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Bürgerlicher realismus

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Struktur und Räumlichkeit



Die Bildungs- und Entwicklungsromane des Bürgerlichen Realismus verfolgen vornehmlich den Sozialisationsgang eines Protagonisten in die bürgerliche Gesellschall; daran anschließend kommt der funktionalen Ausgestaltung der Räume eine wichtige Bedeutung zu. Diese sind vorzugsweise in den affirmativen Entwicklungsromanen des programmatischen Realismus der Frühphase auf das Lebensmilieu des bürgerlichen Helden zugeschnitten. Bezeichnenderweise spielt gerade das Arbeitsmilieu, das schon für Wilhelm Meister und erst recht nicht für die Protagonisten der romantischen Bildungsromane von Belang war, in diesen frühen Romanen eine zentrale Rolle. Der 'Bildungsroman" zeige, so hatte bereits Morgenstern festgehalten, 'die Menschen und Umgehungen auf den Helden wirkend und die darzustellende allmähliche Bildung seines Innern uns erklärend".4"
Für den Bürgerlichen Realismus wird diese Bestimmung insofern prägend, als Elternhaus und familiär-privates Umfeld die Lebenswege der Protagonisten nachhaltig beeinflussen. Ihr Ausgangspunkt ist ein fest umschlossener und lest umrissener Lebensraum innerhalb des bürgerlichen Milieus, das im Gegensatz zu Goethes Roman nicht grundsätzlich in Frage gestellt wird, sondern an der Ausbildung und Formung des Charakters mitwirkt. Auch wird es nicht, wie im Wilhelm Meisler, mit Enge und Perspek-tivlosigkeit assoziiert; vielmehr mit Geborgenheit und einer positiv konnotierten intakten bürgerlichen Welt. Im Zuge dieser Akzentuierung verliert der in Goethes Roman konstruierte Gegensatz von familiärer Enge und Ein-gesperrtsein im überschaubaren häuslichen Rahmen auf der einen und der Wanderung durch eine offene Gesellschaft auf der anderen Seite in den Bildungs- und Entwicklungsromanen des Bürgerlichen Realismus an Wichtigkeit. Flieht Goethes Romanheld die bürgerliehe Begrenztheit seines Elternhauses, so wird das bürgerliche Milieu, dem die Helden der Bildungsund Entwicklungsromane des Bürgerlichen Realismus allesamt entstammen, als ein positiver Wert behandelt. Führt der Weg oder die Raumbewegung im Wilhelm Meisler von der Finge in die Weite, von der Eingebundenheit in die bürgerliche Kleinfamilie in die Offenheit einer komplexen Gesellschaft, so dominieren in den Romanen des Bürgerlichen Realismus andere Strukturen und Bewegungslinien, da der Bruch mit dem Elternhaus ausbleibt. Selbst Heinrieh Lee, der nach dem Tod des Vaters gezwungen ist, den Ort seiner Kindheit und Jugend zu verlassen, wird am Ende dorthin zurückkehren; zudem hält Heinrieh die Erinnerung an die Eltern und das Elternhaus auch während seiner Wanderschaft durch Deutschland und die Schweiz wach. Zu keinem Zeitpunkt wird das bürgerliehe Lebensumfeld ernsthaft in Frage gestellt oder das bürgerliehe Denken und Wertesystem negiert. Auch sind das Lebensprinzip und der Entwicklungsgang des Helden im bürgerlichen Bildungs- und Entwicklungsroman weder ein romantisches zielloses Wandern durch die Welt noch ein Sich-Treiben-Lasscn oder richtungsloses Umherirren in der Art der romantischen Anti-Meister, motiviert durch die nicht näher definierte Sehnsucht nach einem nicht präzise benannten Ursprung. Stattdessen absolvieren die Protagonisten in ihren Lehr- und Wanderjahren einen geordneten Gang durch die Welt innerhalb eines vorgegebenen Rahmens und Lebensmilieus. Dieser impliziert die geordnete Aneignung von Bildung und eines Bewusstseins für die Notwendigkeit einer harmonischen Einfügung in die bürgerliche Gesellschaft; auch seheinen der Entwicklungsgang, aber auch der Bildungsprozess im Rahmen eines bürgerlichen Wertesystems weitgehend vorgezeichnet. Zwar stand auch im Wilhelm Meister am Ende der Verweis auf die notwendige Hinwendung zu 'praktischer Lebenstüchtigkeit"4"; doch wurde eine solche Lebenstüchtigkeit von Goethe keineswegs im Sinne einer bürgerlichen Lebensform und Mentalität präzisiert. Im Bildungs- und Entwicklungsroman hingegen findet der Held, nachdem er zunächst das Elternhaus verlassen hat und in die Fremde gezogen ist, zumeist in die Heimat und Familie zurück. Herbert Seidler hat in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam gemacht, dass sich die Bildungswege der Romanprotagonisten, z.B. des Grünen Heinrich, und damit auch die Romanstrukturen durch eine Kreisbewegung auszeichnen. Der Bildungsgang und somit auch die 'Raumstruktur" der Mehrheit der Romane des Bürgerlichen Realismus folgen in der Regel der Linie Aufwachsen in der Heimat, Wandern in die Fremde, Lernen in der Fremde, Rückkehr als gereiftes Individuum in die Heimat; der Weg endet dort, wo er begonnen hat. Aus diesem Befund hat Seidler einen weiteren wichtigen Unterschied zwischen Goethes Roman und den Bildungs- und Entwicklungsromanen des 19. Jahrhunderts abgeleitet:
