Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Bürgerlicher realismus
Der Roman des späten Realismus erzählt nicht mehr, wie noch Goethes Wilhelm Meisler, geradlinige Bildungswege. Vielmehr werden die Diskontinuitäten, denen ein Individuum ausgesetzt ist, gleichermaßen
Index
» Bürgerlicher realismus
» Der späte Realismus (1870-1900)
» Verklärte Realität

Verklärte Realität



Die politischen, liberalen und demokratischen Ziele der frühen vierziger Jahre, unter denen das Bürgertum in der Ã-ffentlichkeit angetreten war, hatte man angesichts eines wachsenden Proletariats und im Zuge der Annäherung an den Adel aufgegeben. In diesem Punkt kommt dann allerdings - gerade im Werk Fontanes die Ambivalenz des Bürgerlichen Realismus zum Tragen. Denn zwar tritt dieser mit kritischer Geste auf, er scheint aber in vielem die Haltung des Bürgertums zu wiederholen. Insbesondere die Angst vor der Proletarisierung der Gesellschart im Zuge ihrer Industrialisierung hinterlässt Spuren in diesem Fall Spuren des Abwesenden. Denn sowohl der vierte Stand als auch die soziale Frage, das vielleicht dringendste Problem der wilhelminischen Kaiserzeit und der bürgerliehen Gesellschaft dieser Jahrzehnte, werden nicht nur gesellschaftlich vom Bürgertum verdrängt; auch in der Literatur des Bürgerlichen Realismus bleibt die Thematik ausgeschlossen, erst der Naturalismus wird sich der sozialen Frage annehmen.
      Wird der vierte Stand überhaupt erwähnt, so geschieht dies in der Regel auf die Weise, die Fontane in seinem Roman Irrungen, Wirrungen wählte: Ãober Fabrikarbeiter der Moabiter Borsigwerke wird dort zwar berichtet, allerdings aus dem idyllisiercnden Blickwinkel Botho von Rienäckers . Der Erzähler lässl die Gelegenheit verstreichen, das ,Bild das sich der müßiggängerische Adelige von der proletarischen Wirklichkeit und vom Arbeitsalltag einer Arbeiterfamilie macht, zu korrigieren. Zwar hat die Szene innerhalb des Romans auch eine Bedeutung im Hinblick auf die Charakterisierung der männlichen Hauptfigur102; dennoch fällt auf, dass der Erzähler der Wahrnehmung des Adeligen kein Korrektiv zur Seite stellt, um so den Leser über die realen Bedingungen, unter denen die Arbeiter der Borsigwerke an den Hochöfen der Moabitcr Walzwerke zu arbeiten hatten, zu informieren. Der Verdacht liegt nahe, dass auch ihn die wahren Arbeitsverhältnisse nicht interessieren. Und auch in Frau Jenny Treibet findet die industrielle Realität, in der die Treibeis ihr Geld verdienen, lediglich mit dem Hinweis Erwähnung, dass 'Nordwind" den Qualm von seiner nahe gelegenen Fabrik an die Treibeische Villa 'herantrieb" .
      In Bezug auf das zentrale Thema des Bürgerlichen Realismus, die Auseinandersetzung mit der bürgerlichen Welt und Gesellschaft, ist es Fontane zwar um die Diskrepanzen zu den ehemals proklamierten Inhalten, um die Abweichungen von früheren Zielen und einstigen Werten zu tun; sein eigentliches Sujet jedoch ist das ,andere', das zweite zentrale Thema des späten Realismus, das problematisch gewordene Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen dem Hinzeinen und dem Ganzen, zwischen dem Individuellen und dem Sozialen also. In Frau Jenny Treibe/ hat er ersteres verarbeitet; Gegenstand der Mehrheit seiner Romane indes ist letzteres. Dabei ist auffallend, dass jene Werke, die diesen Themenkomplex diskutieren, im adeligen Milieu spielen, dass die Protagonisten, die als Individuen in Konflikt mit den Lebensregeln und Konventionen der Gesellschaft und mit den von Männern getroffenen Arrangements kommen, auch, wenn nicht gar mehrheitlich dem Adel angehören: das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschall wird in Fontanes Werken auch an Angehörigen des Adels beschrieben, an Melanie van der Straaten der Adultera etwa, an Schach von Wuthenow, Cecile und Lffi Briest. Die Spannungen zwischen Adel und Bürgertum sowie die Konsequenzen, die sich für die Angehörigen beider Klassen aus dieser Konfrontation ergeben, haben die aus dem Kleinbürgertum stammenden Krauen Lene Nimplsch und Stine Rehbein zu erleiden.
