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Bürgerlicher realismus

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Das Moment der Bildung



Die Beliebtheit des Genres Bildungs- und Entwicklungsroman im Bürgerlichen Realismus, insbesondere in dessen früher Phase, lässt sich nicht zuletzt durch die spezifischen Strukturen und Anlagen dieses Genres erklären; geht es in ihm doch um die Beschreibung dessen, was als Bildung gelten darf und was die Bildung des Menschen ausmacht. Einer literarischen Bewegung, die den Menschen zum idealen Bürger ,erziehen' und bilden wollte, musste ein solches Romangenre als sinnvolles Medium gelten.
      Bürgerlichkeit als kulturelles System perpetuierte sich nicht zuletzt durch die Lektüre, dies galt für Frauen wie für Männer gleichermaßen. Dabei wurde der Bildungsroman zur primären literarischen Form, in welcher Lebens- und Bildungswege von Individuen dargestellt wurden.'' Das Lesen eines bürgerlichen Bildungsromans bot für den einzelnen eine Möglichkeit, zum Bürger zu werden, wobei der Held zumeist der Kunst und seinem Künsllertum weitgehend abschwören musste, das hatte im übrigen schon Goethe im Wilhelm Meister vorgeführt. Soziales Miteinander und egozentrisches Künsllertum schließen einander aus, erst in Verbindung mit konkreten Handlungsmöglichkeiten in den einzelnen Lebcnsordnungen konnte sich der Einzelne wirklich zum Bürger ausbilden.
      Zudem fand man im Bildungs- und Entwicklungsroman eine geeignete Gattung, die in den 1850er Jahren in enger Verbindung zu den politischen Ereignissen und gesellschaftspolitischen Entwicklungen entworfene Programmatik umzusetzen. Bezeichnenderweise sind viele Bildungs- und Entwicklungsromane des Bürgerlichen Realismus nicht als Reiseromane angelegt, weder Gustav Freytags Protagonist Anton Wohlfahrt noch Heinrich Drendorf aus Stifters Nachsommer beziehen ihre [Bildung primär auf Reisen und damit auch nicht im Zusammentreffen mit allen Teilen der Gesellschaft. Und auch in den Romanen des späten Realismus, in den Anti-Bildungsromanen von Raabe oder in Fontanes und Spielhagens Gesellschaftsromanen, spielt das Reisemotiv keine große Rolle.
      Im Roman des Bürgerlichen Realismus gerät Bildung stattdessen zu einer Kategorie der sozialen Differenzierung: Vor allem für das Bürgertum bot die Aneignung von Bildung die Möglichkeit, sich als soziale Klasse zum einen ein ihr eigenes Stalusmcrkmal zu geben, das man dem Geburtsstolz des Adels, aber auch der Bildungslosigkeit des Proletariats entgegensetzte. Bildung wurde zu einer schichtenspezillsehen Kategorie instrumentalisiert, sie diente als ein Instrument der Abgrenzung, sowohl nach oben als auch nach unten. Zum anderen nutzte man Bildung als ein Moment der Selbsl-darstcllung und Repräsentation, Bildung avancierte neben Fleiß, Tugend, Moral und Familie zu einem bürgerliehen Wert.' So kann Martin Swales festhalten:
Die Ehrfurcht vor Kultur und Bildung ist ein charakteristisches und ehrbares Merkmal des deutschen Bürgertums. Und wenn der Bürger sozusagen bereit war, das Wirkungsleid des Geistes zu achten, so waren die Männer des Geistes ihrerseits bereit, der Welt praktischer, gesellschaftlicher Arbeit zu dienen.''
Anhand von Romanen und Romanhelden werden Fragen der Erziehung, Bildung und Ausbildung verhandelt. Im Bildungsroman findet man eine Möglichkeit, bürgerliche Lebensläufe und Lebenswelten vorzustellen. So lassen die bürgerlich-realistischen Romane zwar noch das Muster des klassischen Bildungs- und Entwicklungsromans erkennen. Das Motiv der Bildung und Entwicklung wird jedoch, im Unterschied zu Goethe und den Romantikern, mit der Aneignung und Ausbildung bürgerlicher Tugenden verbunden, mit dem Ethos der Arbeit, des Fleißes, der Reehtschaffcnhcit, der Familie und der Genügsamkeit also. Dabei wird den bürgerlichen Helden in der Regel ein unbürgerlicher Antiheld zur Seite gestellt, der eben diese Eigenschaften vermissen lässt. Es hat wenig zur Ãoberzeugungskraft des Eiürgerlichen Realismus beigetragen, dass diese Negativfiguren mehrheitlich, so z.B. bei Freytag und Raabe, jüdischer Herkunft waren.
