Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Bürgerlicher realismus
Der Roman des späten Realismus erzählt nicht mehr, wie noch Goethes Wilhelm Meisler, geradlinige Bildungswege. Vielmehr werden die Diskontinuitäten, denen ein Individuum ausgesetzt ist, gleichermaßen
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Das 'uns tyrannisierende Gesellschafts-Etwas



Dabei knüpft Fontane die Diskussion dieses Konflikts im Anschluss an die Programmatik des Bürgerlichen Realismus zum einen an das Verhältnis zwischen Bürgertum und Adel. Zum anderen resultiert die Mehrheit der beschriebenen Konflikte, die das Individuum erleidet, aus einem gesellschaftlichen Normensystem, das dem Einzelnen wenig Spielraum lür ein selbstbestimmtes Handeln und für das Ausleben eigener Vorstellungen lässt. Diese Erfahrung machen nahezu alle Prolagonistinnen, aber auch die Protagonisten so etwa Schach von Wuthenow und Graf von Haldern. Effi Briest gerät in eine solche Situation und verliert diesen Kampf, die Gesellschaft rächt sich für die Missachtung ihres Normen- und Wertesystems: Die erzwungene Aullösung ihrer Ehe, der Entzug ihres Kindes und die gesellschaftliche Ã"chtung, die auch den zeitweiligen Kontaktabbruch zu ihren Eltern einschließt, sind die über Ell! verhängten Strafen. Dass allerdings auch Innstetten, der ,im Auftrag' der Gesellschaft diese Abmahnung seiner Frau zu vollziehen hat, über diesem intemalisierlen Normensystem zerbricht, darüber hat Fontane keinen Zweifel gelassen. Weder sein zeitgenössisches noch das heulige Lesepublikum hat ihn in diesem Punkt verstehen wollen; in der Regel wird Innstelten als der Schuldige, als der Verursacher für EfTis Scheitern zitiert. Das ist er jedoch nicht, Fontane jedenfalls hat dies in einem Brief an Clara Kühnasl unmiss-versländlich deutlich gemacht.K! Auch hat er viel Mühe und Umfang darauf verwendet, die Zwangssitualion, in der sich Innstelten nach dem entdeckten Ehebruch befindet, deutlich zu machen. Innslettens Gespräch mit Wüllersdorf bringt, indem er die Spannungen benennt, die im Aufeinandertreffen des Individuums mit dem Gesellschaftlichen entstehen, in geraffter Form ein zentrales Thema des späten Realismus zum Ausdruck; und auch die Einsicht des Einzelnen in die Notwendigkeit, sich dem ,Tyrann' Gesellschaft zu unterwerfen, seine Erkenntnis also, dass das Individuum als Teil des Ganzen zu handeln hat und dass das Soziale im Individuellen sein Recht fordert, zitiert eine thematische Leitlinie des Bürgerlichen Realismus:
Man isl nicht bloß ein einzelner Mensch, man gehört einem Ganzen an, und auf das
Auch Innstetten weiß also um die soziale Verpflichtung des Individuums, auch er hat die dem Bürgerlichen Realismus immanente Vorstellung von der Unterordnung subjektiv-privater Wünsche hier das Fortbestehen seiner Ehe und Familie auch nach dem Ehebruch seiner Frau hinter die gesellschaftlichen Belange und Normen internalisiert; von daher weiß er, dass es keine Handlungsalternativen für ihn gibt. Weder er selbst noch der Erzähler lassen Zweifel darüber aufkommen, dass auch sein Leben zerstört ist und seine Hoffnungen auf Glück mit der Aullösung seiner Ehe zunichte gemacht sind. Doch Innstetten muss und will dem 'Götzen" Gesellschaft huldigen. Diese Einsicht in die Dringlichkeit des Sich-Einfügens, in die Unterordnung des subjektiven Wollens unter das soziale