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Bürgerlicher realismus
Der Roman des späten Realismus erzählt nicht mehr, wie noch Goethes Wilhelm Meisler, geradlinige Bildungswege. Vielmehr werden die Diskontinuitäten, denen ein Individuum ausgesetzt ist, gleichermaßen
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Der verdeckte Philister



Stopfkuchen hat diese Enge und Begrenztheil längst überwunden, er ist aus den 'philiströsen Konventionen"7" ausgebrochen. Zum einen durch den Abbruch seines Studiums, zum anderen durch die Infragestellung der in der bürgerlichen Gesellschaft unhinterfragt geltenden Ideale des Besitzes, des Lcistungsstrebens und der Bildung. Dabei macht Stoplkuchen einen positiven Bildungsgang durch insofern er den Rückzug in die 'Rote Schanze", von einer anfangs als Isolation verstandenen Lebensweise in eine humane Lebenshaltung zu wandeln vermag. Durch diese innere Entwicklung außerhalb der gesellschaftlichen Konventionen bewahrt sich der Außenseiter


Stopfkuchen eine Eigenständigkeit und kann so eine autonome Existenz jenseits der gesellschaftlichen Zwänge und spießbürgerlichen Entartung der Gesellschaft verwirklichen, er wird nicht zum 'funktionierenden Glied eines normierten Ganzen".7S
In seiner Jugend war Stoplkuchen ausgeschlossen, da er über keinerlei Bildung und Ausbildung verfügte sicherlich ist dieser Lebensumstand von Raabe als Kritik am zeitgenössischen Bildungsphilistertum angelegt. Stopfkuchen erhält sodann jedoch aufgrund seines materiellen Besitzes Anerkennung. So porträtiert Raabe in seinem Romanprotagonisten den Antiphi-lister, den bürgerlich ökonomischen Erfolgsmenschen und damit zugleich einen Repräsentanten der Gründerzeit. Stoplkuchen wird oberflächlich gesehen als die bessere Kontraslfigur zu einer Gesellschaft vorgeführt, die ihre ehemaligen humanen Ziele längst zugunsten eines primär materiell motivierten Strebens preisgegeben hat. Man darf also davon ausgehen, dass diese Figur von Raabe als Träger einer positiv verstandenen Bürgerlichkeit angelegt wurde und sich von daher auch als ein Abdruck bürgerlichen Bewusstseins gegen Ende des 19. Jahrhunderts verstehen lässt.
      Ungeachtet der Tatsache, dass sich Stoplkuchen hinter seinen Hecken verschanzt, wird er im Vergleich zu Eduard als der mental llexiblere vorgestellt. Er steht den heirschenden kulturellen Normen der Gesellschaft kritisch gegenüber, nicht zuletzt deshalb, weil sie seine eigene Entwicklung verhindert oder zumindest gehemmt haben. Insbesondere deren Bildungsinstitutionen sowie die klassische Bildungsidee weist er als schulischen 'Kulturpferch" zurück. Die Universitäten verlästert er als 'Mutter Eruditio" , überhaupt lehnt er die Gesellschaft als eine ,schnellfüßige', vom Fortschrittsglauben getriebene ab, und auch bürgerliche Werte wie Fleiß, Leistung und Tüchtigkeit beurteilt er skeptisch. Von seiner 'roten Schanze" aus möchte er, wie er selbst sagt, 'aller Philisterweltanschauung den Fuß auf den Kopf setzen" . Stoplkuchen ist der Außenseiter, der sich von der Gesellschaft zurückgezogen hat, und von dieser isolierten Position aus kritisiert er die bürgerliehe Gesellschaft zum einen ihres überkommenen Bildungsbegriffs wegen; zum anderen aber auch aufgrund des in ihr stattfindenden Wertewandels. Die herrschenden Normen werden als einseitige Orientierungspunkte einer materialistischen Gesellschaft hinterfragt. Dabei ist durch die Person Stopfkuchens der Wert einer humanistischen Gesellschaft und einer nach humanitären Prinzipien lebenden Gemeinschaft als Kontrastfolie stets präsent. Dem Leistungsdenken eines Besitzbürgerlums, dessen Handeln sich vornehmlich um das Gut des Eigentums dreht, setzt er eine auf Verstehen und gegenseitige Anerkennung autbauende Lebens- und Wertegemeinschaft gegenüber. Damit wird gegen Ende des 19. Jahrhunderts das bürgerliche Modell, das aulbauend auf den liberalen bürgerlichen Maximen der vorrevolutionären Zeit und den revolutionären Ideen von 1848 um die Mitte des Jahrhunderts noch so einstimmig proklamiert worden war, endgültig preisgegeben. Diese resignative Kritik hätte kaum härter ausfallen können. Gemessen an den Idealen, unter denen das Bürgertum 1848 angetreten war, ist die Bilanz zu Knde des Jahrhunderts ernüchternd.
