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Bürgerlicher realismus

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Vermittelte Bürgerlichkeit: Kultur- und Gattungsgeschichte



Interessant war das Genre Bildungs- und Entwicklungsroman für den Bürgerlichen Realismus nicht zuletzt aufgrund seines pädagogisch-didaktischen Anspruchs, aus dem heraus man die Literatur als Vermittlungsinstanz bürgerlicher Interessen funktionalisierte. Denn auch der Bildungs- und Entwicklungsroman folgte in seinem Versuch, den Entwicklungsgang eines Individuums zu beschreiben, letztlich einem didaktischen Impetus. Im Zentrum steht dabei der Grundgedanke, dass das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen Individualität und Sozialität nie frei von Differenzen ist. Der Dcsillusions- ebenso wie der Anti-Bildungsroman lassen die Benennung solcher Unstimmigkeiten und Diskrepanzen zu, allerdings fordern das Genre und die Programmatik des Bürgerlichen Realismus gleichermaßen den harmonisierenden Ausgleich zwischen beiden Polen. Sowohl der Bildungs- und Entwicklungsroman als auch der Bürgerliche Realismus sehließen das Unstimmige keineswegs aus; doch letztlich bestätigen sie die grundsätzliche Vereinbarkeit von Individuum und Gesellschaft, von bürgerlichem Subjekt und bürgerlicher Gemeinschaft. Selbst Fontanes l'rauenromane, die nur mehr in rudimentärer form Merkmale des Bildungs- und Entwicklungsromans beinhalten, führen zwar das Scheitern des Subjekts an den gesellschaftlichen Gegebenheiten vor; doch auch sie bestätigen in der Regel die Notwendigkeit und Berechtigung der Unterwerfung unter den 'Göt/cfnl" Gesellschaft, unter das 'uns tyrannisierende Gesellschafts-Etwas", das den 'Götzendienst" erfordert.
      Der spezifische Bildungsbegriff des Bürgerlichen Realismus betont die grundsätzliche Vereinbarkeit von Individualität mit den Anforderungen der sozialen Gemeinschaft und beharrl auf der sozialen Verpflichtung des Individuums dem Kollektiv gegenüber. Theodor Fontane hat dies in fast allen seinen Romanen demonstriert, und auch Gottfried Keller, der in seinem Grünen Heinrich diese Annäherung von individuellen Bedürfnissen und gesellschaftlichen Belangen als einen äußerst schwierigen, ja schmerzvollen Prozess vorführt, lässt seinen Melden am Ende diesen Grad der Entwicklung im Sinne von Einsicht und Vernunft erreichen. Mit der Umarbeitung des Romans zwanzig Jahre nach seiner Entstehung setzt Keller abermals deutliche Akzente im Sinne der Programmatik und Ideologie des Bürgerlichen Realismus. Die als problematisch geschilderte Vereinbarkeit individueller Ansprüche mit den gesellschaftlichen Anforderungen wird zurückgenommen, die grundsätzliche Harmonie zwischen subjektiver Selbstbestimmung und sozialer Rolle beziehungsweise Rollenerwartung betont, die Vermittlung und Vermittelbarkeit zwischen Individuum und Gesellschaftalso nicht mehr grundsätzlich in Frage gestellt. Dieser Aussage war sicherlich Goethe mit seinen Wanderjahren vorausgegangen, bereits er hatte das idealistische Bildungsideal verabschiedet zugunsten der 'individuellen Funktionsertullung in einer differenzierten Gesellschaft". Diese Differenzierung der Gesellschaft, im Zuge derer der Konflikt zwischen Adel, Bürgertum und viertem Stand so greifbar wie nie zuvor wurde, veränderte den Bildungs- und Entwicklungsroman im 19. Jahrhundert ganz beträchtlich. Vor dem Hintergrund der steten Ausdifferenzierung der Gesellschaft in einzelne soziale Klassen und angesichts ihrer spezifischen soziokulturellen Mentalität und Lebenshaltung, der Absteckung dessen, was Pierre Bourdieu als das soziale 'Feld" präzisierte, lassen sich Romane wie Adalbert Stifters Nachsommer oder Gustav Freytags Soll und Haben verstehen.
      Geht man also davon aus, dass der Bildungs- und Entwicklungsroman auf die Vermittlung zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen individueller und sozialer Identität ausgerichtet ist, wird verständlich, warum der Bürgerliche Realismus sieh dieses Genres bediente, bedienen musste; geht es ihm doch um eben diese Vermittlung und Bestätigung sowohl des bürgerlichen Selbstverständnisses als auch um die Koordinierungsmöglichkeiten der gesellschaftlichen mit den individuellen Ansprüchen. Daran anschließend wäre die gemeinhin gültige Vorstellung von der Entwicklung des Bildungs- und Entwicklungsromans im 19. Jahrhundert unter dem Zeichen eines allgemeinen Krisenbewusslseins' zu differenzieren. Denn zwar wurde das Individuum infolge von Technisierung und Industrialisierung sowie durch die weitere Ausdifferenzierung der Gesellschaft mit der Entstehung des vierten Standes existentiellen Verunsicherungen ausgesetzt. Dessen ungeachtet setzte jedoch die bürgerliche Gesellschaft an die Stelle umfassender Weltdeutungsmodelle ein dezidiert bürgerliches Wertesystem, in das sich das Individuum einzuordnen hatte. Sind die Arbeiten zum Bildungs- und Entwicklungsroman, wie z.B. die von Jacobs/Krause oder von Gerhart Mayer, vom Individuum her gedacht, so wären für die Beschreibung des Bildungs- und Entwicklungsromans im Kontext des Bürgerlichen Realismus andere Aspekte zu fokussieren. Diese sind unter der Maxime der Affirmation der bürgerlichen Gesellschaft geschrieben, eine solche Zielsetzung unterscheidet sie grundlegend von den Bildungs- und Entwicklungsromanen des 18. Jahrhunderts und den ,Anti-Meistern' der Romantik. Denn letztlich resultierte aus dieser Orientierung an der Programmatik des
