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Bürgerlicher realismus

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Conrad Ferdinand Meyer (I825-I898)



Die größten literarischen Leistungen des zweiten im Umfeld des Bürgerlichen Realismus zu behandelnden Schweizer Autors liegen auf dem Gebiet der Novellendichtung. Meyers Novellen Das Amulett , Der Schuß von der Kanzel , Der Heilige , Die Hochzeit des Mönchs und Die Versuchung des Pescara dürften seine bekanntesten Werke sein. Sie erschienen fast ausnahmslos in Julius Rodenbergs Deutscher Rundschau, dem repräsentativen Organ des nationalliberalen Bildungsbürgertums. Meyer dem Bürgerlichen Realismus zuzuordnen, ist aber nicht unproblematisch, sind doch seine Bevorzugung historischer Stoffe sowie sein konzentrierter Blick auf das Individuum und die historische Persönlichkeit nicht zwingend repräsentativ für den Bürgerlichen Realismus. Sein Hang zum Pathetischen und zur heroischen Geste, seine Vorliebe für heroische Gestalten und monumentale Persönlichkeiten weisen Meyer vielmehr als einen Repräsentanten der Kultur und Literatur der Gründerzeit aus, das renaissancehafte Zeitkolorit im Werk von Meyer erinnert an die Historienmalerei eines Hans Makart, Arnold Böcklin und Hans Thoma.
      Dennoch thematisieren und variieren auch Meyers Novellen das Grundthema des Bürgerlichen Realismus: Auch Meyer schreibt seine Novellen auf der Grundlage der Kellerschen Maxime: 'Was ewig gleich bleiben muss, ist das Bestreben nach Humanität"6"; daran anschließend fordert er die Integration des Menschen in die human gedachte Gemeinschaft ein, geht also vom Primat des Ganzen vor dem Einzelnen aus. So ist es ihm letztlieh ebenfalls um das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft zu tun, auch wenn ein erster Blick auf die Novellen dies nicht vermuten lässt. Mit seiner Novelle Das Amulett z.B. führt Meyer die gesellschaftliche Katastrophe als das Resultat des eigennützigen und egozentrischen Handelns des Individuums vor. Die Synthese des Individuellen mit dem Sozialen wird problematisiert, wie die Novellistik Storms und Kellers behandeln auch Meyers Novellen die Schwächen einer Gesellschall, deren Handeln zunehmend egoistischen Erwägungen folgt. Allerdings hat sich bei Meyer, indem er den Blick vornehmlieh auf das Individuum lenkt, die Perspektive verschoben. Zwar liegt auch seinen Novellen die Einsicht in die Notwendigkeit einer humanen Basis der bürgerliehen Gesellschaft zugrunde; doch sie beantworten die Frage nach dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft anders als etwa die Werke Kellers, wird doch die Möglichkeit der Synthese des Subjektiven mit dem Kollektiv wesentlich skeptischer eingeschätzt. Der von Meyer beschriebene Mensch ist nicht zu einer harmonischen Integration in die Gemeinschaft fähig. Mehrheitlich leiden seine Protagonisten an Selbstüberschätzung, die Novellen kreisen von daher um das Subjekt, um den sich selbst überschätzenden Einzelnen. Das problematisch gewordene Verhältnis von Individuum und Gesellschaft wird dabei weniger als das Resultat einer sich zunehmend ,unbürgerlich' gestaltenden Gesellschaft, einer auf humane und soziale Werte weitgehend verzichtenden Gemeinschaft vorgeführt; vielmehr macht Meyer den Einzelnen für die Krisen des Alltags verantwortlich, diese werden als das Resultat individuellen Handelns erklärt.
      Auch Meyers konsequente Weigerung, sich der zeitgenössischen Gegenwart und Lebenswelt zuzuwenden, sein Entschluss also, die Handlung ins Historische zu verlegen, unterscheidet ihn merklich von anderen bedeutenden Novellisten des Bürgerlichen Realismus. Bei Meyer stehen historische Stoffe im Mittelpunkt, die Konflikte zwischen Katholizismus und Protestantismus, Reformation und Gegenreformation, die Auseinandersetzungen zwischen romanischen und germanischen Völkern etwa. Sein Novcl-lenpersonal besteht dementsprechend nicht aus jenen Bürgerexistenzen, die die Werke Storms, Kellers oder Raabes prägen; nicht aus im bürgerlichen Alltag stehenden Helden; stattdessen bevölkern herausragende historische Persönlichkeiten seine Novellen, die geschilderten Konflikte entstehen um historische Gestalten .
      Meyer kam schon früh durch den Zürcher intellektuellen Kreis um seinen Vater in Kontakt mit den Ideen und Zielen des politischen Liberalismus. Mit


