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Bürgerlicher realismus
Der Roman des späten Realismus erzählt nicht mehr, wie noch Goethes Wilhelm Meisler, geradlinige Bildungswege. Vielmehr werden die Diskontinuitäten, denen ein Individuum ausgesetzt ist, gleichermaßen
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Versöhnungsgesten: Wo sich Herz zum Herzen find't



Bezeichnenderweise hat Fontane seine Vorliebe für die Welt des preußischen Landadels mit seiner Abneigung der städtischen Besitzbourgeoisie und dem 'zur Zeit maßgebende!n| Bourgeoisgeluhr'' gegenüber erklärt. Aus dieser Begeisterung Pur Teile des Adels und aus seiner Skepsis dem Besitzbürgertum gegenüber heraus entsteht Frau Jenny Treibet.
      Mit diesem Roman sehließt Fontane an die dominante Tendenz des späten Realismus an, geht es ihm hier doch primär um den Verlust der ehemaligen bürgerlichen Werte angesichts einer dominierenden 'Geldsackgesinnung".'" Der 1X92 erschienene, aber bereits Ende der 1880er Jahre konzipierte Roman ist ein Rückblick auf die politische und soziokulturelle Entwicklung des Bürgertums nach 1848, dabei findet die Aufspaltung in ein Besitz- und ein Bildungsbürgertum an zentraler Stelle Berücksichtigung. Denn in Jenny Treibel und Willibald Schmidt stehen sieh eine Angehörige des Besitzbürgertums und ein Vertreter des Bildungsbürgertums gegenüber, wobei der zwischen ihnen entstandene Konflikt und die zunehmend sich auftuende Kluft nicht auf die Revolutionsgeneration beschränkt bleibt. Denn die junge Corinna Schmidt bleibt keineswegs, wie die Fontane-Forschung der vergangenen dreißig Jahre glauben machen wollte, von der Kritik ausgeschlossen; sie dürfte eine derjenigen sein, die, um Fontanes Satz aufzugreifen, nicht nur 'alles was Geld und Besitz heißt, umcouren", sondern sich auch 'innerlich in Sehnsucht danach verzehren".
      Mit einer zwar versöhnlichen kaum ein anderer Autor des Bürgerlichen Realismus hat das Prinzip einer harmonisierenden Verklärung so entschieden verteidigt und zur Anwendung gebracht wie Fontane , aber dennoch entlarvenden Geste lässt Fontane seine Titelheldin die Worte und Gedichte des Revolutionsdiehters Georg Herwegh vortragen; allerdings wird diese Inanspruchnahme eines ehemaligen Wortführers der bürgerlichen Revolution von 1848 durch die das 'Bourgeoisgefühl"'' verkörpernde Jenny Treibel zugleich als Heuchelei, aber auch als Verklärung' preisgegeben; denn längst, das zeigt der weitere Handlungsverlauf, haben die ehemaligen Ideale einem materialistischen Denken und ökonomischen Erwägungen Platz gemacht, das Ideal einer liberal-demokratischen und humanen Gemeinschaft ist einer einseitig materialistischen Gesellschall gewichen. In einem Brief an seinen Sohn heißt es am 9. Mai 1888, mit Jenny Treibel wolle er jene Schicht beschreiben, für die das 'Höhere" viel Geld bedeute. 'Zweck der Geschichte" sei, so gibt er dort an, der Versuch, 'das Hohle, Phrasenhalle, Lügnerische, Hochmütige, Hartherzige des Bourgeoisstandpunkls zu zeigen."'" Dazu zählte Fontane auch die Aushöhlung des Humanitätsideals durch Jenny Treibel, durch jenes 'Musterstück einer Bourgeoise", von der ihr Jugendfreund spöttisch anmerkt, als Kommerzienrätin könne sie sich das 'Ideale gönnen".'"'
Die Vision des Ideals und des Idealen ist ein zentraler, wenn nicht gar der zentrale Gedanke der Programmatik und Ã"sthetik des Bürgerlichen Realismus, was in seiner Beschreibung als 'Idealrealismus"'" adäquat benannt ist. Dem späten Realismus ist es darum zu tun, diese Idee gegen eine Bourgeoisie zu verteidigen, die vom Ideal spricht, deren Denken jedoch primär auf das 'goldene Kalb"'w ausgerichtet ist. Fontane porträtiert das Bürgertum als eine Schicht, die sich ihres traditionellen Kultur- und Bildungsrepertoires sowie ihrer ehemaligen Ideale nur mehr in veräußerlichter Form des ,Besitzes' bedient; auch Bildung ist Besitz. Die Tradition ist inhaltsleeres Beiwerk die Parallelen zum bürgerlich geprägten, wilhelminisch-klassizistischen Gründerzeitstil in der Architektur sind unübersehbar. Kultur, Bildung und Wissen verkommen zur bloßen Dekoration, über sie wird auf der Ebene sonstiger Reputationselemente wie Kutsche oder Karosse, Dienerschaft und Bediensteteneingang, Villa und Garten verhandelt.
      Auch in seinem 1886 erschienenen Roman Cecile hat Fontane ein solches bürgerliches Besitzdenken problcmatisiert und in Zusammenhang mit dem bürgerlichen Ehrbegriff thematisiert. Als Gordon dieser ist zwar von adeliger Herkunft, doch als Zivilingenieur übt er bereits einen bürgerlichen Beruf aus und steht so für die Verbürgerlichung des Adels gegen