Bürgerliehen Realismus eine spezifisehe inhaltliehe Ausriehtung des Bil-dungs- und Entwicklungsromans im 19. Jahrhundert. Im Mittelpunkt steht in ihnen primär nieht das Individuum, sondern die Gesellschaft, wobei eine solehe Akzentversehiebung durchaus den Anlagen des Genres entsprach. Innerhalb des Bürgerliehen Realismus war diese Akzentuierung ideologisch motiviert. Weite Teile des Bürgertums hielten es nach dem Scheitern der Revolution von 1848 für erwiesen, dass der bestehenden gesellschaftlichen und staatlichen Ordnung der Vorrang vor den Ansprüchen des Individuums zukomme. So kann Julian Schmidt 1849 in den Grenzholen festhalten, erst als 'Bürger" erhalte der
Mensch seinen vollen Werth |...|, als integrierendes Glied einer sittlichen Gemeinschaft, deren Inhalt er in sich weiß und fühlt. In diesem souveränen Staat, findet die .menschliche' Freiheit, wie sie Werther |...| laust |...| Goethe für sich fordern, keinen Raum; mit zwingender Gewalt bannt der Geisl des Staats den Einzelnen in seine Kreise.'^
Dementsprechend geht der Bürgerliche Realismus nicht von einem grundsätzlichen und unaufhebbaren Widerspruch zwischen Individuum und Gesellschaft aus; das bürgerliche Individuum wird stets als Teil dieser Gesellschaft gesehen, es hat eine soziale Verpflichtung der bürgerlichen Gemeinschaft gegenüber. Die Integration des Subjekts wird mithin auch nicht als eine Unterwerfung unter das gesellschaftliche Ganze verslanden, sondern als eine sinnvolle Ergänzung der Entfallungs- und Lebensmöglichkeiten des Einzelnen. Auf diese Weise wird zugleich die im Bildungs- und Entwicklungsroman diskutierte Frage nach der individuellen Entfaltung innerhalb einer Gesellschaft im bürgerlichen Zeitalter neu gestellt. Zumindest in der Phase des programmatischen Realismus und der gescheiterten Revolution geht man von einer grundsätzlichen Vereinbarkeit individueller Ziele mit gesellschaftlichen Belangen aus. Insofern ist der Bildungs- und Entwicklungsroman teleologisch nieht nur im Hinblick auf den Bildungsgang des Protagonisten, sondern von seiner ganzen Anlage her: Letztlich gehen die Romane des Bürgerlichen Realismus von der Gesellschaft aus und sind damit im Hinblick auf die Integration des Subjekts in eben dieselbe verfasst. Die Autoren benötigen dabei keine Turmgesellschaft im Goetheschen Sinn; und auch die Gesellschaft, der die Helden allesamt entstammen, ist keineswegs, wie im Wilhelm Meisler, abwertend als eine bürgerliche, kunstfeindliche beschrieben. Vielmehr ist die 'Individualität als lebendiges Glied eines vernünftigen und verbürgten Organismus"7' zu setzen.
      Diesem Anspruch ist auch der Bildungsbegriff des Bürgerlichen Realismus untergeordnet. Zum einen existiert das humanistische Bildungsideal, das aber mit der Idee eines sozialen Beitrags des Individuums verknüpftwird. Zum anderen wird der Biidungsbegriff dem Nützlichkeitsdenken einer bürgerlichen Gesellschaft unterstellt, die individuelle Bildung ist innerhalb der Bildungs- und Entwicklungsromane des Bürgerlichen Realismus gleichfalls mit Blick auf ihre Nützlichkeit und Verwertbarkeit für die bürgerliche Gemeinschaft, aber auch für den Staat insgesamt definiert. Aus diesem Gedanken resultiert immerhin der moderne Bildungsbegriff des 19. Jahrhunderts, im Zuge dessen der Bildungsgang des Einzelnen durch die Einrichtung offizieller Bildungsanstalten institutionalisiert wird.
      In beiden Auffassungen von Bildung dient letztere der Integration des Individuums in den Status quo des Gesellschaftlichen und der Gesellschaft: Der auf Versöhnung angelegte Bildungsprozess des bürgerlichen Individuums sollte die geschilderten gesellschaftlichen Verhältnisse als grundsätzlich gerechtfertigt beweisen. Eine solehe Auffassung findet sich explizit in Stifters Nachsommer, aber auch in Ereylags Soll und Hohen, Raabes Hungerpastor und Kellers Grünem Heinrich. Diese Romane betonen die pragmatisch-utililaristische Bildungsidee, nach der insbesondere praktische Kenntnisse und Fertigkeiten des Einzelnen der Gesellschaft zur Verfügung gestellt werden können und von ihr zu verwerten sind; die Ausbildung und der Bildungsgang eines Helden sind dementsprechend zuallererst auf die sozialen Dienste des Einzelnen für die Gemeinschaft hin angelegt.
     

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