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Bürgerlicher realismus
Der Roman des späten Realismus erzählt nicht mehr, wie noch Goethes Wilhelm Meisler, geradlinige Bildungswege. Vielmehr werden die Diskontinuitäten, denen ein Individuum ausgesetzt ist, gleichermaßen
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Louise von Francis: Die letzte Reckenburgerin (I87I)



Ihren literarischen Durchbruch erzielte Louise von Francois mit ihrem historischen, von Walter Scott beeinflussten Roman Die letzte Reckenburgerin , der in der Zeit der 1848er Ereignisse spielt. Eine Rezension in Rodenbergs Deutscher Rundschau brachte der Autorin breite Aufmerksamkeit ein; es war jedoch vor allem Gustav Freytags begeisterte Kritik in den Grenzboten, die der Autorin die bürgerliehen Leserschichten erschloss.'

   Wie ihre Standesgenossin Marie von Ebner-Eschenbach verbindet von Francois die Maximen der Aufklärung und der Klassik mit den wesentlichen Attributen des bürgerlichen Zeitalters. Die Protagonistin, Hardine von Reckenburg, entscheidet und handelt als eine vernunftorientierte Frau, doch zugleich betont sie bürgerliehe Erziehungsideale sowie die bürgerlichen

Werte 'Recht und Ehre": Indem sie auf ein glückliches und glückerfülltes Leben verzichtet, verkörpert sie zudem ein ,,ernüchterte[s] Bürgerethos". So steht sie zwischen dem Sittengesetz der klassischen Epoche und dem Ehrkodex der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts; zwischen dem Vernunftdiktat der Aufklärung und dem ernüchterten Rationalitätsdenken des Bürgertums; zwischen aristokratischer Gesinnung und einem die Werte Arbeit und Pflichterfüllung exponierenden Bürgerethos - unter ihrer Leitung wird das heruntergekommene Adelsgut ihrer Tante, die Reckenburg, zur Musterwirtschaft.
      Diese Konstellation vertieft Louise von Francois, indem sie der Roman-protagonistin zum einen die gefühlsbetonte Gesellschafterin Dorothee Müller, die Tochter eines Schankwirts, und zum anderen den leichtsinnigen Aristokraten, den Prinzen August gegenüberstellt. Mit dieser Figurenkon-trastierung umreißt von Francois die Spannung zwischen aristokratischer Geselligkeit und verbürgerlichter Innerlichkeit, ein Kontrastschema, das ihr gesamtes Werk durchzieht. Dem oberllächlichen Handeln des Prinzen stehen die Forderungen der verbürgerlichten Heldin nach sozialer Bürgerlichkeit und sozialem Engagement gegenüber. Zwar bleibt ihr Entwurf eines für die Gemeinschaft handelnden Individuums primär auf den Adel bezogen. Dennoch weist die dem Roman immanente Aufforderung zu sozialem und gesellschaftlichem Engagement des Einzelnen für das Kollektiv Parallelen zu Kellers Grünem Heinrich auf, ein Bezug, der dadurch, dass Louise von Francois den Menschen als ein von seiner Umwell und der Gesellschaft geprägtes Individuum vorführt, verstärkt wird. Ihr Roman zeigt den Menschen in seiner Spannung zur Mitwelt, er schildert ihn als den von der Gesellschaft bedrohten oder enttäuschten Einzelnen, dem nur mehr der Weg in die Innerlichkeit bleibt. Die Reckenburgerin geht diesen Weg, der sich letztlich als Weg einer Aristokralin in die bürgerlichen Sphären des 19. Jahrhunderts beschreiben lässt. Von Francois zwei Jahre später erschienener Roman Frau Krdmuthens Zwillingssöhne spielt bezeichnenderweise in der Frühzeit des deutschen Nationalismus, ein Sujet, an dem sieh das großbürgerliche Lesepublikum im Zeitalter des Spätliberalismus und der Rcichsgründung interessiert zeigte.
     

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Louise  Francis:  Die  letzte  Reckenburgerin  (I87I)    


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