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Bürgerlicher realismus

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Dominanz des Epischen



Im Bereich des Epischen, insbesondere innerhalb der Roman- und Novellenliteratur, hat der Bürgerliche Realismus seine größten Erfolge und seine stärkste Wirksamkeit zu verzeichnen. Diese Gattungsvorliebe der Autoren ist dabei nicht ausschließlich auf persönliche Präferenzen zurückzuführen; vielmehr darf von einer Affinität zwischen der Romanform und den programmatischen Zielen des Bürgerlichen Realismus ausgegangen werden, im Zuge derer die Epik eine kaum zu überschätzende Aufwertung erfuhr, die auch für die Literatur des 20. Jahrhunderts von grundlegender Bedeutung werden sollte. Doch schon die Literatur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts räumt dem Roman einen bislang nicht gekannten Stellenwert ein. Die programmatischen Vorgaben musslen in der erzählenden Literatur ihr eigentliches Medium linden; so konstatiert der Literaturkritiker Max Waldau bereits I in seinem Beitrag zur "neuere|n| epischefn] Dichtung": "Man betrat [nach 1848; S.B.| den Boden der Tatsachen, und damit gab es wieder etwas zu erzählen."' Insbesondere die Forderung nach der Authentizität des Geschilderten und der Referenz von Literatur auf die zeitgenössische Realität und Lebenswelt konnte in der Erzählliteratur adäquat umgesetzt werden.
      Und tatsächlich fallt innerhalb der Literatur des Bürgerlichen Realismus das Fehlen dramatischer Werke auf. Es gibt unter seinen Vertretern keinen bedeutenden Dramatiker, was sich zum einen darauf zurückfuhren lässt, dass kaum einer der Autoren ein ausgesprochen dramatisches Talent war. Kaum jemand hat sich am Drama versucht. Dies dürfte allerdings nicht zuletzt durch die Tatsache zu erklären sein, dass sich das Drama für eine Darstellung der politischen, sozialen, historischen und kulturellen Verhältnisse weniger gut eignete als die erzählende Literatur. Eine breit angelegte Erfassung der bürgerlichen Welt, der neuen bürgerlichen Wertmaßstäbe und des bürgerlichen Bewusstseins, wie sie die Programmatik des Bürgerliehen Realismus vorsah, war im Drama kaum so adäquat zu leisten wie innerhalb der erzählenden Prosaliteratur.
      Zwar verfolgten viele Autoren am Beginn ihrer literarischen Karriere Dramenpläne; davon zeugt nicht nur die Tatsache, dass Gustav Freytag, der mit Soll und Haben I den ersten Bildungs- und Entwicklungsroman des Bürgerlichen Realismus vorlegte, sich zugleich auch als Theoretiker des Dramas einen Namen machte, indem er die viel zitierte Technik des Dramas
, ein Kompendium und Lehrbuch klassizistischer Tragödientheorie, vorlegte. Auch die zahlreichen Dramenversuche oder Theaterträume von Autoren verweisen auf das Ansehen, dass das dramatische Genre in den 1850er Jahren noch besaß. Keller z.B. schreibt 1852 aus Berlin an seine Mutter, sein "langer Aufenthalt in Berlin" habe "zum Zweck, [ihn] am Theater bekannt zu machen und alles zu lernen, was nötig ist, gute Schauspiele zu schreiben".' Auch in den folgenden Jahren wird Keller wiederholt die Bedeutung des Dramas gegenüber dem Roman und der Novelle betonen.
      Im Vergleich zum Drama stand der Roman in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach wie vor zurück, erst die Zeit nach 1848 darf als die eigentliche Hochphase der Romankunst gelten. Gerade die spezifische Entwicklung und Ausformung des Bildungs- und Entwicklungsromans im Bürgerlichen Realismus ist im Anschluss an sozial- und kulturgeschichtliche Rahmenbedingungen einzuordnen. Galt im 18. Jahrhundert noch das Trauerspiel als die bürgerliche Form, als die den Anliegen des Bürgertums gemäße Gattung, so verliert das Drama im 19. Jahrhundert an Bedeutung zu Gunsten des Romans. Nicht ohne Grund ist die Dramatik im Bürgerlichen Realismus eine Galtung, die dem hohen Rang, der ihr in der Poetik seit Hegel zugemessen wurde, nicht mehr entsprechen konnte/ Der Aufstieg des Bürgertums verlangte in der Literatur nach einer dezidiert bürgerlichen Gattung, die dem Angehörigen der bürgerlichen Klasse die spezifischen Werte und Wertvorstellungen vermitteln konnte. Nur vor diesem Hintergrund ist der Aufstieg des bürgerlichen Trauerspiels im 18. Jahrhundert und der des Bildungs- und Entwicklungsromans im 19. Jahrhundert zu verstehen. Darüber hinaus lässt sich die Krise des Dramas sicherlich auch als eine Krise des Subjekts und der einzelnen Persönlichkeit verstehen, der Bedeutungsverlust der dramatischen Form berichtet nicht zuletzt auch von jenem Individualitätsverlust, der dem bürgerlichen Zeitaller immanent ist.