und gesellschaftliche Ganze weisen Fontane unbedingt als bürgerlichen Realisten aus; zumal er Innstetten jene die ästhetischen Ansätze des Bürgerlichen Realismus wiederholenden Worte in den Mund legt: 'Es muß eine Verjährung geben, Verjährung ist das einzig Vernünftige; ob es nebenher auch noch prosaisch ist, ist gleichgültig; das Vernünftige ist meist prosaisch" . Wie Raabe, Keller und Storm thematisiert Fontane die brüchige Beziehung zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft, auch werden die Starrheit und die Ãobermacht der Gesellschaft kritisiert; der Ruf nach dem Aufbegehren, nach der aktiven Auflehnung der Helden und Heldinnen indes bleibt aus. Wie Raabe, so lässt auch Fontane viele seiner Protagonisten an dieser Zwangssituation zugrunde gehen, physisch oder psychisch. Gerade darin liegt aber auch eine harmonisierende, versöhnende Position begründet, die deutlich in Effi Briests kurz vor ihrem Tod mit der Mutter geführten Gespräch zum Ausdruck kommt. Hier nimmt Effi die Schuld am Scheitern ihrer Ehe mit Innstetten auf sich; zwar spricht sie nicht von Reue, aber von ,Schuld', die sie auf sich geladen habe, spricht sowohl von dem Versuch, zu 'versöhnen", als auch von dem Wunsch, 'mit Gott und Menschen versöhnt, auch versöhnt mit ihm" , mit Innstetten also, zu sterben. Effis Ã"ußerung verweist auf die Versöhnungsgeste des bürgerlichen Realisten, da mit ihr an zentraler Stelle die Einsicht in die Notwendigkeit der Hintanstcllung subjektiver Wünsche hinter die gesellschaftliche Norm durch eines der Opfer bestätigt wird.
      Das Aufbegehren gegen eine normierte Wertegemeinschaft ist Fontanes Sache mithin nicht. Seine Romane richten ihren Blick auf die Opfer eines strikten Gefüges und einer festen Ordnung, sie zeigen die seelischen Deformationen und psychischen Schäden, die die Individuen im Prozess der Eingliederung hinzunehmen haben. Fontane ließ dennoch keinen Zweifel daran, dass er zu dieser Anpassung keine Alternative kannte:


Ja Effi! Alle Leute sympathisieren mit ihr und Einige gehen so weil, im Gegensatze dazu, den Mann als einen ,alten Ekel' zu bezeichnen. Das amüsiert mich natürlich, giebt mir aber auch zu denken, weil es wieder beweist, wie wenig den Menschen an der so genannten .Moral' liegt und wie die liebenswürdigen Naturen den Menschenherzen sympathischer sind. Ich habe dies lange gewußt, aber es ist mir nie so stark entgegengetreten wie in diesem Effi-Hriest und Innstetten-I'all. Denn eigentlich ist er doch in jedem Anbetracht ein ganz ausgezeichnetes Menschenexemplar, dem es an dem, was man lieben muß, durchaus nicht fehlt. Aber sonderbar, alle korrekten Leute werden schon blos um ihrer Korrektheiten willen, mit Mißtrauen, oft mit Abneigung betrachtet.1*
In einem Brief an Friedrich Spielhagen bekräftigte Fontane diese Ansicht, wenn er dort über Spielhagens Roman Zum Zeitvertreib ss urteilt:
Diese Bedenken gipfeln in der persönlichen oder sag ich lieber richterlichen Stellung, die Sie zu der von Ihnen geschilderten Gesellschaft einnehmen. [...] Schließlich gestaltet sich alles doch so, dass man mit dieser 'Gesellschaft", trotz all ihrer Anfechtbarkeit, doch immer noch mehr sympathisiert als wie mit dem armen Professor. |...| Der Professor tut einem leid, aber darüber hinaus kommt man nicht; |...|.K"
