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Bürgerlicher realismus

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Individuum und Gesellschaft



Insofern die Literatur des Bürgerlichen Realismus auf das Individuum sowie auf das Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft konzentriert bleibt, findet sie im Bildungs- und Entwicklungsroman ein geeignetes Genre zur Umsetzung programmatischer Vorgaben."' Denn die Vermittlung bürgerlicher Werte, Normen und Lebensweisen unternimmt man mit Blick auf das Individuum, aber auch auf die gesamte bürgerliche Gemeinschaft. Für dieses Ziel erwies sich ein Genre, das flexibel genug war, beide Seiten im Auge zu behalten und miteinander in Beziehung zu setzen, als besonders geeignet. Der Bildungs- und Entwicklungsroman ermöglicht sowohl den Blick auf das Prosaisch-Reale als auch auf das Subjektiv-Poetische. Indem die Entwicklungsgeschichte eines Subjekts verfolgt wird, setzen sich der Erzähler undmit ihm der Leser zugleich mit dessen objektiven Lebensumständen auseinander. Dieser duale Erzählerblick auf Welt und Subjekt, auf Gesellschaft und Individuum ist dem Bildungs- und Entwicklungsroman immanent, die thematische Ausrichtung des Genres erfordert eine solche Erzählerhaltung. Diese erzähllechnische Eigenheit erklärt sodann auch die Struktur und den Verlauf nahezu aller Bildungs- und Entwicklungsromane des Bürgerlichen Realismus: Sic beginnen mit der erzählten Welt der Kindheit und Jugend, Heimat und Familie, und genau hier enden sie auch.
      So lieferte Hegel zwar mit seiner Definition des Romans als einer 'bürgerlichein] Epopöe", in der der 'Konflikt zwischen der Poesie des Herzens und der entgegenstehenden Prosa der Verhältnisse"' darzustellen sei, insofern einen wesentlichen Beitrag zum Bildungs- und Entwicklungsroman des Bürgerlichen Realismus, als er damit die Darstellung der individuellen Persönlichkeitsentwicklung und der prosaischen Verhältnisse, in der diese Entwicklung eingebettet ist, als ein wesentliches Merkmal zitiert; doch der Bürgerliche Realismus wird diese Konstellation und damit auch die literarischen Modelle des Genres Goethes Wilhelm Meister ebenso wie die zahlreichen ,Anti-Meister' der Romantik - in wesentlichen Punkten abändern; Hegels Satz vom 'Subjekt", das sich im Zuge eines Entwicklungs- und Bildungsgangs die 'Hörner" abstoße", trifft folglich auf den Bildungs- und Entwicklungsroman des Bürgerliehen Realismus keineswegs mehr uneingeschränkt zu. In ihnen steht das Individuum beziehungsweise der bürgerliche Held als Vertreter eines bürgerlichen Wertesystems der Gesellschaft weder konfrontativ noch skeptisch gegenüber. Hierbei ist nicht nur an die harmonischen Schilderungen in Stifters Nachsommer zu denken; auch der ,grüne Heinrich' wächst in einem familiär-kleinbürgerlichen Milieu auf, das nicht grundsätzlich in Frage gestellt wird, auch nicht durch seine künstlerischen Ambitionen. Auch er handelt nach den Prinzipien und Normen der bürgerlichen Gemeinschaft, dementsprechend gering ist das Konflikt- und Reibungspotential dieser frühen Bildungs- und Entwicklungsromane des Bürgerlichen Realismus, bis hin zu der einseitig, ja zwanghaft konfliktfrei und harmonisch geschilderten Welt des 'Rosenhauses"1'' im Nachsommer. Sicherlieh tragen die Protagonisten der Bildungs- und Entwicklungsromane des Bürgerlichen Realismus Konflikte aus, so dass auch ihr Entwicklungsgang zu einem schwierigen Prozess der Integration des Individuums in die Gesellschaft wird. Dennoch zeichnen sich die Werke dadurch aus, dass sie die Integrationsfähigkeit und Integrationswilligkeit des Einzelnen in die bürgerliche Gemeinschaft von Beginn an nicht grundsätzlich in Frage stellen; auch entwerfen sie keine ernsthafte Alternative zu einer bürgerlichen Gesellschaft. Ihre Kritik bleibt, auch wenn es sich um eine Sozial- oder