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Bürgerlicher realismus

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Rückzugsphantasien



Karl Gutzkows Die Riller vom Geiste und Karl Immermanns Die Epigonen sind Zeugnisse des Versuchs der Jungdeutsehen, einen politisierten Gesellschaftsroman zu schreiben; dieses Unternehmen wird im Bürgerlichen Realismus nur bedingt weitergeführt, nur sekundär ist man, wie bereits erwähnt, an einer Darstellung der gesamten Gesellschaft und komplexer Gesellschaftsstrukturen interessiert. Gutzkows Romanzyklus war das Resultat des Bemühens um einen bürgerlichen 'Vielheitsroman"4', um einen Roman also, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, ein Bild der gesamten Gesellschaft zu entwerfen; zwar dominiert innerhalb dieses Bildes die Darstellung der bürgerlichen Lebenssphären, doch auch der Adel und der vierte Stand linden Beachtung. Das Werk blieb aber in der Folge weitgehend unbeachtet, der Blick des programmatischen Realismus blieb mit einem kritischen Seitenblick auf den Adel auf die bürgerliche Klasse beschränkt; daran änderte sich auch im späten Realismus wenig. 'Das größre dramatische Interesse, so viel räum' ich ein", heißt es z.B. bei Fontane, 'wird freilich immer den Erzählungen ,mit einem Helden' verbleiben". Zwar weiß er, dass 'auch der Vielheits-Roman, mit all seinen Breiten und Hindernissen, mit seinen Portraitmassen und Episoden, [...] sich dem Einheits-Roman ebenbürtig nicht an Wirkung aber an Kunst - an die Seite |wird] stellen können"; doch dieses Ziel könne er nur erreichen, 'wenn er nur nicht willkürlich verfahrt, vielmehr immer nur solche Retardierungen bringt, die während sie momentan den Gesamtzweck zu vergessen scheinen, diesem recht eigentlich dienen".4'
In Gustav Freytags Soll und Haben z.B. wird dem bürgerlichen Helden ein Vertreter des Adels zur Seite gestellt; allerdings dient seine erzählte Geschichte nur der Aufwertung des Protagonisten Anton Wohlfahrt, dessen bürgerliche Qualitäten in Absetzung von den Defiziten des Adeligen Rothsattel herausgearbeitet werden; Wilhelm Raabe wird in seinem Hnngerpastor ähnlich verfahren. Mit seinem Roman legte Freytag, der sich zuvor in seinen zahlreichen Rezensionen für die Grenzboten bereits theoretisch mit dem Genre auseinandergesetzt hatte15, den ersten Bildungsund Entwicklungsroman des Bürgerlichen Realismus vor. Zwar unternahm er den Versuch, kurz nach der gescheiterten Revolution von 1848 die Ãoberlegenheit der bürgerlichen Wertegemeinschaft dem Adel gegenüber zu demonstrieren und zu etablieren. Dabei konzentrierte er sich, der Tradition des Genres, aber auch der Programmatik des Bürgerlichen Realismus gemäß, auf das Individuum, auf dessen Werdegang und Entwicklung. Diese Konzentration auf den Einzelnen und damit auf das Privat-Familiäre korrespondierte der gesellschaftlichen Stellung des Bürgertums nach seinem Scheitern in der 1848er Revolution. Man zog sich aus der politischen Ã-ffentlichkeit in die bürgerliche Privatsphäre zurück, in der die politische Betätigung ausgeschlossen blieb. CJenau diesen politischen Rückzug vollzog die Literatur, vor allem im und mit dem Bildungs- und Entwicklungsroman nach. Ein Gesellschaftsroman, wie ihn Gutzkow projektierte, hätte einem solchen Anliegen kaum entsprochen. Auch Fontanes vielfach als Gesellschaftsromane zitierte Werke sind letztlich nicht auf die gesamte Gesellschaft ausgerichtet, sondern bleiben dem Individuum verbunden; zwar wird dieses stets in Auseinandersetzung mit der Gesellschaft gezeigt, doch im Zentrum steht die Geschichte eines Einzelnen, bei Fontane zumeist die einer weiblichen Hauptfigur. Die Handlung ist in der Regel auf das bürgerliche Individuum und auf dessen konfliktbeladene Beziehung desselben zur Gesellschaft zentriert; verfolgt wird die Spannung zwischen Ich und Realität, aber auch die Leiderfahrung und Leidbewältigung des Einzelnen stehen im Mittelpunkt. Dabei erlebt die Mehrheit der Protagonisten gesellschaftliche Wirklichkeit als komplex und kompliziert sowie als materialisiert und verdinglicht. Das Subjekt erleidet auf diese Weise die Ambivalenz einer gesell-schaftlichen Realität, die das Bürgertum in vielem zu einer materialisierten Lebenswelt umgestaltet hatte; diese wiederum gilt es nun zu verklären. Auch der bürgerliche Mensch erfährt sich im Zeitalter der Vermassung als ein Einzelner; er scheint, zumindest aus der Sicht der bürgerlichen Realisten, auf sich selbst zurückgeworfen, im Bildungs- und Entwicklungsroman findet man sodann ein adäquates Genre für diese historische Erfahrung.
