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Bürgerlicher realismus
Der Roman des späten Realismus erzählt nicht mehr, wie noch Goethes Wilhelm Meisler, geradlinige Bildungswege. Vielmehr werden die Diskontinuitäten, denen ein Individuum ausgesetzt ist, gleichermaßen
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Scheiternde Entwicklungsgänge



Fontane hat keine traditionellen Bildungs- und Entwicklungsromane ver-lässt. Diese Entscheidung ist nicht etwa eine Eigenheit Fontanes, sondern ein Kennzeichen des gesamten späten Realismus. Auch der späte Raabe verfolgte das Schema des herkömmlichen Bildungs- und Entwicklungsromans nach seinem Hungerpastor nicht weiter. Dabei mag im Falle Fontanes sicherlich die Tatsache eine Rolle gespielt haben, dass seine Gesellschafts-romane erst nach der Reichsgründung entstanden sind. Fontane ist damit ausschließlich ein Repräsentant des späten, kritischen Realismus, in dessen Kontext aufgrund des problematisch gewordenen Verhältnisses zwischen Individuum und Gesellschaft ohnehin keine Bildungs- und Entwicklungsromane mehr verfasst wurden. Das Schema des ungebrochenen, teleologischen Entwicklungsgangs ist in der früheren Form nicht mehr anwendbar, das Verhältnis und das Einverständnis zwischen Individuum und Gesellschaft ist brüchig geworden; die Autoren des Bürgerlichen Realismus zumindest, mit Ausnahme Friedrich Spielhagens, sehen das so. Kaum ein Autor hat dies deutlicher zum Ausdruck gebracht als Theodor Fontane, nicht zuletzt durch seine Entscheidung, sich auf weibliche Figuren als Protagonisten des Romangeschehens zu konzentrieren und somit den Blick auf die Opfer einer normativ verfahrenden, patriarchalisch strukturierten Gesell-schaft zu werfen.1"' Fontane verzichtet auf das Genre Bildungs- und Entwicklungsroman zugunsten eines Gesellschaftsromans. Er beendet damit den Sonderweg der deutschen Literatur und leistet den partiellen Anschluss an den französischen und englischen Realismus. Hierbei bleibt jedoch der Bildungs- und Entwicklungsroman zumindest als rudimentäres Grundmuster seiner Werke erhalten; auf diesen Zusammenhang verweisen die Titel der Fontaneschen Romane, die in der Regel den Namen der Protagonistin tragen. Dass Fontane Frauen als Protagonisten seiner Werke wählte, hat weniger mit der Tatsache zu tun, dass er sich "regelmäßig in seine weiblichen Heldinnen" verliebte, da "das Natürliche", das diese Figuren für ihn verkörperten, es ihm "angetan" habe1", wie er in einem Brief an Colmar von Grünhagen schreibt, eine Äußerung, mit der die Fontane-Forschung zu Unrecht das Werk dieses Autors zu besehreiben sucht. Zu einseitig hat man sich auf diese briefliche Aussage als Erklärungsmuster des Werks verlassen und darüber den wesentlichen Zusammenhang zwischen der Eigenheit des Fontaneschen Eüivres und dessen gesellschaftskritischer Intention vernachlässigt. Denn letztlich geht es Fontane um die Beschreibung der Deformationen, die das Individuum in einer normativ verfahrenden Gesellschaft zu erleiden und hinzunehmen hat, die einseitig im Namen des "Götzen"" Gesellschaft handelt. Dass Frauen in der wilhelminischen Gesellschaft die Verlierer sind, also diejenigen, deren individuelle Wünsche und subjektives Wollen wenig Berücksichtigung finden, macht sie zu Opfern einer restriktiv handelnden Gesellschaft. An ihnen lassen sich besser als an anderen Teilen der Gesellschaft die in ihr existierenden Spannungen und Konfliktsituationen aufzeigen. Um genau diesen zentralen Konflikt des Bürgerlichen Realismus zentrieren sich die Gesellschaftsromane Theodor Fontanes. Seine Berliner Frauenromane L 'Adultera, Cedit', Effi Briest, Irrungen, Wirrungen, Stine und Mathilde Möhring diskutieren so pointiert wie kaum ein anderes Romanwerk des Bürgerlichen Realismus jene Frage, die sich im frühen Realismus zwar schon angedeutet hatte, doch erst im späten Realismus voll zur Entfaltung kam: die Frage nach dem problematisch gewordenen Verhältnis von bürgerlichem Individuum und bürgerlicher Gesellschaft.
     

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