Die Ehe wird nicht, das machen sowohl Fontanes briefliche Ã"ußerungen als auch seine Romane deutlich, als private Institution vorgeführt; sie wird vielmehr als eine gesellschaftliche Angelegenheil verstanden. Individuelles Leben ohne soziale Gemeinschaft und Anerkennung ist kaum sinnvoll zu gestalten und verliert das zeigen der Handlungsverlauf des Romans ebenso wie Fffis, aber auch lnnstettens Schicksal seinen Wert. Die Gesellschaftsordnung, das 'uns tyrannisierende Gesellschafts-Etwas", und der in ihr geltende Ehrkodex werden restriktiv erfahren; doch gegen sie zu leben, ist, so die Kernaussage von Effi Bliest ebenso wie von Fontanes gesamtem hat Fontane der titelgebenden 'Hhebrecherin" ein Leben nach der von ihr aufgelösten, sie erniedrigenden fihe zugestanden. Die Modernität der zweiten Ehe von Melanie van der Straaten mit Ebenezer Rubehn ist frappierend, einen derart gewagten und vorausschauenden Entwurf einer modern gelebten Partnerschaft, in der Frau und Mann zu gleichen Teilen für die ökonomische Fundierung ihrer Verbindung einstehen, hat Fontane allenfalls noch in seinem letzten Roman, in

Mathilde Möhring, geschildert. L'Adultera, der in seiner inhaltlich-thematischen Avanciertheit noch immer nicht hinreichend gewürdigt ist, sprengt den Rahmen der Möglichkeiten des Bürgerlichen Realismus und des 19. Jahrhunderts und wagt den Blick über die gesellschaftlichen Konventionen hinaus. Fontane wird diesen Weg nicht weitergehen; erst in seinem letzten Frauenroman Mathilde Möhring, mit dem er das 20. Jahrhundert einleiten wird", eröffnet Fontane wiederum eine Perspektive auf andere, von der bürgerlichen Norm abweichende emanzipierte Formen des Zusammenlebens.
      Fontanes zwischen 1882 und 1898 entstandene Romane bewegen sich in den Grenzen der bürgerlichen Gesellschaft. Die strenge Gesellschaftsordnung fordert, so die Grundaussage der in der wilhelminischen Ã"ra verfassten Werke, die moralische Verurteilung der Abweichler; diese Konvention wird weder von den Beteiligten im halle von Effi Briest wären dies Effi, Innstetten, die Eltern und die Bedienstete noch von Seiten des Erzählers in Frage gestellt. Mit einer solchen Ausrichtung zeigt sich Fontane der ideologischen Basis des Bürgerlichen Realismus verpflichtet. Dessen Vertreter sind kritisch, jedoch nicht im Sinne des offenen Aufrufs zum Aufbegehren und auch nicht durch den Entwurf einer Alternative zu einer bürgerlichen Gesellschaft, die strikt in Einklang mit dem Adel und mit dem zwischen den Klassen ausgehandelten gesellschaftlichen Normensystem lebt. Die dennoch formulierte Kritik ist sodann eine Binnenkritik, die den Entwurf einer Alternative zur bestehenden bürgerlichen Gesellschaft nicht impliziert; es handelt sich dabei um die aus einer bürgerlichen Position heraus vorgebrachte Gesellschaftskritik. Zwar unterscheidet sich Fontane von anderen Vertretern des Bürgerlichen Realismus durch sein Interesse an der Welt des Adels, insbesondere der des preußischen Landadels, wie ihn z.B. Dubslav von Stechlin verkörpert. Fontanes ästhetische Sympathie gilt -neben seiner Aufmerksamkeit für die weiblichen Opfer einer patriarchalisch strukturierten Gesellschaft - vor allem den Aristokraten oder eleganten Figuren, die sich ohne materielle Sorge über die Mühe täglicher Pflichten erheben können: den gebildeten, feinnervigen Grafen, Baronen, Gesellschaftsdamen wie Lewin von Marwitz, Schach von Wuthenow, Melanie