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Bürgerlicher realismus
Der Roman des späten Realismus erzählt nicht mehr, wie noch Goethes Wilhelm Meisler, geradlinige Bildungswege. Vielmehr werden die Diskontinuitäten, denen ein Individuum ausgesetzt ist, gleichermaßen
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Wilhelm Raabe - Der Philister



Wie Keller und Storni wirft Raabe in seinen späten Romanen die Frage nach dem Verbleib der ehemaligen bürgerlichen Werte und Normen sowie nach der Selbstbehauptung des Individuums in einer zunehmend über den Einzelnen hinweg entscheidenden Gesellschaft auf. Im Stopfkuchen bringt er sie mit der Infragestellung des traditionellen, bildungsbürgerlichen Konzepts von Bildung in Verbindung: 'Erkenntnis macht frei, Bildung fesselt, Halbbildung stürzt in Sklaverei"71, heißt es in Raabes Notizen vom Juli 1892. Eduard, der Vertreter eines weltaufgeschlossenen Bürgertums, wird als ein ,,kluge[r], gebildete[r|" Mann vorgestellt. Seine Klugheit wird allerdings von Stopfkuchen ironisiert, wenn dieser bemerkt, er selbst habe mit einigem Nutzen für seine Bildung ein Kochbuch studiert . Stopfkuchen verfügt über das klassisch-humanistische Bildungserbe, doch er rekurriert ebenso auf eine volkstümliche Bildungstradition, Zitate aus der Bibel, aus Sagen und Märchen, die von ihm eingestreuten Redensarten und Sprichwörter verweisen darauf. Eigens betont er, er sei aus dem 'Herdenkasten" einer erstarrten Bildungstradition ausgebrochen. Eduard hingegen ist ganz dem klassisch-humanistischen Bildungsideal verpflichtet, seine gesamte Entwicklung basiert auf der bildungspolitischen Grundlage eines konservativen Besitz- und Bildungsbürgertums. Gleich zu Beginn seiner Begegnung mit Schaumann verweist er auf seine umfassende Bildung und seinen Besitz in der neuen Heimat Afrika - ein Werdegang, mit dem Raabe auf die koloniale Expansion der wilhelminischen Gesellschaft sowie der primär vom Bürgertum getragenen Wirtschaft des Kaiserreichs Bezug nimmt.
      Insofern sein Werdegang zugleich eine Internalisierung der Normen und Wertvorstellungen der bürgerlichen Gesellschaft ist, markiert dieser einen exemplarischen bürgerlichen Bildungsweg. Dabei vergrößert Eduard zwar seinen Lebensradius, doch durch seine Ãobersiedlung nach Afrika erweitert erdarüber lässt Raabe keine Zweifel aulkommen keinesfalls seinen Denkhorizont. Er ist der Philister, der, auf seine Bildung pochend, die Normen und Werte der Gesellschaft, ihre Konventionen und ihre Mentalität ver-innerlicht hat. Mit Befremden reagiert er auf Stopfkuchens bissigen Humor, auf dessen freimütige Reden und Urteile, gesellschaftliche Konventionen und Denkmuster betreffend. So hat sich Eduard zwar von philiströser Enge befreit, doch mental ist er einem bürgerlich-normativen Denken verpflichtet. Allerdings durchläuft Eduard einen Lernprozess, denn nach der Wiederbegegnung mit seinem Jugend freund Stoplkuchen gelangt er zu der Erkenntnis: 'Ja, im Grund läuft es doch auf ein und dasselbe hinaus, ob man unter der Hecke liegen bleibt und das Abenteuer der Welt an sieh herankommen lässt oder ob man sich [...] hinausschicken lässt, um es draußen auf den Wassern und in den Wüsten aufzusuchen!" Hatte er am Beginn seiner Niederschrift noch die bürgerlichen Werte Bildung und Besitz beschworen, so ist er am Ende seiner Aufzeichnungen doch weitaus vorsichtiger, die Begegnung mit Stoplkuchen hat ihn nachdenklich gestimmt, ja zu einer kritischen Ãoberprüfung seines Lebens angeregt. Dass ihm dabei insbesondere die Enge und Bedingtheit seiner Lebensweise klar wird, verweist auf die ironische Verwendung des Motivs der 'Roten Schanze", die die räumliche Begrenztheit im Gegensatz zur Weitläufigkeit des Lebensstils von Eduard impliziert.
     

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