Gesellschaftskritik handelt, von daher stets eine Binnenkritik. Und das auch in den Romanen des späten Realismus, in denen die Integration nicht etwa wegen der Unwilligkeit des Individuums, sondern aufgrund der veränderten gesellschaftlichen Bedingungen nur mehr unter großen Opfern gelingt. Einer Institution wie der Turmgesellschaft, die für die Integration des Wilhelm Meister unverzichtbar war, bedarf der Bürgerliche Realismus nicht mehr, die Einsicht in die Notwendigkeit eines solchen Schrittes kommt von den Melden selbst. Ihre Wege werden demnach auch nicht unbedingt zu einem Prozess des ,Sich-die-llömer-Abstoßens
Das Ideal der Verbindung und Aussöhnung prägte die Verhaltensmuster individueller bürgerlicher Biographien und sozialer Milieus, auch in den Romanen des Bürgerlichen Realismus. Bürgerlichen Akteuren erscheint es erstrebenswert, diesem Leitbild nachzufolgen, Lehrjahre und Wanderjahre abzuleisten, um dem Ziel der Integration des bürgerlichen Individuums in die bürgerliche Gesellschaft folgen zu können. Der Idealtypus von Bürgerlichkeit bleibt dabei unverändert, Bildung, Ausbildung, Humanität, Fleiß, Sauberkeit sowie ein Künstlertum im Rahmen einer handwerklichen Tätigkeit sind die zentralen Werte. Dennoch fällt der Integrationsprozess zunehmend schwerer, es folgen die Jahre der Krise der bürgerlichen Selbstwahrnehmung; Zweifel kommen auf, ob die aus diesem Idealtypus sich ergebenden Modelle der Lebensführung noch praktizierbar seien. Diese Spannung lührte zur Krise der bürgerlichen Lebensführung und ließ jenes ganzheitliche Bürgerideal allmählich obsolet werden, welches seit dem 18. Jahrhundert so wirkungsmächtig innerhalb des Bürgertums Bestand gehabt hatte.
      In Analogie zum Ãobergang des frühen, programmatischen zum Spätrealismus zeichnet sich von daher auch innerhalb des Genres Bildungs- und Entwicklungsroman ein Wandel ab. Der Entwicklungsroman der 1850er und 1860er Jahre wird in einen Antibildungs- und Desillusionsroman überführt. Um die Wende zum 20. Jahrhundert dominiert der Anti-Bildungsroman die literarische Szene. Im beginnenden Massenzeitalter der Moderne hat das traditionelle Schema des Bildungs- und Entwicklungsromans, das die Bildung, Selbstfindung und allgemeine Entwicklung eines Individuums minutiös und konzentriert verfolgt, keine reelle Ãoberlebungschance mehr. Sowohl die Brüchigkeit des bürgerlichen Lebens- und Bildungsmodells als auch die Erfahrung eines industriellen Massenzeitalters lassen die Konzentration auf das bürgerliche Einzelschicksal nicht mehr zu. Stattdessen richtet der Roman als Gesellschaftsroman sein Augenmerk auf das Kollektiv, statt ,Individualanalyse' betreibt man ,Sozioanalyse so die Maxime der Neuen Sachlichkeit der Zwanziger Jahre.4" Der Bildungsroman weicht im Zugedieser Umorientierung einem Gesellschaftsroman, dessen Kennzeichen zum einen Multiperspektivität, Vielstimmigkeit und 'Polyphonie" und zum anderen das Interesse am gesellschaftlichen Kollektiv statt am Individuum sind. Zwar ist dabei der Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft, wie ihn die Literatur des 19. Jahrhunderts kennzeichnet, noch greifbar; dadurch allerdings, dass die Romanprotagonisten nicht mehr als Individuen, sondern als soziale Typen konzipiert werden, verliert sich auch diese Kontinuität weitgehend. Zudem steht zumeist nicht ein Einzel-, sondern das Klassenschicksal im Zentrum. Jene Romane des 20. Jahrhunderts, die sieh im positiven Sinn noch als Bildungs- und Entwicklungsromane qualifizieren lassen, sind nicht nur in der Minderzahl. Sie stehen auch eindeutig in der Romantradition des 19. Jahrhunderts, wie z.B. Thomas Manns Der Zau-berherg. Oder es handelt sich um Antibildungsromane, die nur mehr in parodierender Form das Schema des Bildungs- und Entwicklungsromans aufgreifen.
     

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