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Bürgerlicher realismus

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Bürgerliche Ã"ngste



Zwar gab es vereinzelt Ansätze zu einer zweiten republikanisch-sozialistischen Revolution, so z.B. in den badischen Aulständen, der Frankfurter Arbeiterrevolte vom September 1848 oder den Wiener Aufständen. Die gewalttätigen Ausschreitungen, die diese Aufslände begleiteten, führten jedoch zur Distanz vieler Bürgerlicher von revolutionären Kräften, ja vielfach zum Rückzug vom politischen Geschehen überhaupt. Ã"hnlich wie Franz Cirillparzer zog sich z.B. auch Adalbcrt Stifter, 1848 in Wien an den Unruhen beteiligt, verstört und angewidert zurück, nachdem es 1848 in der österreichischen Hauptstadt zu äußerst blutigen Zusammenstößen zwischen Arbeitern und der Obrigkeit gekommen war, in deren Verlauf der Kriegsminister Theodor Graf Baillet de Latour an einer Laterne aufgehängt wurde. Die Angst vor einer proletarischen Revolution war allgegenwärtig. Die proletarischen Bewegungen betrachteten große Teile auch des liberalen Bürgertums mit wachsendem Misstrauen, das den älteren Grundkonllikt zwischen Adel und Bürgertum in ein neues Licht rückte. Die politische Situation insgesamt und die Stellung des Bürgertums im Speziellen waren nach 1848 entscheidend durch diese neue Konstellation geprägt: Das Bürgertum gab die Frontstellung gegen den Adel angesichts der ihm vermeintlich oder tatsächlich durch das Proletariat drohenden Gefahr auf. So kommentiert z.B. Julian Schmidt 1848 in den Grenzlinien: 'Aus dem Anblick dieser Verwirrung ergibt sich die relative Berechtigung einer Reaktion. |...| Die aufgeregten Wogen der Revolution müssen in die Bahn des Gesetzes gelenkt werden.""

Diese gesamtbürgerliche Hallung lässt sieh nicht zuletzt an den Reaktionen vieler, später im Umfeld des Bürgerlichen Realismus agierender Autoren festmachen. Adalbcrt Stifter, der die revolutionären Lreignisse anfänglich begrüßt hatte, sprach nach den schweren Ausschreitungen in Wien im Jahr 1848 vom 'Proletariat", das einem 'Hunnenzug" gleich 'über den Trümmern der Musen- und Gottheitstempeln prangen" würde.'5"' Emanuel Geibel wies im März 1848 auf die Gefahr einer drohenden sozialen, proletarischen Revolution hin, die allein durch die Wiederherstellung der alten Ordnung abgewendet werden könne. In einem Brief an Paul Heyse vom März 1848 schreibt er:
Noch ist auf der Linen Seite die Möglichkeit da, mit raschen kühnen Schritten in geordnetem unblutigen Gang Deutschland auf den Gipfel seiner Macht und Größe zu fuhren; die Grundlagen dazu sind jetzt gegeben, vollständig gegeben; auf derandern Seite aber gähnt der unermeßliche Abgrund einer Herrschaft der Massen, die man zuerst Republik taufen möchte; einer Anarchie, die Hure Biirger-bewaffnung nimmermehr zügeln kann. |...| IJricht in Preußen die Ordnung der Dinge zusammen, so wird bald nirgends mehr ein Halt sein, und der Krieg zwischen Kcsilz und Proletariat ist erklärt. |...| jeder Schritt weiter führt so oder so ins Verderben.
      Angesichts der ,Gefahr' einer sozialen Revolution des vierten Standes -1847/ war Karl Marx' und Friedrich Lngels' Kommunistisches Manifest erschienen gaben große Teile des Bürgertums ihre demokratisch-republikanischen Ideen preis und arrangierten sich mit dem reaktionären, jegliche Reformen abwehrenden Adel. Die Staatsmacht erschien nun als eine Sicherung der durch die wachsende Prolelariermasse drohenden Gefahr der sozialen Revolution, die man als einen Angriff auf die bürgerliche politischsoziale Gesellschaftsordnung und auf die bürgerliche Kultur, auf das Humanilälsideal sowie auf das gesamte Bildungssystem verstanden hätte.
      Lrhob die Feudalaristokratie den politischen Führungsanspruch, so reklamierte das Bürgertum die wirtschaftliche, aber auch die geistig-kulturelle Vormachtstellung. So kompensierte man die politische Bedeutungslosigkeit und den Ausschluss von der politischen Macht zum einen mit der Anpassung an den Lebensstil des Adels, durch das so genannte Nobilitierungsstrebcn also; Theodor Fontane hat diese Anpassung in seinem Roman Frau Jenny Treibet festgehalten, vor allem in der Titelllgur Jenny Treibel. Zum anderen jedoch widmete sich das Bürgertum, Kommerzienrat Treibel ist ein Beispiel hierfür, mit Nachdruck dem Ausbau seines wirtschaftlichen Führungsan-spruchs, der letztlich entscheidenden Einfluss auch auf die politischen, ja staatspolitischen Angelegenheiten bekommen sollte.
      Neben der mit Macht fortschreitenden Lntfaltung im Ã-konomischen fand das bürgerliche Sclbstbewusstsein im Kulturellen seinen Ausdruck. Man präsentierte sich als den legitimen Repräsentanten einer 'weit zurückreichenden kulturellen Entwicklung, als den Träger eines eigenen, geschichtlich entwickelten Weltbildes"." Infolge dieser veränderten Einstellung ließ das Bürgertum den Kampf gegen den Adel als sein wesentlichstes Problem hinter sich. Durchweg dominiert in der seit 1848 erschienenen Literatur die Tendenz, einen Ausgleich zwischen Adel und Bürgertum zu finden.5'' Auch in diesem Punkt dürfte gerade Fontanes Werk aussagekräftig sein. Auch oder vor allem nach 1871 vermochte Bismarck diese