Interesse verfolgte er von der Schweiz aus die politischen Entwicklungen bis zur deutschen Reichsgründung. Misstrauiseh registrierte er die Bismarcksche Realpolitik und war insgesamt an den deutsch-preußischen Angelegenheiten interessiert. Vor dem Hintergrund dieses Interesses an den politischen Gegebenheiten seiner Gegenwart müssen Meyers Porträts herausragender Menschen als Bilder ,nietzscheanisehcr' Ãobermenschen gelesen werden. Zwar gestallet er keine gesellschaftlichen Typen, keine Exemplare des bürgerlichen Alltags, sondern individuelle Persönlichkeilen. Diesem Entwurf eines sich durch egoistische Hybris und durch Missachtung des Gemeinschaftsgefühls auszeichnenden Menschen liegt aber sicherlich ein direkter Bezug zur zeitgenössischen Entwicklung einer Gesellschaft zugrunde, die sich nach dem gewonnenen Krieg gegen Frankreich unangreifbar und stark fühlte. Wie Theodor Storms Protagonist Hauke Haien aus dem Schimmelreiter agieren auch Meyers Protagonisten auf der Basis übersteigerten Selbstbewusstseins individuell und egoistisch; über ihren Individualismus verlieren sie schließlich die Belange der Gemeinschaft gänzlich aus den Augen. Mit diesem Ansatz sind Meyers Novellen den gesellschaftspolitischen Verhältnissen und Entwicklungen der Gründerzeit eng verbunden. Seine Entscheidung, sich vornehmlich auf den Renaissancemenschen zu beziehen, muss als das Resultat seiner thematischen Interessen gelesen werden: Der Renaissancemensch verkörpert den .Ãobermenschen' der wilhelminischen Epoche. In seiner Besehreibung, unter Rückgriff auf das Menschenbild der Renaissance, leistet Meyer die kritische Auseinandersetzung mit einem zeitgenössischen, aufstrebenden Bürgertum, für das nur mehr die eigenen Interessen und Ziele von Belang waren. Der Einzelne mit seinen Stärken, seinen Leidenschaften und Affekten, aber auch mit seiner Schwäche und Ohnmacht, ja seinem Versagen, ist das Grundthema seiner Novellen. Meyers Vorliebe für die Renaissance erklärt sich mithin aus seiner kritischen Auseinandersetzung mit dem übersteigerten Selbstbild des Menschen dieser Epoche in Analogie zu seiner eigenen Gegenwart. Hierin bringt er die egozentrischen Kräfte einer Gesellschaft zum Ausdruck, die statt auf soziales Miteinander auf egoistisches Gegeneinander und auf die überhöhten, auch überschätzten Kräfte des Einzelnen setzt. Meyers Protagonisten sind nietzscheanische Machtmenschen im Bewusstsein ihrer individuellen Stärke, ohne dabei die kollektiven Interessen einzubeziehen. So interessiert Meyer an den dargestellten Persönlichkeiten nicht etwa deren historische Bedeutung und Taten; vielmehr geht es ihm um die psychologische Durchleuchtung und Entlarvung der beschrie benen Machtpcrsonen. Dabei ist der Bezug zum aufsteigenden bürgerlichen Machtmenschen der imperialistischen Ã"ra der bürgerlichen Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stets gegeben.
      Doch liegt z.B. in Kellers Novellen der thematische Schwerpunkt auf den gesellschaftlichen Zuständen, die menschliche Katastrophen heraufbeschwören, so sind es bei Meyer die Menschen selbst, die die Konflikte auslösen. Zwar sieht auch er in der bürgerlichen Gesellschaft und in einem humanen Aklivismus ein erstrebenswertes Ziel, das er in seinen Novellen gestaltet; doch deren Ausgangspunkt ist in der Regel die These, dass der individuelle Machtwille die soziale Integration in die Gemeinschaft nicht mehr zulässt. Seine Novellen zeigen den Einzelnen, beherrscht durch Affekte und Leidenschaften, durch Schwächen und die eigene Ohnmacht. Kaum ein Autor des Bürgerlichen Realismus hat die Möglichkeit einer Synthese von Individuum und Gesellschaft stärker problematisiert und in Krage gestellt als Conrad Ferdinand Meyer.
     

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Conrad  Ferdinand  Meyer  (I825-I898)    


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