von Caparoux, Graf Adam Petöfy, Graf Holk von llolkenäs, Graf Waldemar von Haldern, Dubslav von Stechlin, Melusine von Barby, den Poggenpuhls, die Liste wäre zu erweitern. Zwar kommen auch bei Fontane bürgerliche Figuren vor, aber es handelt sich nicht, so Erich Auerbachs viel zitiertes Urteil über die deutschen Realisten, 'um eine ernste Darstellung der zeitgenössischen alltäglichen gesellschaftlichen Wirklichkeit"â"¢: 'Der Künstler Fontane hat seine echte Heimat nur dort, wo man einen ,Chablis' von einem ,Pommard' unterscheiden kann; dort wo man seine Mahlzeiten nur mit ererbten schweren Silbergabeln zum Munde führt.""'' In dieser Vorliebe Fontanes spiegelt sich die von großen Teilen des Bürgertums gesuchte Nähe zur Welt des Adels und zu adeligen Lebensformen. Andererseits besteht die Möglichkeit, Effi Briests Scheitern mit dem Hinweis auf die Ã-dnis der kleinen Landorte an der pommerschen Küste zu begründen, fragt sie doch bereits kurz nach ihrer Ankunft in Kessin ihren Mann, ob es dort auch 'Umgang und Gesellschaft" gebe, was ihr Mann verneinen muss. Hill, die an ihrer häuslichen Abgeschiedenheit verzweifelt, phantasiert in schlaflosen Nächten ein Fest ins leere Haus, sie hört Töne, 'nicht laut, aber doch sehr eindringlieh: Erst klang es, wie wenn lange Sehleppenklcider über die Diele hinschleiften, und in meiner Erregung war es einmal, als ob ich kleine, weiße Atlasschuhe sähe. Rs war, als tanze man oben, aber ganz leise" . Derartige Phantasien lassen sieh als Kompensation eines Lebens in Einsamkeit und Weltlosigkeit verstehen, die Protagonistin scheitert am fehlenden bürgerlichen Umfeld und Lebensstandard, scheitert letztlich als Bürgerin an der Tatsache, dass sie ihr bürgerliches Selbstverständnis nicht ausleben kann. Effi und ihr Mann vertreten zwei unterschiedliche Konzepte von Bürgerlichkeit: Effis Wunsch nach gesellschaftlichem Umgang, ihre Erwartungen, die sie an ihre Ehe stellt, werden jedoch enttäuscht; ihr fehlt das, was die Treibeis und die van der Straatens grandios kultivieren, die häuslich-bürgerliche Geselligkeit, die Landpartien, die Teetische usw., also all das, bei dem Fontane sieh, folgt man den Analysen von Peter Demetz''", als Erzähler am wohlsten fühlt, wo er seine eigentliche literarische und auch soziale Heimat entdeckt: im gehobenen Bürgertum oder in ländlichen Adelskreisen , die ihren Bildungsfundus und ihre Lebensweise dem des Bürgertums angenähert haben und auf die Fontane die ursprünglich bürgerlichen Werte, Menschlichkeit und humane Lebens- und Handlungsweise, überträgt, die innerhalb des Bürgertums selbst angesichts der von diesem betriebenen Materialisierung des Lebens nur mehr in veräußerlichter Form ihre Anwendung fanden. In Theodor Fontanes autobiographischen Aufzeichnungen Von Zwanzig bis Dreißig heißt es über diese Entwicklung:
Alle geben sie vor, Ideale zu haben; in einem fort quasseln sie vom ,Schönen, Guten, Wahren' und knixen doch nur noch vorm goldnen Kalb, entweder indemsie tatsächlich alles was Geld und Besitz heißt, umcouren oder sich doch innerlich in Sehnsucht danach verzehren."
Der Anlass dieser Aussage war die Arbeit an seinem Roman Frau Jenny Treibet, in dem Fontane die angesprochene Entwicklung wenn zwar mit humoristisch-versöhnender Geste, so doch mit kritischem Ton umreißt.
     

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