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Der späte Realismus (1870-1900)


Der Roman des späten Realismus erzählt nicht mehr, wie noch Goethes Wilhelm Meisler, geradlinige Bildungswege. Vielmehr werden die Diskontinuitäten, denen ein Individuum ausgesetzt ist, gleichermaßen wie die Ambivalenz zwischen Subjekt und Gesellschaft betont; die Basis der Bildungswege und Entwicklungen der Helden ist

zumeist ein "Desillusionie-rungsprozess".1'* Diese Ausrichtung impliziert, dass der Theorie des programmatischen Realismus nach der Reichsgründung und dem danach einsetzenden Industrialisierungsschub innerhalb des Bürgerlichen Realismus keine unangefochtene Geltung mehr zukommt. Die Ausbildung einer industrialisierten, urbanisierten, arbeitsteiligen Gesellschaft ebenso wie die Wirtschaftskrisen von 1873/74 nährten bei vielen Autoren die Erkenntnis, dass die Erfassung der Realität über das Genre des Bildungs- und Entwicklungsromans nicht mehr zu bewältigen sei. Die Konzentration auf einen einzigen Helden, die Verfolgung eines bürgerlichen Schicksals wird als nicht mehr plausibel und damit als unrealistisch gewertet. Die Unüberschaubarkeil von Welt und Gesellschaft führt zu der Einsicht, dass die bislang angewendeten Erzählstrategien der Erfahrungswelt kaum mehr adäquat sind und von daher als überholt gelten dürfen. Die Konzentration auf einen bürgerlichen Helden und die minutiöse Beschreibung von dessen Lebensweg, die die Romane von Freytag, Keller, Raabe und Stifter leisten, kennt der Roman des späten Realismus dementsprechend nur bedingt: In seinem Umfeld entstehen keine Bildungs- und Entwicklungsromane.''" An die Stelle der bürgerlichen Helden rücken die Außenseiter (Fontane), die Sonderlinge und die Randexistenzen (Raabe). Auch werden die Romane weniger umfangreich; Handlungsarmul ist das Kennzeichen vieler Werke des späten Realismus, insbesondere Fontanes (Luvre steht beispielhaft für diese Tendenz. Mit diesem veränderten Erzählkonzept wandelt sich auch die Erzählhaltung. Raabe und Fontane verziehten auf einen allwissenden, den Entwicklungsgang eines Helden genau überblickenden Erzähler. Diesem fehlt der souveräne Überblick, Raabe bezieht den Erzähler gar in das erzählte Geschehen ein, macht ihn zu einem Teil der erzählten Handlung. Damit ist ein lineares zielgerichtetes Erzählen aufgegeben, es weicht der Diskontinuität des Erzählten (Rückblenden, Vorausschau, Unterbrechungen), auch bricht Raabe das Prinzip der Objektivität des Erzählers durch Erzählerkommentare auf.


Wilhelm Raabe - Stopfkunchen (I89I): Der kritische Realismus eines bürgerlichen Autors
An keinem anderen Autor lässt sich die mit dem Wandel der bürgerlichen Gesellschaft, insbesondere nach der Reichsgründung einhergehende Ent-wicklung des Bürgerlichen Realismus von einem frühen programmatischen zum späten kritischen Realismus so deutlich zeigen wie an Wilhelm Raabe; nicht zuletzt sei [ ... ]
Wilhelm Raabe - Der Philister
Wie Keller und Storni wirft Raabe in seinen späten Romanen die Frage nach dem Verbleib der ehemaligen bürgerlichen Werte und Normen sowie nach der Selbstbehauptung des Individuums in einer zunehmend über den Einzelnen hinweg entscheidenden Gesellschaft auf. Im Stopfkuchen bringt er sie mit der Infra [ ... ]
Der verdeckte Philister
Stopfkuchen hat diese Enge und Begrenztheil längst überwunden, er ist aus den 'philiströsen Konventionen"7"1 ausgebrochen. Zum einen durch den Abbruch seines Studiums, zum anderen durch die Infragestellung der in der bürgerlichen Gesellschaft unhinterfragt geltenden Ideale des Besitzes, des Lcistung [ ... ]
Scheiternde Entwicklungsgänge
Fontane hat keine traditionellen Bildungs- und Entwicklungsromane ver-lässt. Diese Entscheidung ist nicht etwa eine Eigenheit Fontanes, sondern ein Kennzeichen des gesamten späten Realismus. Auch der späte Raabe verfolgte das Schema des herkömmlichen Bildungs- und Entwicklungsromans nach seinem Hung [ ... ]
Das 'uns tyrannisierende Gesellschafts-Etwas
Dabei knüpft Fontane die Diskussion dieses Konflikts im Anschluss an die Programmatik des Bürgerlichen Realismus zum einen an das Verhältnis zwischen Bürgertum und Adel. Zum anderen resultiert die Mehrheit der beschriebenen Konflikte, die das (weibliche) Individuum erleidet, aus einem gesellschaft [ ... ]
Versöhnungsgesten: Wo sich Herz zum Herzen find't
Bezeichnenderweise hat Fontane seine Vorliebe für die Welt des preußischen Landadels mit seiner Abneigung der städtischen Besitzbourgeoisie und dem 'zur Zeit maßgebende!n| Bourgeoisgeluhr''2 gegenüber erklärt. Aus dieser Begeisterung Pur Teile des Adels und aus seiner Skepsis dem Besitzbürgertum geg [ ... ]
Verklärte Realität
Die politischen, liberalen und demokratischen Ziele der frühen vierziger Jahre, unter denen das Bürgertum in der Ã-ffentlichkeit angetreten war, hatte man angesichts eines wachsenden Proletariats und im Zuge der Annäherung an den Adel aufgegeben. In diesem Punkt kommt dann allerdings - gerade im Wer [ ... ]
Louise von Francis: Die letzte Reckenburgerin (I87I)
Ihren literarischen Durchbruch erzielte Louise von Francois mit ihrem historischen, von Walter Scott beeinflussten Roman Die letzte Reckenburgerin (2 Bde., Berlin 1871), der in der Zeit der 1848er Ereignisse spielt. Eine Rezension in Rodenbergs Deutscher Rundschau brachte der Autorin breite Aufmerks [ ... ]
Gottfried Keller: Martin Salander (I886)
In seinem letzten Roman, dem 1886 im Vorabdruck erschienenen Martin Salander, greift Gottfried Keller im Anschluss an die Ideale der 1848er Revolution noch einmal das Thema der bürgerlichen Ordnung und einer liberal demokratischen Gesellschaft auf. Damit diskutiert er zugleich die Krage nach der Erz [ ... ]
Wilhelm Raabe: Die Akten des Vogelsangs (I896)
Auch Raabes zu seinen Lebzeiten letzter erschienener Roman hat die ehemalige Vision einer humanen bürgerlichen Gesellschaft und einer positiv gelebten Bürgerlichkeit langst verabschiedet. Die zentralen Ideen dieser Vision, harmonische ZusammenFührung von Individuum und Gesellschaft, bürgerliche Sozi [ ... ]



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