      Widersprüche zwischen den Vorstellungen des Linzeinen und den Belangen der Gesellschaft macht Fontane dementsprechend nicht nur für das Bürgertum, sondern auch für den Adel gellend. Mit dieser Figenhcit unterscheidet sich Fontane sicherlich von anderen bürgerlichen Realisten. Sie könnte mit seiner Vorliebe für diese Gesellschaftsschicht erklärt werden; ein solcher Hinweis dürfte indes kaum genügen. Wesentlicher scheint der Befund, dass Fontane in diesem Punkt durchaus an Hegels Diktum anschließend die Well des Adels für weitaus poesielahiger hielt als die zunehmend auf ökonomische Belange ausgerichtete bürgerliche Lebenswelt; die hatte seiner Ansicht nach durch die Dominanz des Materiellen jegliche poetische Qualität und Dimension verloren. Vielleicht war Fontane gerade deshalb einer der konsequentesten Vertreter der Verklärungsstrategien des Bürgerlichen Realismus, deren Notwendigkeit er nicht müde wurde zu proklamieren. Stets drängte er auf die Verklärung der empirischen Realität; bei aller Toleranz den Naturalisten gegenüber, in genau diesem Punkt zeigte sich Fontane der naturalistischen Autorengeneration und Literatur gegenüber kompromisslos: Aufgrund ihrer strikten Weigerung, eine verklärte Version der Realität zu liefern, schätzte er den literarischen Statuts ihrer Werke nicht allzu hoch ein. Insofern ist davon auszugehen, dass seine Bevorzugung der Adelswelt als literarisches Sujet und Handlungsmilieu eine ästhetische Entscheidung als bürgerlicher Realist war, die letztlich auch eine Kritik der bürgerlichen Well implizierte. Diese Kritik hat Fontane in Jenny Treibe! als eine verklärende, mit versöhnlichem Gestus vorgetragene Binnenkritik vorgetragen.""

Der Roman darf als die Literarisierung jener in Fontanes Briefen proklamierten Ansicht gelesen werden, nach der die Bürgerwelt als poetischer Gegenstand sich nicht eigne wobei allerdings der Roman selbst das beste Beispiel für die Unzulänglichkeit dieser Meinung sein dürfte. Den vierten Stand bezeichnete Fontane zwar als die 'bessere Welt"1"4; doch zum poetischen Gegenstand lauge dieser, so seine Meinung, ebenfalls nicht; zumindest hat Fontane keinen Versuch unternommen, die Poesiefähigkeit dieser sozialen, 'besseren" Klasse zu erproben. So bleibt die Welt der Adeligen, die zumeist um ihr ökonomisches Ãoberleben zu kämpfen haben, wie die Poggenpuhls oder der Landadel, dem Fontane in seinem letzten Roman, dem Stechlin, seine Reverenz erwiesen hat, die eigentlich poesiefähige Klasse. In ihr fand Fontane jene Menschenexemplare, die er im Bürgertum nicht mehr vertreten glaubte, jene Mensehen, die ihm zufolge die früheren bürgerlichzivilisatorischen Werte und Ideale verkörpern.
