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Bürgerlicher realismus

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Realitätsaneignung und Romanstruktur



Dass die Bildungs- und Entwicklungsromane des Bürgerlichen Realismus kausallogisch erzählt sind, legt zum einen die Teleologie des aufgezeigten Bildungsgangs nahe. Die Romane zeichnen sich durch Geschlossenheit sowie durch eine organisierte Komposition aus; die romantische Erzählkategorie des Zufalls wie auch das Unabgeschlossene als Erzählprinzip werden strikt abgelehnt. Zudem gehl man von einem Zusammenhang zwischen der Verklärbarkeit des Stoffs und einer geordneten Aneignung aus. Letztlich bestimmt diese Vorgabe nicht nur die literarische Verarbeitung von Realität, sondern auch die Wahl der Themen und Sujets, wobei die hässliehen Seiten, die auch die bürgerliche Lebenswirklichkeit kannte, keine Beachtung finden. Unpoetische Themen, sowohl der bürgerlichen als auch der außerbürgerlichen Lebenssphäre, bleiben ausgespart. Diese Ausblendung einer ungeordneten und unpoetischen Wirklichkeit garantierte sodann die Literarisierung der geordneten Realität in einer geschlossenen, komponierten form, in einem klar strukturierten und 'ernstlich aufgcbaut[en|", 'ordentlich und gewissenhaft verfahrenden|" Roman, wie Theodor Fontane anlässlich seiner Rezension von Gustav Freytags Roman Soll und Haben betont.'' Diese Entscheidung des Bürgerlichen Realismus für eine geschlossene, formal abgerundete Form des Romans und für ein kausales Erzählen erklärt die von seinen Vertretern wiederholt konstatierte Nähe zwischen Roman und Drama, obwohl nur die wenigsten unter ihnen Dramatiker waren oder Dramen vorlegten. Fontane hat den Stellenwert der Dramenform für die Romanliteratur des Bürgerlichen Realismus in seiner euphorischen Besprechung des ersten Bildungs- und Entwicklungsromans des Bürgerlichen Realismus hervorgehoben:
Wer das Ideal epischer Darstellung einzig und allein in naiver und fesselnder ller-zählung der buntesten Ereignisse lindet, wird sich hier entweder getäuscht sehen oder doch nicht begreifen können, warum so schrecklich ordentlich und gewissenhaft verfahren sei. Wir wissen dem Verfasser Dank dafür. Fr hat nicht einen ,Faden gesponnen', sondern er hat dem Drama und seinen strengen Anforderungen und (Jesetzen auch die Vorschriften für die Behandlung des Romans entnommen. [...] ,Soll und Ilaben' hat keine Episoden und keine Abschweifungen. [...]

Ãoberblicken wir den Gcsamtinhalt, so gewahren wir, daß derselbe die innige Verschmelzung dreier Dramen ist. Wir haben zwei Tragödien und ein Schauspiel.
      Dieses Plädoyer für die Komposition des Romans mit Blick auf das klassizistische Regeldrama, der Versuch, den Roman zu dramatisieren, muss auch als eine implizite Kritik am romantischen Erzählen verstanden werden, dessen wesentliche Kategorien Zufall und Zufälligkeit sowie die bewusste Unverstand! ichkeit sind. In der erzählten Welt des Bürgerlichen Realismus haben ein solches Zufallsprinzip und die Undurchschaubarkeit der Handlung keinen Platz. Die geordnete und kausallogische Erfassung von Realität ist gefordert, das Erzählprinzip der geordneten Aneignung von Wirklichkeit dominiert die Prosaliteratur des Bürgerlichen Realismus.
     

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