      So kann die dramatische Gattung innerhalb einer Untersuchung des Bürgerlichen Realismus nur von sekundärem Interesse sein. Denn zwar beschworen Literaturkritiker und Literarhistoriker in den Jahren nach 1850 und noch in den 1870er Jahren die Höherwertigkeit des Dramas; dieses galt ihnen als die "Spitze der Kunst". Doch es blieb bei der theoretischen Behauptung dieses Sachverhalts; die Ar-gumente für die behauptete Höherwertigkeit konnten angesichts der Modernisierung der epischen Literatur unter dem Stichwort Realismus und hinsichtlich der rückwärts gewandten Orientierung der Fürsprecher der dramatischen Form an den Normen des 18. Jahrhunderts kaum überzeugen. Gegenüber den erzählenden Genres verlor die Gattung zunehmend an Bedeutung, die Produktion von Dramen fiel quantitativ und qualitativ deutlich hinter der Epik zurück. Dies hing nach 1848 wie im gesamten Bürgerlichen Realismus auch mit dessen Programmatik wie mit der Einsicht seiner Vertreter gleichermaßen zusammen: Man war sich einig darüber, dass die zentralen Ziele und Forderungen der im Namen des "Poetischen Realismus" nach 1848 sich konstituierenden literarischen Bewegung in der dramatischen Form kaum zu leisten war. Otto Ludwig z.B. kam nach mehreren erfolglosen, in den 1840er Jahren unternommenen dramatischen Versuchen, gesellschaftsnahe und realitätsbezogene, auf die bürgerliche Lebenswelt ausgerichtete Dramen zu schreiben, zu dem Urteil, Realismus und Dramenform seien unvereinbar. Die Tatsache, dass Ludwig seine Bestimmung des Begriffs "Poetischer Realismus" im Rahmen seiner Studien zu einem Dramatiker, zu William Shakespeare, entwarf, zeugt von diesem Bemühen um ein realistisches, bürgerliches Drama. Fontane hat diesen Zusammenhang zwischen epischer Literatur und Realismus in seinem Aufsatz Unsere lyrische und epische Poesie seil 1848 angesprochen. Es heißt es:
Man wollte Gegenwart, nicht Vergangenheit; Wirklichkeit, nicht Schein; Prosa, nicht Vers. Am wenigsten aber wollte man Rhetorik. Eine Zeit brach an, in der nach jahrzehntelanger lyrischer und lyrisch-epischer Überproduktion im ganzen genommen wenig Verse geschrieben und noch weniger gekauft und gelesen wurden. Mit anderen Worten, es vollzog sich der große Umschwung, der dem Realismus zum Siege verhalf.
      Auch Robert Prutz warf 1851 mit Blick auf die Komplexität der gesellschaftlichen Realität und zeitgenössischen Wirklichkeit die Frage auf, wie eine "in sich so zerfahrene, zerflatternde Zeit [...] wie die unsrige, sich zu der äußersten Plastik des dramatischen Kunstwerks zusammenfassen" ließe, und kündigte zugleich an: ,,[W]ir werden vor allem in der episodischen Form des Romans ein bequemes Gefäß finden für den vielfach auseinandergehenden, sich so vielfach durchkreuzenden Inhalt unserer Zeit: aber auf das Drama müssen wir verzichten."'' Prutz' Beschreibung des Romans als eines ,,Gefäß[es]" sind die Autoren des Bürgerlichen Realismus allerdings so nicht gefolgt; war es doch keineswegs ihr Ziel, die Gesellschaft in ihrer Heterogenität zu erfassen, wie dies der im Kontext des Jungen Deutschland agierende Prutz vorschlägt, liier liegen die entscheidenden Unterschiede zwischen den Autoren des Vormärz und der Literatur des frühen Realismus, zwischen Prutz, Karl Gutzkow und Karl Immermann auf der einen und Freytag, Ludwig, Raabe, Stifter, Hbner-Eschenbach und Fontane auf der anderen Seite. Auch erklärt diese unterschiedliche Zielsetzung die Vorliebe des Bürgerlichen Realismus für das Genre des Bildungs- und Entwicklungsromans, mittels dessen die von Prutz geforderte Darstellung der Komplexität einer Gesellschaft auf dem Weg in die Moderne sicherlich kaum zu leisten war.
     

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