      Aul'der Basis der ,Welt-Verlachung' stellt Stopfkuehen diese Abwertung der ehemaligen Normen sowohl durch das Bildungs- als auch durch das Besitzbürgertum in Frage. Profitorientiertes Leistungsdenken, auf den materiellen Besitz abhebendes Streben und ausgerichteter Fleiß, ein auf das Ligentum zentriertes Denken ebenso wie den veräußerlichten Bildungsgedanken lehnt er ab. Umgekehrt wertet er humane Verhaltensformen auf, die ihn allerdings als Bürger ausweisen: das In-Sich-Gekehrtsein sowie eine distanzierte Gelassenheit, die mitunter zur saturierten Geste verkommt.
      Soweit die positiven Eigenschaften Stoptkuchcns; ihnen stehen die negativen entgegen. Denn letztlich ist Stopfkuchen ein ebenso etablierter Bürger wie Eduard, auch er trägt selbstgefällige und philisterhafte Züge. Von seiner Schanze aus, hinter der er sich von der Gesellschaft zurückgezogen hat, agiert er als ein selbstzufriedener Bürger und pflegt seine, wie der Erzähler kommentiert, 'behagliche Weltverachtung" . Aus seiner Außenseiterposition heraus verurteilt Stopfkuehen den Egoismus des städtischen Bürgertums, doch er selbst praktiziert zu keinem Zeitpunkt ein humanes Verhalten. Hinter seinem selbst errichteten Bollwerk verschanzt, startet er seine Angriffe, 'aus dem Fett, der Ruhe, der Stille heraus" bringt er seine Kritik vor.
      Zudem ist Stopfkuchen Aktienbesitzer, der sich seinen 'behaglichen" Lebensstil in bourgeoiser Geste zu sichern vermag. Durch ökonomischen und sozialen Erfolg ist er zum Bürger aufgestiegen die Heirat mit der Tochter des Besitzers der 'Roten Schanze" hat ihn in diese Lage versetzt. Zwar gibt Stopfkuchen in seiner Erzählung andere Gründe für seine Heirat vor, er redet von einer Liebesheirat; dessen ungeachtet sind seine wahren materiellen Gründe nicht zu verkennen. Nach der Eheschließung geht es den beiden vornehmlich darum, ihr Gut zu vergrößern, das Kapital zu vermehren und damit zugleich an Ansehen und Macht zu gewinnen. Auch gibt die spezitische Erzählhaltung Aufschluss über den selbstgefälligen Charakter des Stopfkuchen; er erzählt fast ausschließlich über seine Tugenden und Verdienste, von denen seiner Meinung nach auch seine Frau und sein Schwiegervater profitiert haben.
      So repräsentiert Schaumann nicht zuletzt auch den gründerzeitlichen Emporkömmling und Erfolgsmenschen, im Hinblick auf diese Charakterseite des Stopfkuehen darf Raabes Roman als eine bissige, polemische Satireauf den Bürgertypus der Gründerzeit, dessen Streben primär dem Materiellen gilt, gelesen werden. Sein Thema ist die materialistische Grundhaltung der Gründerzeit, aber auch die Saturiertheit eines Bürgertums, das angesichts seiner durch 'Behaglichkeit" und Selbstzufriedenheit gekennzeichneten Lebensweise mit den früheren Idealen einer politischen Bürgerliehkeit nur noch wenig zu tun hat.