Ende des 19. Jahrhunderts die Hintergründe der nach außen hin glücklich'''' wirkenden Verbindung zwischen St. Arnaud und Cecile in Erfahrung bringt, glaubt er sich berechtigt, seine Liebe zu ihr als Begehren an sie heranzutragen. Dabei schwankt er zwischen seiner bürgerlichen Moral und seinem Verlangen, das keinesfalls in eine Ehe einzubinden wäre; denn zum einen ist Cecile verheiratet, und zum anderen wäre ihm aufgrund des Ehrenkodex der bürgerlichen Gesellschaft die eheliche Verbindung mit einer ehemaligen Fürstengeliebten nicht erlaubt. Der Tod Ceciles darf als das Resultat einer verlogenen Moral gelesen werden, die die Norm über das Leben, die Ehre über individuelles Glück stellt. Die Protagonistin zerbricht letztlich nicht an der Normenwelt des Adels, diese lässt ein bescheidenes Glück in der Ehe mit Arnaud zu; vielmehr sind es das Besitzdenken und die Vorstellungen Gordons, unter deren Druck sie kapituliert.
      In Frau Jenny Treibel gibt es zwar keine Opfer eines rigiden Besitzdenkens, die Schärfe der Kritik dieses auf den ersten Blick mit versöhnlichem Gestus geschriebenen Romans indes ist kaum weniger deutlich; die harmonisierende Anlage des Werks findet ihren Ausdruck nicht zuletzt im Untertitel: 'Wo sich Herz zum Herzen find't", lautet der, eine Maxime, die am Ende des Romans tatsächlich eingelöst wird. Sicherlich ist dieser Titel mit ironischem Vorbehalt formuliert; doch die Füreinander bestimmten Partner linden sich, und jeder fügt sich in die für ihn vorgesehene Position. Jeder ist mit der von Jenny Treibel ausgehandelten Lösung zufrieden, keiner rührt an der Notwendigkeit dieses Arrangements. Insofern ist Fontanes Roman einmal mehr ein Beispiel für die Verklärungsstrategie des Bürgerlichen Realismus.
      Dennoch ist in ihm Fontanes Enttäuschung über die Entwicklung einer gesellschaftlichen Schicht zu spüren, die ehedem unter Berufung auf moralisch-sittliche Lebensformen und sozialen Gemeinschaftssinn angetreten war, und zwar mit dem Anspruch, den Adel als politische Führungsklasse abzulösen. Dabei bleibt Fontanes Kritik nicht auf die Generation der Treibeis und Bürstenbinders begrenzt, die den 1848er Ereignissen noch nahe standen. In Corinna Schmidt, der Tochter des Professors Schmidt und damit Vertreterin des Bildungsbürgerlums, hat Fontane eine nachwachsende Generation porträtiert, die weitaus berechnender und unverhüllter das 'goldene Kalb"10" zu erlangen sucht; auch Corinna hat Ambitionen, eine Angehörige des Besitzbürgertums und Kommerzienrätin zu werden, auch sie ist 'für einen Landauer und einen Garten um die Villa herum" . Auch die junge Corinna ist, wie Jenny Treibel, für die 'Attrappe" .

     
Wie Jenny Bürstenbinder will auch sie hoch hinaus, dazu braucht sie allerdings einen reichen Mann. Denn mit ihrem Jugendfreund Marcell Wedderkopp wird sie, das ist ihr völlig bewusst, in der Welt der Villen und Wintergärten niemals ankommen. Doch die Grenzen zwischen Bildungsund Besitzbürgertum sind nach 1871, nach dem wirtschaftliehen Aufschwung infolge der nach dem Sieg über Frankreich nach Deutschland fließenden Millionen, undurchlässiger als je zuvor. Corinnas ausgeklügelte und taktische Aktivitäten zielen dementsprechend auf eine Verbindung mit Leopold Treibcl, dem jüngsten Sohn der die Nobilitierung anstrebenden Industriellen- und Kommerzienratsfamilic Treibcl."" Von den früheren Idealen des Bürgertums weiß Corinna wenig; ihren Lcbensalllag als Angehörige einer vermögenden Familie erträumt sie sich folgendermaßen:
Ich hätte Malsliinden genommen und vielleicht mich Reitunterricht, und hätte mich im der Riviera mit ein paar englischen Familien angefreundet, natürlich solche mit einer I'leasure-Yachl, und wäre mit ihnen nach Korsika oder nach Sizilien gefahren, immer der Blutrache nach.
Zwar werden diese Angaben durch Corinna anschließend relativiert, wenn sie Marcell gegenüber äußert:
Gewiß, Besitz und Geld haben einen Zauber, war' es nicht so, so wäre mir meine Verirrung erspart geblieben; aber wenn Geld alles ist und Herz und Sinn verengt und zum Ãoberfluß Hand in Hand geht mit Sentimentalität und Tränen dann empört sich's hier, und das hinzunehmen wäre mir hart angekommen, wenn ieh's auch vielleicht ertragen hätte.
Doch dieses Geständnis kann nach dem Fehlschlagen ihres hartnäckigen Versuchs, in die besitzende Familie der Treibeis einzuheiraten und einen ungeliebten Mann zu ehelichen, den Eindruck, den der Leser bis zu diesem Zeitpunkt von ihr gewonnen hat, kaum revidieren. Ks klingt halbherzig und liest sich eher als das Resultat ihres Scheiterns als das Produkt einer gereiften Hinsicht. Wie diese geistige Verwandte Jenny Treibeis, die sich von ihr letztlich nur darin unterscheidet, dass ihre Bemühungen nicht von Erfolg gekrönt sind, eine Lieblingsfigur der Fontane-Forschung wurde, bleibt unverständlich; ebenso die Tatsache, dass man sie wiederholt mit Fontanes Tochter in Verbindung bringen wollte, deren Biografie so wenig mit den Lebensvorstellungen der Professorentochter mit Ambitionen zum Aufstieg in die Bourgeoisie gemein hatte.
     

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