      Frau Jenny Treibel ist dementsprechend auch nicht, wie dies Gerhard Plumpe vorgeschlagen hat, als eine 'ironische Verabschiedung des Bürgerlichen Realismus" zu lesen; auch wird in diesem Roman keineswegs 'die Leitsemantik des Realismus der fünfziger Jahre als Geschwätz preisgegeben"."^ Vielmehr geht es Fontane hier vollends in Ãobereinstimmung mit der Zielsetzung des späten Realismus um eine binnenkritische Bestandsaufnahme, um die 'Verhöhnung unserer Bourgeoisie"""' durch einen beständig auf die Werte einer humanen bürgerlichen Gemeinschaft pochenden Autor. Sicherlich zeigt Fontane an seiner Hauptfigur, dass die Werte und Inhalte der Vergangenheit, derer sich die Bourgeoisie ,verklärend' erinnert, entleert, die ehemaligen Visionen und Ideale der Revolution zu Leerformeln der Konversation verkommen sind. Auch belegt der Roman, dass die Behauptung eines Teils des Bürgertums, sich einen Sinn für das Poetisch-Humane, ein 'Herz für das Poetische" und für das 'Ideal" bewahrt zu haben, Jenny Treibeis Beteuerung also, dass ihr die 'poetische Welt" und vor allem die 'Formen, in denen das Poetische herkömmlich seinen Ausdruck findet", um derentwillen 'allein [...] es sich zu leben [verlohnt]" , mit der Realität nicht mehr übereinstimmen.
      Nicht die 'realistische Literatur- und Kunstprogrammatik" verkommt hier zu bloßen Phrasen einer schöngeistigen Kommerzienrätin", wie Plumpe bilanzierte"17; zur Disposition steht vielmehr die Glaubwürdigkeit jenes Teils des Bürgertums, der 'von Schiller spricht und Gcrson meint", stehen das 'Hohle, Phrasenhafte, Lügnerische, Hochmütige, Hartherzige des Bour geoisstandpunkts"'"*; jene wilhelminische Besitzbourgeoisie also, die sich zwar auf die liberalen Träume und Ideen der Zeit um 1848 berief, doch in der gesellschaftlichen Realität der 1870er und 1880er Jahre längst andere Interessen verfolgte und neue Prioritäten setzte. Diese sind unter dem die Bismarck-Ã"ra kennzeichnenden Begriff der Realpolitik zu fassen, womit nicht zuletzt eine gesellschaftspolitische Umstellung benannt ist, die jenen 'Real-Idealismus", wie ihn die vorrevolutionäre ohnehin, aber auch die nachrevolutionäre bürgerliche Gesellschaft kannte, zunehmend verdrängte. Diese Entleerung der ehemaligen Ziele wird durch Kommerzienrat Treibel dann auch kommentiert, wenn dieser im Gespräch einer Männerrunde sagt: 'Sehen Sie, Goldammer, jede Kunstrichtung ist gut, weil jede das Ideal im Auge hat. Und das Ideal ist die Hauptsache, soviel weiß ich nachgerade von meiner Frau. Aber das Idealste bleibt doch immer eine Soubrette" .
      Auch Professor Schmidt, ehedem Lehrer, hat auf andere Weise seine früheren Träume ad acta gelegt und sich in die Alltäglichkeil seiner bürgerlichen Existenz gelugt. Seine Enttäuschung verdeckt er nur mühsam hinter einem ironischen Redegestus, aber auch hinter einem versöhnlichem Fächeln und ,Händereichen'. Auch an dieser Figur zeigt Fontane die nicht realisierten ehemaligen Hoffnungen eines aufstrebenden Bürgertums, aber auch die sentimental resignativen Tendenzen jenes Teils der bürgerlichen Klasse, der in der wilhelminischen Ã"ra unter dem Begriff Bildungsbürgertum zusammengefasst wurde.
     

 Tags:
Verklärte  Realität    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com