Der Mensch lebt nicht mehr bloß in rein geistigen lintlaltungen, er ist gebunden an einen wirkenden Lebensraum, der ihm Heimat wird und ohne den er Gefahr läuft zu verkommen. Hierin spricht sich die gewandelte /eil aus.sl
Die Ausgestaltung der Innenräume wird dementsprechend im Bildungs- und Entwicklungsroman des Bürgerlichen Realismus zu einer dringlichen Aufgabe, gelten die Wohn- und Lebensbereiche doch als der Ort, in den sich der Bürger zurückgezogen hat, der Innenraum ist die eigentliche Bühne des Bürgerlichen und der Entfaltung von Bürgerlichkeit. Kein anderer Autor hat dies so nachhaltig zum Ausdruck gebracht wie Adalbert Stiller mit seinem Entwurf des 'Rosenhauses"", einer Domäne bürgerlicher Wohn- und Lebenskultur, ein Zentrum bürgerlicher Mentalität und Lebenshaltung. Der umschlossene Raum, sei es das Rosenhaus in Stifters Nachsommer oder das Kontor in Freytags Soll und /Iahen, bietet den bürgerlichen Protagonisten das, wonach sie letztlich suchen: Geborgenheit durch die Bestätigung der eigenen bürgerlichen Ambitionen und Identität. Zwar erlangen im Grünen Heinrich die Beschreibungen von Innenräumen nicht den Stellenwert, der ihnen in Freytags oder Stifters Romanen zukommt; doch in Kellers Werk wird 'die Heimat als Ganzes f...] zum bergenden Raum, dem gegenüber die Fremde in ihrer Ungeborgenheit trotz oder wegen der engen Räume [...] besonders abgehoben ist".5'
Der Beschreibung der Räume, sowohl der privaten abgeschlossenen Wohn- und Arbeitsräume als auch des Außenraums der Landschaft, kommt dementsprechend im Bürgerlichen Realismus entscheidende Bedeutung zu; die in seinem Umfeld entstandenen Werke sind 'Raumromane"54, um den Begriff von Wolfgang Kayser aufzugreifen. Notwendig wird diese Aufwertung der Raumdarstellung in Zusammenhang mit der Entscheidung, den bürgerlichen Helden in seinem Lebensmilieu und Arbeitsumfeld zu zeigen. Der Raum, vor allem der Innenraum, dient der Charakterisierung des Protagonisten, seiner bürgerlichen Herkunft wie seiner bürgerlichen Lebensweise gleichermaßen. Anders als im romantischen Roman, der den Naturraum favorisiert, spiegeln Räume in der Literatur des Bürgerlichen Realismus primär nicht die Befindlichkeit des Helden; vielmehr dokumentieren siedessen Lebensweise und soziales Lebensumfeld. Mithin ist die Raumdarstellung des Bürgerlichen Realismus Teil einer literarischen Strategie, die auf die soziokulturelle Vermittlung der Werte und Normen einer Klasse hin ausgelegt ist. Man favorisiert den Typus 'Raumroman" und die Raumdarstellung vornehmlich nicht, um ,Welt-Totalität' oder 'Welttülle"" zu zeigen; statt dessen geht es um die oben erwähnte Funktionalisierung des Raumes im Zuge der literarischen Vermittlung von Bürgerlichkeit und des Entwurfs einer bürgerlichen Welt; nur so ist es zu erklären, dass der Bildungs- und Entwicklungsroman zum 'Stolz der deutschen Bürgerfamilie" werden konnte.5''
Dass Privaträume dabei mindestens so wichtig sind wie Landschaften, trifft zwar bereits für die Literatur der Autklärung zu; die nach 1848 entstandene Literatur hat diese Ausdifferenzierung zwischen Bürgertum und Adel jedoch weiter verdichtet, muss der Bereich der Innenräume doch um den des Kontors oder der Arbeitsräume schlechthin erweitert werden. Dem entspricht, dass das Bemühen des Bildungs- und Entwicklungsromans in der Nachfolge von Goethes Wilhelm Meisler, Universalität und eine 'große Einheit des Weltbildes" zu geben, im 19. Jahrhundert nicht aufrechterhalten und bewusst auf die Mentalität einer sozialen Klasse verengt wird. Sah Friedrich Schiller im Wilhelm Meisler noch die 'Menschheit f...] ins Spiel gesetzt"57, und hob auch Dilthey Goethes Absicht hervor, 'das allgemein Menschliche an einem Lebenslauf''5'* zu exemplifizieren, so kommt solchen Bemühungen innerhalb der Literatur des Bürgerlichen Realismus keine allzu große Bedeutung mehr zu. Es muss in diesem Zusammenhang nochmals hervorgehoben werden, dass Dilthey seine Aussagen ausschließlich am Wilhelm Meister und an Romanen des frühen 19. Jahrhunderts gewonnen hatte, vorzugsweise an Werken Jean Pauls und Friedrich Hölderlins, die Romane des Bürgerlichen Realismus hingegen keine Beachtung fanden. So übersah Dilthey den erzähltechnischen Wandel, der innerhalb der Entwicklung des Bildungs- und Entwicklungsromans im 19. Jahrhundert eintrat: Der 'Weltlulle"5'' garantierende, allwissende Erzähler, wie ihn Goethes Roman kannte, weicht einem Ich-Erzähler, der oft nicht viel mehr überblickt als die Geschehnisse seiner näheren Umgebung. Vielfach tritt an die Stelle der künstlerischen Aneignung von Wirklichkeit der philisterhafte Umgang mit Realität, in dem insbesondere der ,Ernst des Lebens' und die Ernsthaftigkeit eines bürgerlichen Lebens betont werden; der Anspruch auf die Darstellung von ,Welt-Totalität' gerät hierbei in den Hintergrund.
     

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