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Bürgerlicher realismus
Der Roman des späten Realismus erzählt nicht mehr, wie noch Goethes Wilhelm Meisler, geradlinige Bildungswege. Vielmehr werden die Diskontinuitäten, denen ein Individuum ausgesetzt ist, gleichermaßen
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Wilhelm Raabe: Die Akten des Vogelsangs (I896)



Auch Raabes zu seinen Lebzeiten letzter erschienener Roman hat die ehemalige Vision einer humanen bürgerlichen Gesellschaft und einer positiv gelebten Bürgerlichkeit langst verabschiedet. Die zentralen Ideen dieser Vision, harmonische ZusammenFührung von Individuum und Gesellschaft, bürgerliche Sozialität und soziale Bürgerliehkeit, scheitern sowohl am Kollektiv als auch am Einzelnen.
      In seinem Roman Die Akten des Vogelsangs aus dem Jahr 1896 wiederholt Raabe die im Slopfkuehen zum Ausdruck gebrachte pessimistische Einschätzung, dass eine Vermittlung von Individuum und Gesellschaft, zwischen Individuellem und Allgemeinen innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft gegen Ende des Jahrhunderts kaum mehr plausibel oder erstrebenswert scheint. Wiederum führt Raabe zwei Romanprotagonisten ein: Karl Krumhardt und Veiten Andres sind zusammen in der Vorstadt 'Vogelsang" aufgewachsen. Während ersterer eine bürgerliche Karriere in der Residenzstadt macht, bedeuten Veiten Besitz und Erbe wenig. Gemessen an bürgerlichen Maßstäben bringt er es zu nichts. Indem Raabe diese beiden Lebensläufe und Lebensperspektiven kontrastiert individuelle und geistige Freiheit auf der einen, bürgerliche Ordnung und Wertmaßstäbe auf der anderen Seite , knüpft er an das Erzählschcma und die Romanstruktur seines Slopfkuehen an. Dabei wird auch der promovierte Oberregierungsrat und verheiratete Familienvater Krumhardt, aus dessen Perspektive die Geschehnisse erzählt werden, durch die reflektierende Erinnerung in seiner soliden Bürgerlichkeit erschüttert und verändert, als es nach mehreren Jahren zu einem Wiedersehen der beiden Jugendfreunde kommt. Der Verfasser der 'Chronik", der 'Akten des Vogelsangs" also, von Krumhardt ursprünglich gedacht als eine Dokumentation von Veltens 'siegreich gewonnenefm] Prozeß" gegen die bürgerliche Welt, geraten mehr und mehr zu einem Zeugnis von Krumhardts Auseinandersetzung mit sich selbst und seiner eigenen Biografie. Der bis zum Zeitpunkt der Niederschrift mit seiner gesellschaftlichen Rolle konform gehende Chronist Krumhardt wird im Zuge der Erinnerung und Beschreibung der Lebensläufe in seinen bürgerlichen Grundpositionen und Lebensmaximen erschüttert. Er erkennt zum einen seine bürgerliche Begrenztheit und durchschnittliche Bürgerlichkeit, die auf die Pole Familie, Besitz und berufliche Karriere konzentriert bleibt, zum anderen aber auch die geistige Freiheit und daraus resultierende Ãoberlegenheit Veltens. Allerdings ist im Unterschied zum Slopfkuehen dessen einseitig auf Subjektivismus und Individualismus im gesellschaftsfreien Raum setzendes Leben keine realistische Perspektive mehr: Ernüchterung und Zerfall dominieren folglich Raabes Roman. Veiten stirbt am Ende als ein isolierter, gebrochener Mann, er verachtet das Leben, damit aber auch sich selbst. Gescheitert ist er letztlich an der Wirklichkeit, die anzuerkennen er sich zeit seines Lebens weigerte.
     

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