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Bürgerlicher realismus
Der Roman des späten Realismus erzählt nicht mehr, wie noch Goethes Wilhelm Meisler, geradlinige Bildungswege. Vielmehr werden die Diskontinuitäten, denen ein Individuum ausgesetzt ist, gleichermaßen
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Wilhelm Raabe - Stopfkunchen (I89I): Der kritische Realismus eines bürgerlichen Autors



An keinem anderen Autor lässt sich die mit dem Wandel der bürgerlichen Gesellschaft, insbesondere nach der Reichsgründung einhergehende Ent-wicklung des Bürgerlichen Realismus von einem frühen programmatischen zum späten kritischen Realismus so deutlich zeigen wie an Wilhelm Raabe; nicht zuletzt seine fast 40-jährigc Tätigkeit als Romancier macht diese Ausnahmestellung aus. Sowohl sein 1863/64 veröffentlichter Roman Der llungerpastor, als auch seine nach der Reichsgründung erschienenen Werke, z.B. Stopfkuchen oder Die Akten des Vogelsang, verweisen auf die Unterscheide zwischen frühem, programmatischem und spätem, kritischem Realismus. Hxakl spiegeln die Romane jene Desillusionierung wider, die sowohl die Bewegung des Bürgerlichen Realismus als auch die Entwicklung innerhalb des Bürgertums nach 1848 kennzeichnet. Der Prozess der Desillusionierung, den die bürgerliche Klasse nach dem Scheitern der von ihnen getragenen Revolution erfasstc, fand seinen adäquaten Ausdruck in der Akzentverschiebung vom programmatischen Realismus der ersten Phase hin zum kritischen Realismus der 1870er und 1880er Jahre. Dementsprechend ist Raabes Werk der Wandel vom Bildungs- und Entwicklungsroman des frühen Realismus der 1850er und 1860er Jahre zum Desillusionsroman der 1870er, 1880er und 1890er Jahre immanent. Das Verhältnis zwischen dem Einzelnen und der bürgerlichen Gemeinschart ist problematisch geworden, das Spätwerk Raabes bringt diese Problematik kompromisslos und un-missverständlich zum Ausdruck. Dabei lässt Raabe keine Zweifel darüber aufkommen, dass die einseitige Entwicklung des Bürgertums von der humanen Wertegemeinschaft zu einem ökonomischen Zweckverband die Verantwortung für diese Fehlentwicklung zu übernehmen hat. Raabes zurückgezogen und isoliert lebende Protagonisten belauern aufmerksam das ihnen vertraute bürgerliche Kollektiv; doch sie leben keineswegs im Gegensatz zu den einstigen bürgerlichen Normen und Werten: sie sind die fast perfekten Bürger. Insbesondere Stopfkuchen, der Protagonist des gleichnamigen Romans, hat bürgerliche Tugenden internalisiert, sein Denken und Handeln ist in hohem Maße davon bestimmt71; ihre Umsetzung jedoch ist in einer einseitig an materialistischen Belangen orientierten Gesellschaft kaum mehr zu leisten.
      Raabe reagiert auf die gesellschaftspolitischen Veränderungen mit seinen Antibildungsromanen, unter denen insbesondere der Stopfkuchen herausragt.
     
In seinen nach 1870 entstandenen Romanen führt Raabe Randfiguren der bürgerlichen Gesellschaft vor, deren Außenseiterposition das Resultat ihres Festhaltens an den ehemaligen bürgerlichen Normen ist. Wie Fontane thematisiert auch Raabe die immer dringender sich stellende Frage nach der grundsätzlichen Vereinbarkeit individueller Selbstentlältung mit den gesellschaftlichen Verpflichtungen eines Individuums. Bei Fontane wird diese Frage in last allen Romanen zugunsten der Gesellschaft beantwortet; als ästhetische Legitimation dieser zu Lasten des Einzelnen vorgenommenen Entscheidung fungiert eine ideologisch untermauerte Verklärungsstrategie. Raabe indes formuliert seine Kritik schärfer und vor allem kompromissloser. Zwar ist die Umschreibung des Konllikts zwischen den von ihm entworfenen Sonderlingen und der bürgerlichen Gesellschaft im Zuge der humoristischen Schreibweise abgemildert; doch es fehlt in seinen Romanen die versöhnliche Geste, die die Werke Fontanes kennzeichnet so z.B. Effi Briesl, wenn die Titelheldin alle Schuld auf sich nimmt und Innstctten und damit auch die Gesellschart von jeglicher Schuld freispricht, oder Irrungen, Wirrungen, in dem die Heldin Lene Nimptsch die Zumutungen gesellschaftlicher Konventionen und Spielregeln widerstandslos erträgt; kein kritisches Wort kommt über ihre Lippen, kein Widersland gegen eine überkommene gesellschaftliche Praxis, kein Aulbegehren auf der Seite von Lene; vielmehr ihre kapitulierende Erkenntnis, dass das Leid die Folge ihrer Ansprüche sei. Raabes Helden indes sind bei weitem nicht so nachsichtig dem Kollektiv gegenüber, sie suchen die Schuld nicht bei sich selbst, für sie ist die Gesellschaft die Ursache allen Übels. Mit dieser Position weitete sich Raabes am Ende des bürgerlichen Zeitalters vorgebrachte Binnenkritik am Bürgertum zur Kulturkritik am wilhelminischen Zeitalter aus. Als Angehöriger des Bürgertums konstatiert er aus einer bürgerlichen Haltung heraus mit resignativer Geste den Niedergang der ehemaligen bürgerlichen Werte. Von daher darf er als einer der beharrlichsten Kritiker der bürgerlichen Klasse gelten. In seinen Romanen dominiert die skeptische Geste, er sieht die bürgerlichen Werte keinesfalls in Form einer humanen Gemeinschaft realisiert. Dabei ist die Tendenz von Raabes Werk zwar desillusioniercnd, nicht aber einseitig resignativ. Eine humane bürgerliche Gemeinschaft, die durch die Rückbesinnung auf die Werte, mit denen man ursprünglich eine politische Leitfunktion innerhalb der Gesellschaft beansprucht hatte, entstehen könnte, wird von Raabe weiterhin als Ziel und Orientierungspunkt angemahnt. Dabei geht es stets auch um das Moment der Bildung, die innerhalb einer solchen Gesellschaft nicht ausschließlich als eine Form von ,höherer Bildung', erscheinen, sondern im Hinblick auf ihre ökonomische Verwertbarkeit und zugeschnitten auf ein tüchtiges, welteroberndes Bürgertum, praktiziert werden sollte.
     
