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Bürgerlicher realismus
Der Roman des späten Realismus erzählt nicht mehr, wie noch Goethes Wilhelm Meisler, geradlinige Bildungswege. Vielmehr werden die Diskontinuitäten, denen ein Individuum ausgesetzt ist, gleichermaßen
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Gottfried Keller: Martin Salander (I886)



In seinem letzten Roman, dem 1886 im Vorabdruck erschienenen Martin Salander, greift Gottfried Keller im Anschluss an die Ideale der 1848er Revolution noch einmal das Thema der bürgerlichen Ordnung und einer liberal demokratischen Gesellschaft auf. Damit diskutiert er zugleich die Krage nach der Erziehung des Einzelnen zum politisch mündigen Mitglied der Gesellschaft. Hierbei geht es primär nicht mehr nur um eine Zweierbeziehung oder um ein Einzelschicksal; im Mittelpunkt dieses Romans steht vielmehr, ungeachtet der Tatsache, dass sein Titel anderes suggeriert, die gesamte Gesellschaft. Eigenen Worten zufolge hat Keller mit diesem Werk den Versuch unternommen, 'ein politisches Spiegelbild der öffentlichen Zustände in meiner engeren Heimat zu entwerfen. So erinnert der Romantitel zwar an die Entwicklungsromane des 18. Jahrhunderts, die die Geschehnisse um den Helden ins Zentrum rückten; doch diese Ausrichtung leistet Kellers Marlin Salander nicht mehr. Hintergrund der Romanhandlung ist die politische Entwicklung nach 1848 sowie die zunehmend ökonomische Ausrichtung des ehemals politisch gemeinten Liberalismus. Im Zuge der Materialisierung der Gesellschaft gehen politisches Engagement und die Idee der Staatsbürgerschaft verloren. Statt Geschäftstüchtigkeit und Fleiß dominiert die Korruption, Politik wird nur mehr nach ökonomisch-finanziellen Kriterien entschieden. Das Wohl der Gemeinschaft hat, so Kellers ernüchternde Bilanz gegen Ende des Jahrhunderts, den Interessen des Einzelnen endgültig Platz gemacht. So behält Keller zwar das Grundmuster des bürgerlichen Bildungs- und Entwicklungsromans bei, doch das Genre wird pervertiert: Denn das Ziel der Entwicklung des Helden, die Integration des Individuums in eine soziale Gemeinschaft, lässt sich nicht mehr realisieren, da die Bereitschaft des Individuums, im Sinne des Kollektivs zu handeln und seine Belange denen der politischen Gemeinschaft unterzuordnen, gar nicht mehr erwünscht ist oder als erstrebenswert gewerlet wird. Die modernisierte Gesellschaft, die der Protagonist Martin Salander, ein Schweizer Kaufmann und ehemaliger Lehrer, nach seiner zehnjährigen Abwesenheit vorfindet, ist nicht etwa auf dem Weg zur humanen Wertegemeinschaft; vielmehr hat sich ein Zweckkollektiv des egoistischen Gegen-cinanders etabliert.
      Insbesondere in den Figuren der Zwillinge Isidor und Julian Weidelich porträtiert Keller profitgierige Karrieristen, ihr Handeln lässt erkennen, dass Korruption und Partei Wirtschaft das politische Handeln bestimmen. Martin Salander indes, dessen Aktivitäten auf ökonomische Absicherung, nicht aber auf bloße Gewinnsucht zielen, der als engagierter Staatsbürger seine Bürgerpflicht erfüllt und damit die ehemaligen zivilen Tugenden vertritt, scheitert. Der von ihm gesuchte Ausgleich zwischen real Gegebenem und Zukunftshoffnungen misslingt. Salander, der sich weder mit dem Status quo noch mit dem im Politischen und Sozialen Erreichten abgeben will, der eine moralische Gesellschaft autbauen möchte, gerät mit seinem Tun an den Rand der Gesellschaft. Er resigniert, als er erkennt, dass seine Vorstellungvon einer ethisch-moralisch handelnden Gesellschaft ins Unerreichbare gerückt ist. Die Diskrepanz zwischen der ökonomischen und politischen Realität der Gründerzeil auf der einen und dem früheren ästhetisch-humanistischen Anspruch des Bürgertums auf der anderen Seite lässt sich nicht mehr überbrücken; an dieser Erkenntnis scheitert nicht nur der Protagonist Salander, sondern auch sein Autor Keller. Dieser sieht keine Möglichkeiten mehr, seinen Roman sinnvoll, im Sinne eines sozialpädagogischen Programms also, enden zu lassen; folglich bricht er ab und lässt den Roman unvollendet. Kellers Martin Salander ist Fragment geblieben, ungeachtet der Tatsache, dass er als ein formal und inhaltlich abgerundetes Werk gelesen werden kann. Die geplante Fortsetzung 'Arnold Salander", die in der Figur des Sohnes einen positiven bürgerlichen Werdegang vorführen und damit die ehemaligen Normen noch einmal bestätigen sollte, wurde nicht mehr geschrieben. Der Glaube an die Realisierbarkeit eines bürgerlich-humanen Wertesystems ist Skepsis und Resignation, aber auch einem konservativ anmutenden ethischen Utopismus und Moralismus gewichen. Die Chancen, eine liberale Gesellschaft zu etablieren, schätzte Keller gering ein. Angesichts der Kapitalisierung auch der demokratischen Institutionen und der Verschärfung der Klassengegensätze hat ein idealistischer Optimismus, mit dem der Autor der Erziehungsnovellen, etwa in Frau Regel Amrain und ihr Jüngster, die bürgerlich-republikanische Zukunft umrissen hatte, Misstrauen und Enttäuschung Platz gemacht, Pessimismus und Hoffnungslosigkeit bestimmen die Erzählerhaltung. So verzichtet Keller im Gegensatz zu früheren Werken fast gänzlich auf eine humoristisch-verklärende Schreibweise. Man hat den Roman als das 'Abschiedsbuch"'' eines poetischen Realisten gelesen, eines dcsillusionierten Repräsentanten des Bürgerlichen Realismus also, der erkennt und längst zugibt, dass die Zeit über die ehemaligen Ideale und Werte hinweggegangen ist. Die versöhnliche Geste, die große Teile der Literatur des späten Realismus dominiert, ist in Kellers letztem Roman zugunsten eines 'grausamen Realismus" zurückgenommen, wie Theodor Storm urteilte.'2" Daran anschließend hat man auf die Nähe von Kellers 1886 im Vorabdruck in der Deutschen Rundschau erschienenen Romans zum zeilgleich wirkenden Naturalismus hingewiesen, die sicherlich mit dem Verzicht auf das dem Bürgerlichen Realismus eigene Verklärungsprinzip einhergeht.'2'' Die soziokulturelle und sozialpolitische Grundlage dieser Erzählstrategie war für Keller bereits Ende der 1880er Jahre nicht

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