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Bürgerlicher realismus

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Genre und Programmatik



Die Entwicklung der Gattung Roman bleibt im 19. Jahrhundert an die Entwicklung des Bürgertums gebunden. Die Gründe für die Beliebtheit des Bildungs- und Entwicklungsromans sind primär außcrliterarischc, vor allem soziokulturelle. Die spezitische Handhabung des Genres innerhalb des Bürgerlichen Realismus lässt sich dementsprechend umfassend nur im Rahmen des kulturgeschichtlichen Umfelds erlassen. Dabei spielt unter anderem der im 19. Jahrhundert gebrochene Bezug zum humanistischen Bildungsideal der Aufklärung eine Rolle.
      Funktions- und kulturgeschichtlich ist der Bildungsroman im 19. Jahrhundert als Ausdruck des Ãobergangs zu ständespezifischen Kultur- und Rollenmustern sowie zu einem neuen Bürgertum zu lesen, das sich durch Leistung und individuell verantwortetes Handeln legitimiert. Im Bildungsroman llndet der Bürgerliche Realismus ein geeignetes literarisches Muster, mit dem in Form einer bekenntnishaften Erzählung fortschreitender Bildung und Ausbildung bürgerlicher Werte und Tugenden, und zwar in Einklang mit der bürgerlichen Gesellschaft, der bürgerliche Sozialisationsgang eines Helden vorzuführen war.
     
Produzenten und Adressaten sind vornehmlich jene Schichten des Bürgertums, die durch den Besitz von Bildungspatenten und durch ihre spezifische bürgerliche Lebensführung und Kultur definiert werden können. Der Bildungsroman lieferte ein Medium bürgerlicher Selbstreflexion und übernahm damit spezifische Vermiltlungsfunktionen, an erster Stelle die der Vermittlung bürgerlicher Identität und bürgerliehen Selbstverständnisses. Zumindest innerhalb der bürgerlichen Kreise galt es nach 1850 als ausgemacht, dass dieses Romangenre eine nationale Aufgabe übernehmen könnte. Und tatsächlich entwickelte sich der Bildungsroman im 19. Jahrhundert zum literarischen Selbstzeugnis des Bürgertums schlechthin. Diese funktionale Zuschreibung einer bewusstseins- und identilälsstiftenden Funktion an den Bildungsroman innerhalb des deutschen Bürgertums hing nicht zuletzt mit dem Umstand zusammen, dass dem Bildungsroman als Genre auf der einen Seite die Tendenz zur Harmonisierung, Homogenisierung und Versöhnung eingeschrieben war, er sich auf der anderen Seile aber als offen genug erwies, die bürgerliche Selbst- und Binnenkritik aufzunehmen. So ist der Bildungsroman insofern eine Allegorie des deutschen Bürgertums, als er die Doppeltheit von selbstbestätigender Homogenisierung und kritischer Selbsl-reflexion, von affirmativer Versöhnungsgeste und hinterfragender Mahnung zur Rückbesinnung auf die ehemaligen Werte zu verbinden vermag.
     

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