen der Gemeinschaft: Meyer thematisiert mit dieser Entscheidungsfindung die Aussöhnung des Einzelnen mit dem bei ihm als bürgerlich-christliche Gemeinschaft gedachten Kollektiv. Indem der Mensch über sich selbst richtet, wird er sozial und damit fähig, sich in die Gemeinschaft zu integrieren, und auch willig, für diese zuleben. Auch in der historischen Figur des Pescara, des Feldherrn Karls

V.

, gestaltet Meyer diese Idee. Obwohl in der Renaissancezeit um die Mitte des 16. Jahrhunderts spielend, zeigt die Die Versuchung des Pescara nicht mehr den Menschen der Renaissance, der sich infolge von Selbstüberschätzung und übersteigertem Selbstwertgefühl als zur Integralion in die Gemeinschaft unfähig erweist. Auch Pescara ist ein Getroffener - er wurde durch eine tödliche Wunde verletzt. War es in Die Richterin die Schuld, die die Figur verletzbar machte und zum Umdenken bewegte, so ist es hier die tödliche Verwundung, die Pescara in der Schlacht von Pavia erlitten hat. Auch Pescara hat das Leiden versöhnlich und bescheiden werden lassen, auch in dieser Novelle steht der Läuterungsprozess eines Verletzten im Vordergrund; statt Handlung und Geschehen dominiert dabei die Beschreibung der Einsicht des Menschen in die Höherwertigkeit einer humanen Lebensnorm, die weder auf die Stärke des Einzelnen noch auf die Ausübung von Macht setzt, sondern aus der Erkenntnis in die eigene Schwäche heraus ihre Kraft bezieht. Im Mittelpunkt der Novelle steht dementsprechend nicht die uneingeschränkte Aktion eines .Ãobermenschen', sondern die Hinfälligkeit eines Leidenden und die sich daran anschließende Erkenntnis der Unterlegenheit dem Ganzen gegenüber. Sowohl das Land Italien, in dem das Geschehen spielt, als auch die Renaissance-Zeit des 16. Jahrhunderts haben den Höhepunkt ihrer Macht und Bedeutung überschritten; ihr Niedergang kündigt sich an, statt des Bewusstseins Für die eigene Stärke dominiert die Vorahnung vom anstehenden Untergang.
      Mit Angela Borgia, seiner letzten Novelle aus dem Jahr 1891, gibt Meyer noch einmal seinen pessimistischen Erwartungen im Hinblick auf eine Gesellschaft Ausdruck, die im beginnenden imperialistischen Zeitalter zunehmend nach egoistischen Gesichtspunkten und nach individualistischen Kategorien handelt. Zwar wird in dem Paar Angela Borgia und Giulio, den der Kardinal Ippolito aus Gründen der Eifersucht blenden ließ, eine neue Form humanen Miteinanders und Zusammenlebens vorgeführt; gegenseitige Achtung und Anteilnahme an ihrer Um- und Mitwelt zeugen davon. Letztere indes bleibt unberührt von einer solchen Lebensgestaltung. Mit diesem skeptischen Ausblick auf die mögliche Wandelbarkeit einer auf imperialistischem Geltungsdrang und kolonialer Expansion, auf Machtbewusstsein und Selbstüberschätzung infolge des gewonnenen Krieges gegen Frankreich fußenden Gesellschaft endet Meyers Novellenwerk. Die versöhnende Geste des bürgerlichen Realisten sucht man in diesen späten Novellen vergeblich.

     

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Das  Amulett  (I873)    


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