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Bürgerlicher realismus

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Bürgerlicher Realismus und Novelle



Die Romanlileratur des Bürgerlichen Realismus lässt sich als Bericht über den Seelenzustund des 19. Jahrhunderts lesen. Doch auch die im Umfeld des Bürgerlichen Realismus entstandene Novellenliteratur liefert das Sozio- und Psychogramm eines Zeitalters, das nicht zu Unrecht als das bürgerliche schlechthin gilt. In ihr diskutiert man vornehmlich den Verlust humaner und sozialer Werte innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft, die zunehmend ökonomischen und materiellen Belangen folgte. Der Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft ließ sich dabei in der Form der Novelle, die ohnehin die Beziehung zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen zugespitzt thematisiert, adäquat verarbeiten. Die vom Bürgertum vorangetriebene Ökonomisierung und Kapitalisierung der (iesellsehaft brachte für große Teile des Bürgertums wie für den Hinzeinen gleichermaßen Unfreiheit und Hinengung. Die Novellenliteratur des Bürgerliehen Realismus hat sich genau diesem Thema verschrieben.
      Insofern besitzt die Novelle repräsentative Aussagekraft für die literarische Epoche des Bürgerliehen Realismus. Die Gattung erlebt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen bislang nicht gekannten Aufschwung. Gegenüber der Novellen- und Romanliteratur bleiben Lyrik und Dramatik in ihrer Bedeutung weit zurück und dürfen im Hinblick auf die Qualität und den Stellenwert als zweitrangig gelten. Hinzig die Balladen Theodor Fontanes heben sich ab, sie sind letztlich aber der erzählenden Prosa zuzurechnen, ist ihnen doch eine klare epische Tendenz zu eigen. Zwar hat Winfried Freund darauf hingewiesen, dass innerhalb der kurzen Prosatexte des Bürgerlichen Realismus die Erzählungen den Vorrang vor der Novelle haben. Dennoch darf man von einer Affinität zwischen der Novellenform und der Programmatik des Bürgerlichen Realismus ausgehen, denn die Novelle bietet eine geeignete Möglichkeit zur Thematisierung des Verhältnisses von In dividuum und Gesellschall, von subjektivem Wollen und gesellschaftlichem Zwang. Neben dem Bildungs- und Entwicklungsroman lieferte die Novelle den Rahmen Für die Verarbeitung dieses im Bürgerlichen Realismus dominanten Sujets. Dabei werden in den meisten Novellen die veränderten politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Lebensbedingungen, der sich innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft infolge der Ereignisse von 1848 vollziehende Umbruch sowie die Modernisierung der Lebensverhältnisse und Formen des Zusammenlebens reflektiert. Auffallend ist hierbei, dass der Konflikt wesentlich schärfer, die konfrontative Konstellation von Individuum und Gesellschaft als weitaus verfestigter beschrieben werden als in der Romanliteralur. Die Auseinandersetzung zwischen dem Subjekt und dem Kollektiv scheint verhärtet, die Chancen des Einzelnen auf Selbstbestimmung und Autonomie geringer. Die gesellschaftliche Ordnung wird in der Regel als übermächtig vorgeführt, die Determinierung des Einzelnen durch die sozialen und gesellschaftlichen Kräfte viel expliziter benannt. Damit ist zugleich angedeutet, dass in der Novelle das Verklärungspostulat des Bürgerlichen Realismus bei weitem nicht so strikt und konsequent umgesetzt wird wie im Roman. Der Freitod von Sali und Vrenchen in Gottfried Kellers Novelle Romeo und Julia auf dem Dorfe steht für eine solche Konfliktsituationen sowie Für die unverklärle und nicht abgemilderte Geste. Die idealistische Überhöhung fehlt nahezu ganz, stattdessen Führen die Novellen Storms, Kellers und Raabes menschliche Abgründe und die wenig perspektivenreichen Existenzbedingungen in der bürgerlichen Gesellschaft des späten 19. Jahrhunderts vor.
      Ursachen dieser Tendenz waren unter anderem die nach 1848 durch Resignation und Skepsis gekennzeichnete Stimmung und Mentalität großer Teile des Bürgertums, auch die der Kultur schaffenden literarischen Intelligenz. Des Weileren dürfte die Tatsache, dass die Mehrzahl der kanonisierten Novellen, insbesondere die Storms und Raabes, in den 1860er und 1870er Jahren entstand, mithin in genau jener Phase des späten, kritischen Realismus, der eine zunehmende Diskrepanz zwischen ehemaligem Ideal und der Realität des Bürgertums nach 1871 konstatierte, von Bedeutung sein. Der Freiraum und die Souveränität des Einzelnen waren durch die äußeren Prozesse und Zustände maßgeblich beschnitten, was zum einen als die Folge der Übermacht der politischen Autoritäten, zum anderen aber auch als das Resultat der Dominanz ökonomischer Faktoren ebenso wie des kollektiven Zwangs erfahren wurde. Mit der Entscheidung des Bürgertums, sich den vom Adel diktierten politischen Verhältnissen anzupassen und einer ,Realpolitik' zuzustimmen, wurde der Einzelne an den Rand gedrängt; das Gefühl der Ohnmacht und des Autonomieverlusts verstärkte sich, die Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse des Individuums gerieten aus dem Blickfeld; als Reaktion auf diese gesellschaftspolitischen Entwicklungen fanden sie in der Novellenliteratur gerade umgekehrt verstärkte Aufmerksamkeit. Die Novel-len des Bürgerlichen Realismus erzählen von Scheiternden und von bürgerlichen ,Trauerspielen'.
      Diese soziopsychischen und soziokulturellen Faktoren der gesellschaftlichen Entwicklung nach 1848 und insbesondere nach der Reichsgründung dürften die entscheidenden Voraussetzungen für die Novellenliteratur des Bürgerlichen Realismus sein. Diese richtet in Absetzung zur vorherrschenden gesellschaftspolitischen Entwicklung ihr Augenmerk auf den Einzelnen. Individuelle Schicksale werden im Rahmen der gesellschaftlichen Entwicklung nachgezeichnet, das novellistische Ereignis kreist, im verfeinerten Ausschnitt, um die Kollision der subjektiven Bedürfnisse mit den gesellschaftlichen Belangen. Den Vorzug der Novelle gegenüber dem Roman sah man dabei in der Möglichkeit, gemäß jener der Gattung eigenen Ausrichtung, sich auf einen exemplarischen Vorfall oder Einzelfall zu konzentrieren. Eine solche Begrenzung bot den Rahmen für die Umsetzung des programmatischen Verlangens nach der Trennung des Wesentlichen vom Unwesentlichen, nach der Konzentration auf das Wesentliche. Blieb auch im Bürgerlichen Realismus die Gattung Roman dem Anspruch auf Universalität verbunden, so konnte man innerhalb der Novelle der Forderung nach der Aus-schnitthaftigkeit des Erzählten und damit zugleich der Verpflichtung, alles Zulallige und Willkürlich-Beliebige zu vermeiden, nachkommen. Dabei wurde dieser Ausschnitt als ein Bild des Ganzen, als die "Abbreviatur" des "großen Ganzen des Weltlebens" verslanden.
     

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