Raabes Romanenfiguren haben wie erwähnt auf die gesellschaftspolitischen Veränderungen vor allem mit dem Rückzug in die Privatheit und in die Isolation reagiert. Die Gesellschaft kritisieren sie nunmehr ,von außen' und halten ihr aus dieser Ausgrenzung heraus humane Bildungsideale und ein humanes Menschenbild entgegen. Die Einsicht, dass die Verwirklichung solcher Ideale in weite Ferne gerückt war, macht die resignativc Tendenz der Werke Raabes, aber auch des gesamten Spätrealismus aus. Kaum ein anderer Autor dürfte allerdings derart kompromisslos die Einsicht thematisiert haben, dass geistige Eigenständigkeit und Selbstentfaltung nur mehr außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft möglich sind, da letztere vom Individuum Konformismus verlangt und so die Autonomie des Subjekts radikal in Frage stellt.
      Und so ist Raabes Werk die Erfahrung eingeschrieben, dass die Diskrepanz zwischen einer positiven Form von Bürgerlichkeit und den real existierenden bürgerlichen Lebensformen und Denkweisen um 1890 kaum mehr zu überbrücken war. Der Bildungs- und Entwicklungsroman kann dementsprechend nur mehr als ein Antibildungsroman geschrieben werden, der zwar nicht die Idee einer humanen bürgerlichen Gesellschaft, aber die Integralion des Individuums in eine von diesem Ideal abweichende materialistische Zweckgemeinde radikal in Frage stellt. So ist auch das Thema des Stopfkuchen nicht mehr die Selbslfindung und der Entwicklungsgang eines Helden, an dessen Ende die zwar schmerzhafte, aber notwendige Integration in die Gesellschaft steht. Stopfkuchen durchläuft keine zielgerichtete innere Entwicklung, womit zugleich das kausale, in der Figur und Perspektive eines Helden oder Erzählers gebündelte Erzählen aufgegeben ist. Die lineare Chronologie weicht einem Wechsel zwischen den verschiedenen Zeitstufen, auch gibt es keinen allwissenden Erzähler mehr. Stattdessen dominieren im Slopfkiichen zwei Ich-Erzähler, die in einer antithetischen Grundslruktur die Ambivalenzen und Diskrepanzen in der bürgerlichen Gesellschaft der 1890er Jahre ästhetisch zum Ausdruck bringen.
      Die formale Geschlossenheit gibt Raabe zugunsten einer bipolaren Erzähl-struktur auf. Der Ich-Erzähler, Eduard, zugleich der Berichterstatter der zurückliegenden Ereignisse, dominiert die Rahmenerzählung. Anfangs wirkt er als ein gefestigtes bürgerliches Subjekt, doch dieser erste Eindruck täuscht. Auch er empfindet das Bedürfnis, sich seiner eigenen bürgerlichen Grundwerte zu versichern, nachdem diese von seinem Freund Schaumann in Frage gestellt wurden. Eben dieser Schaumann, genannt Stopfkuchen, ist der zweite Erzähler innerhalb des Romans, er berichtet seinen eigenen Lebensweg und dominiert dabei die Erzählung. Bezogen auf sein Lebensschicksal ist er der gesellschaftliche Außenseiter, allerdings ist er die überlegene Persönlichkeit des Romans. Im Vergleich zu Stopfkuchen wirkt die im Sinne eines positiven bürgerlichen Werdegangs entworfene Figur des Eduard farb-los, der Leser erfährt nicht einmal seinen Nachnamen. Eduard ist der Sohn eines Postrats, als ehemaliger Musterschüler begann er sein Medizinstudium; nach erfolgreichem Abschluss arbeitete er zunächst als Schiffsarzt, ließ sich dann aber als vermögender Farmer in Südafrika nieder. Er gehört zu den ,Schnellfüßlern'7' der Gesellschaft, Stopfkuchen indes zu ihren Außenseitern. Der Sohn eines Registrators ist seit seiner Kindheit isoliert, seine Umwelt hält ihn für faul, gefräßig, dumm und träge. Sein Theologiestudium bricht er ab; als Herr der "Roten Schanze" wird er vermögend, doch zu einer Reintegration in die Gesellschaft kommt es nicht. Bewusst grenzt Stopfkuchen sich aus, in dieser Ausgrenzung liegt sicherlich die Funktiona-lisierung des Protagonisten durch Raabe begründet. Denn aus dieser Außenseiterposition heraus erfolgt die Kritik an einer Gesellschaft, die von ihren ehemals proklamierten Werten und Normen sich zwar nicht gänzlich entfernt, diese aber entleert hat.
     

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