Interessengemeinschaft von Krone, Adel, Militär, Verwaltung, Bürgertum und Wirtschaft zu halten. Dem vierten Stand räumte man innerhalb dieses Interessen Verbunds keinen Platz ein. Weder im Denken des liberalen noch des konservativen Bürgertunis spielte er eine nennenswerte Rolle, ein Phänomen, das die Literatur des Bürgerliehen Realismus exakt widerspiegelt. Die Lage des Proletariats wird überhaupt nicht als ein soziales Problem und dementsprechend auch nicht als adäquates Sujet einer bürgerlichen Literatur wahrgenommen. Findet das Proletariat als soziale Schicht überhaupt Erwähnung, so geschieht dies in einer perhorreszierenden Form, etwa in Gustav Freylags Soll und Haben, oder das Thema bleibt, wie z.B. in Marie von Lbner-Lschenbachs Roman Das Gemeinüekind, auf die individuelle Perspektive beschränkt und wird im Sinne einer vorkapitalistischen Ständevorstellung gelöst: Der Glaube an das humane Potential des Adels steht hinter diesen Lösungsvorschlägen. Des Weiteren schildert man die Problematik aus einer dezidierl bürgerlichen und im Sinne der Literalurprogrammatik verklärenden Perspektive: In dieser löst sich jegliche soziale Diskrepanz im Idyllischen und Sentimentalen auf, Fontanes Blick auf Fabrikarbeiter der Moabiter Borsig-Werke in seinem Roman Irrungen, Wirrungen belegt diese Vor-gehensweise, wenn sein Protagonist Botho von Rienäcker die Mittagspause der einen 18-Slunden-Tag bewältigenden Arbeiter mit den Worten und Bildern verklärt:
Während er noch so sann, warf er sein Pferd herum und ritl querfeldein auf ein großes Flablissement, ein Walzwerk oder eine Mascliiiieiiwerkslult. zu, draus, aus zahlreichen Fssen, Qualm und Feuersäulen in die Luft stiegen. Fs war Mittag, und ein Teil der Arbeiter saß draußen im Schallen, um die Mahlzeit einzunehmen. Die Frauen, die das Fssen gebracht hatten, standen plaudernd daneben, einige mit einem Säugling auf dem Arm, und lachten sieh untereinander an, wenn ein schelmisches oder anzügliches Wort gesprochen wurde. Rienäcker, der sieh den Sinn für das Natürliche mit nur zu gutem Rechte zugeschrieben, war entzückt von diesem Bilde, das sich ihm bot, und mit einem Anllug von Neid sah er auf die Gruppe glücklicher Menschen.5'
Die Diskrepanz zwischen der Realität eines Arbeiteralltags und seiner Darstellung in der Literatur des Bürgerlichen Realismus könnte kaum größer sein. Der zitierte Ausschnitt, der repräsentativ ist für die Behandlung des Sujets ebenso wie für die Ignoranz des Bürgerlichen Realismus dieser Thematik gegenüber, verweist darauf, dass die Integration der beständig wachsenden Arbeitermassen in das Staats- und Gesellschaftssystem des wilhelminischen Reichs nicht nur politisch ungelöst, sondern auch literarisch vom Bürgerlichen Realismus unbearbeitet blieb: Erst der Naturalismus wen-det sich Mitte der 1880er Jahre aus einer veränderten Perspektive dieser sozialen Schicht zu.
      Die bürgerlichen Ã"ngste vor den Willkürhandlungen des ,Pöbels' wurden naeh 1848 offensichtlich und dürften die strikten Abgrenzungsversuche der Bürgerlichen zum vierten Stand für die folgenden vier Jahrzehnte entscheidend geprägt haben. Diese Angst vor einem vermeintlich nicht zu kontrollierenden Aufstand der Arbeiter, der die bürgerlichen Werte und Interessen radikal in Frage gestellt hätte. Führte naeh 1848 zum Rückzug auch der zuvor am politischen Geschehen beteiligten oder zumindest interessierten Schriftsteller aus dem politischen Tagesgeschehen; diese Abstinenz gegenüber der politischen Entwicklung blieb nicht ohne Auswirkung auf die Literatur: Die gesamtgesellschaftliche politische Situation der 1850er und 1860er Jahre spielt keine wesentliche Rolle in der im Umfeld des Bürgerlichen Realismus entstandenen Literatur. Stattdessen dominiert sieht man vom Ziel der nationalen Einheit einmal ab - der Entwurf einer weitgehend von politischen Belangen wenig tangierten bürgerlichen Lebens-, Arbeits- und Vorstellungswelt. Dem Ausschluss von der politischen Szene entspricht in der Literatur des Bürgerlichen Realismus der Verzicht auf die Thematisierung der Sphäre der Politik. Erst die Staatsgründung von 1871 brachte geringfügige Veränderungen. Fontanes Werke oder die Romane Gustav Freytags und Friedrich Spielhagens nehmen auf dieses herausragende politische Ereignis der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und den damit verbundenen gesellschaftspolitischen Wandel Bezug, als der 'Schwefelgelbe"â"¢ geistert z.B. Bismarck durch nahezu alle Romane Fontanes. Diese distanzierte Haltung dem politischen Geschehen sowie den gesellschaftspolitischen Verhältnissen gegenüber blieb nicht ohne Einfluss auf die Ausbildung einer spezifisch bürgerliehen Literatur, die sich mit ihrer Ausrichtung auf ein bürgerliches Wertesystem unmissverständlieh von der Literatur des Vormärz und des Jungen Deutschland absetzte.
     

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