      Mithin ist die Präferenz des Bürgerlichen Realismus für das Genre Bildungs- und Entwicklungsroman zugleich Ausdruck der Tatsache, dass man auf diese Prozesse mit dem Rückzug in die Vereinzelung, wenn nicht gar in eine resignative Innerlichkeit reagierte. Eine politisch engagierte Literatur, wie sie der Vormärz und das Junge Deutschland verfolgten, kennt der Bürgerliche Realismus folglich nicht, seine Themen sind in der Regel keine öffentlich-politischen, sondern familiär-private. Der Versuch der Darstellung der Gesamtheit und des Ganzen, des Zusammenhangs, wie ihn Goethe, aber auch noch Gutzkow vor Augen hatten und auch Hegel gefordert hatte, wird aufgegeben. Stattdessen konzentriert man sich auf die innere Entwicklungsgeschichte des Subjekts im Prozess seiner Auseinandersetzung mit den objektiven Gegebenheiten. Diese programmatische Tendenz des Bürgerlichen Realismus war im Bildungs- und Entwicklungsroman sicherlich vorweggenommen worden. Wilhelm Dilthey hob diese Affinitäten zwischen Bildungs- und Entwicklungsroman und Bürgerlichem Realismus indirekt hervor, wenn er in seinen Ausführungen zu Lessing, Goethe, Novalis und Hölderlin zu dem Schluss kam:
So sprechen diese Bildungsromane den Individualismus einer Kultur aus, die auf die Interessensphäre des Privatlebens eingeschränkt ist. Das Machtwirken des Staates in Beamtentum und Militärwesen stand in den deutsehen Mittel- und Kleinstaaten dem jungen Geschlecht der Schriftsteller als eine fremde Gewalt gegenüber. Man entzückte und berauschte sich an den Entdeckungen der Dichter in der Welt des Individuums und seiner Selbstbildung. ''
Damit hatte Dilthey einen Punkt angesprochen, der im Zuge der historischen Entwicklung des 19. Jahrhunderts für das Bürgertum entscheidend wurde: der Rückzug in die Privatsphäre in der Folge des Ausgeschlossenseins von der politischen Macht. Dieser Rückzug des Bürgertums aus dem öffentlichen Leben spiegelt sich in der Literatur: Insbesondere in der Romanliteratur des Bürgerlichen Realismus dominiert das Interesse am Privat-Familiären und Subjektiv-Individuellen. Der Gesellschaftsroman des Vormärz findet dementsprechend nach 1848 keine Fortsetzung; stattdessen bietet sich in dem im 18. Jahrhundert ausgebildeten Bildungs- und Entwicklungsroman ein adäquates Genre, um dem vom Bürgertum forcierten Rückzug ins Private gerecht zu werden. Zwar kommt es nicht zu der von Dilthey für die Romane des 18. und des frühen 19. Jahrhunderts diagnostizierten ,Entzückung' und ,Berauschtheit' an 'den Entdeckungen der Dichter in der Welt des Individuums und seiner Selbstbildung"47; doch den Blick auf das Ganze, auf die Gesellschaft, auf das öffentliche Leben, den Goethe im Wilhelm Meister, aber auch die Autoren des Jungen Deutschland und des Vormärz, Immermann und Gutzkow vor allem, sich zu eigen gemacht hatten, dieser ausgeweitete, schweifende Blick weicht der konzentrierten Erfassung des Individuell-Privaten und allenfalls des Spezifisch-Bürgerlichen.
      Hierbei steht weniger die 'Bildung [des| Inneren" eines Helden, sondern dessen Hineinwachsen in die äußere, bürgerliche Umgebung im Mittelpunkt. Damit hat sich gegenüber dem Wilhelm Meisler die Gewichtung verschoben, genau diese Akzentvcrlagerung erklärt die ablehnend-kritische Haltung nahezu aller Autoren des Bürgerliehen Realismus Goethes Roman gegenüber.
     

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