      Ãober den Roman respektive den Bildungsroman werden Diskurse über Bildung, aber eben auch über die gesellschaftliche bürgerliche Identität geführt. Demzufolge darf die bürgerliehe Literatur als ein Dokument gelesenwerden, an dem sich die von Pierre Bourdieu benannten 'leinen Unterschiede"'' ablesen lassen, ästhetische Unterscheidungen, die zugleich soziale Distinktionen implizieren. Damit ist eine wesentliche Funktion des Romans im Rahmen bürgerlicher Kultur vorgestellt; hatte sieh diese im 18. Jahrhundert primär über die klassische Bildungsidee, in der Romantik über Künst-lertum realisiert, so identifiziert man sie im 19. Jahrhundert über bürgerliche Identität und die Aneignung bürgerlicher Werte.
      Die Bildungsidee des Bürgerlichen Realismus benennt mithin zum einen den bürgerlichen Bildungsweg des Helden, die Darstellung einzelner Bildungsstationen seines Werdegangs zum Bürger. Zum anderen ist damit aber auch die Bildung des Lesers angesprochen, erhält dieser doch eine Lektion in bürgerlicher Erziehung und bürgerlichem Werte- und Tugendkatalog. Bereits Morgenstern hatte den Biidungsroman mit dem 'Geiste bürgerlicher Rechtlichkeit und Sittlichkeil" verbunden, den er auch hier der weiteren Entwicklung des Genres im 19. Jahrhundert vorgreifend mit der ästhetischen Qualität und Beschaffenheit eines Romans in Verbindung bringt. In seiner Definition des 'Bildungsromans" aus dem Jahr 1820/21 hatte Morgenstern eigens hervorgehoben, dass es im Biidungsroman nicht nur auf die Bildung des Helden, sondern auch auf die des Lesers ankomme, hatte betont, dass ein Biidungsroman durch seine spezifische Darstellung der Geschehnisse um einen Helden 'des Lesers Bildung, in weiterem Umfange als jede andere Art"'''', fördere. Dass ein solcher auf die Bildung und Erziehung des Lesers ausgerichteter Romantypus einer Literatur zupass kam, die in starkem Maße im Hinblick auf rezeptionsästhetische Belange verfasst wurde, liegt auf der Hand. Die Vermittlung und affirmative Bestätigung von Bürgerlichkeit bleibt nicht auf den Romanhelden beschränkt, sondern richtet sich mit gleichem Nachdruck an den Rezipienten, wobei man von einem dezidiert bürgerliehen Lesepublikum ausgehen konnte; Freytags Roman Soll und Ilaben z.B. galt geradezu als die .Bibel des Bürgertums'. Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, warum im Bürgerlichen Realismus das Genre Bildungs- und Entwicklungsroman weit mehr als Entwicklungs- denn als Biidungsroman seine Ausprägung fand; lediglich Adalbcrt Stifters Der Nachsommer wäre hier partiell auszunehmen. In diesem Roman steht die Bildungsthematik im Vordergrund, letztlich aber auch in stetem Einklang mit sonstigen bürgerliehen Werten und Tugenden. Dadurch dass die Bildungs- und Entwicklungsromane des Bürgerlichen Realismus vornehmlich nicht oder zumindest nicht ausschließlich den inneren Werdegang eines lndividuums vorstellen wollen, sondern in gleichem Maße auf die Darstellung der bürgerlichen Lebenswelt insgesamt zielen, geht es in ihnen auch primär nicht um die Aneignung einer klassisch-humanistischen Bildung. Im Vordergrund steht vielmehr das Exemplarische eines bürgerlichen Entwicklungsganges. Zwar wird dies über die Schilderung der Lebensgeschichte eines Helden in Form einer Progression geleistet; doch ebenso wichtig ist in der Romanliteratur des Bürgerlichen Realismus der Entwurf einer bürgerlichen Lebenswelt und die Vermittlung bürgerlicher Werte. In Analogie 7,ur Einteilung der gesamten Bewegung in einen affirmativen Frührealismus und einen kritischen Spätrealismus wären dabei die programmatischen Entwicklungsromane der 1850er und 1860er von den kritischen Anti-Bildungsromanen der 1870er, 1880er und 1890er Jahre zu unterscheiden. Lediglich Keller stellt insofern eine Ausnahme dar, als er seinen Werten zunehmend entfernt hat und die Selbst-und Identitätsfindling des Helden innerhalb einer solchen Wertegemeinschaft schwieriger werden lässt.
      Im Anschluss an solche Prämissen wird verständlich, dass Georg Lukäcs' Definition des Bildungsromans, seine Thesen zur 'Theorie des Romans""', die gemeinhin in Zusammenhang mit der Geschichte des Genres Bildungsund Entwicklungsroman genannt werden, im Hinblick auf den Bürgerlichen Realismus nur mehr eingeschränkte Gültigkeit zukommen können. Denn in den im Umfeld des Bürgerlichen Realismus entstandenen Romanen geht es eben nicht um die 'Versöhnung des problematischen, vom erlebten Ideal geführten Individuums mit der konkreten, gesellschaftlichen Wirklichkeit", und auch nicht um die 'Wanderung des problematischen Individuums zu sich selbst". Vielmehr führt der Weg zur Gesellschaft, ein Weg, der vor allem in den frühen Romanen des programmatischen Realismus als wenig problematisch dargestellt wird.

     

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