      Zwar ahnt Stopfkuchen, dass ihm sein 'Kasten" , die rote Schanze, selbst zum beengenden Refugium werden könnte; doch er glaubt diese Situation mit beständiger Rellektiertheit und humorvollem Darüberstehen überwinden zu können. Sein Lebensmotto: 'Friß es aus und friß dich durch!" klingt nicht eben sympathisch; auch sein aufdringlich proklamierter Hang zu 'Gemütlichkeit" und Behaglichkeit, sein Streben, es sich behaglich einzurichten, auch in der Isolation und, wie oben angesprochen, auf der Grundlage einer materiellen Absicherung, verweisen auf seine spießbürgerlichen Züge. Diese sind nicht zuletzt auch Ausdruck der Tatsache, dass es sich um den literarischen Figurenentwurf eines bürgerlichen Autors im 19. Jahrhundert handelt. Stopfkuchens Lebenslage und Lebenshaltung weisen eine frappierende Ã"hnlichkeit mit dem Rückzug des Bürgertums auf, mit einer gesellschaftlichen Schicht also, die sich vor einer zunehmend ungemütlichen und komplexen Außenwelt in privater Isolation und in den Privaträumen ,verschanzte'; mit dem Hang der bürgerlichen Klasse also, sich innerhalb der Wohnungen in den nach hinten gelegenen Räumen wie in einem Schneekenhaus einzurichten.
      Die Tatsache, dass Stopfkuehen jedoch keineswegs als eine ausschließlich negative Figur angelegt ist insbesondere der Kontrast zu Eduard hebt seine positiven Eigenschaften hervor , wirft die Frage auf, was ein Autor des Bürgerlichen Realismus am Ende des Jahrhunderts als erstrebenswert vorführt. Der Roman schildert ein auf sich selbst zurückgeworfenes Individuum, das seine Freiheit 'bloß individuell" erfahren kann, nicht aber als 'Mitglied eines Gemeinwesens". Mit gesättigter Geste bilanziert Stopfkuchen: 'Ich war dazu geboren worden, mich durchzufressen ins Schlaraffenland und in Jungfer Quakatzens weiche, weitgeöffnete Arme" . Was anderes bedeutet eine solche Lebensmaxime als die Ankunft im rettenden Hafen der Ehe, die bereits Hegel als das Ziel jedes Bildungsromans diagnostiziert hat. Bestätigt also Stopfkuehen durch solche, wenn auch ironisierend vorgetragenen Selbsturteilc nicht die Vermutung, dass sein Romanprotagonist der perfekte Philister ist? Vor dem Hintergrund der kulturgeschichtlichen Entwicklung des Bürgertums im 19. Jahrhundert jedenfalls drängt sich bei der Lektüre des Romans die Frage auf, ob Raabes Romanprotagonist als Repräsentant einer humaneren Bildung und Gesell schalt, ob dessen Lebensweise als Entwurf einer besseren Existenz ausreicht. Stopfkuchen, der Herr eines Ideals, das Ideal der 'Roten Schanze" nämlich, von der aus er, sozusagen aus einem sicheren Hinterhalt heraus gegen die Gesellschaft und ihre geltenden Bildungsnormen angeht, trägt philisterhafte Züge, Stoplkuchen ist das Produkt eines im bürgerlichen Werlehorizont schreibenden Autors. Die ihm zugeschriebenen Züge sind die eines autonomen, wellverachtenden Individuums, das sieh behaglich in seiner Rückzugsposition eingerichtet hat. Raabe wusste, dass ein solcher Rückzug aus der Gesellschaft keine Lösung darstellt: 'Wer wird in der ganzen Welt mit der Welt fertig, ohne sie?", fragt er in Zusammenhang mit seiner Arbeit am Stopfkuchen." Im Sinne der bürgerlichen Ideologie führt Raabe den Rückzug in die Privatheit, aber auch in die Isolation als Voraussetzung eines humanen Lebens vor; damit steht das Subjekt jedoch außerhalb der Gesellschaft, ein Lebensentwurf, der in dieser Radikalität selbst gegen das bürgerliche Ideal einer sozialen und humanen Gemeinschaft verstößt. In genau dieser Diskrepanz liegt das desillusionierende Moment von Raabes Roman begründet: In der Erkenntnis nämlich, dass die Realisierung von Bürgerlichkeit nur mehr außerhalb der bürgerliehen Gesellschaft möglich und das Fest-halten an bürgerlichen Bildungsidealen lediglich um den Preis der marginalen Sonderlingsexistenz zu erreichen ist.
     

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