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Bürgerlicher realismus

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Bürgerliche Gegenwelten



Bei aller affirmativen Tendenz war die Literatur des Bürgerlichen Realismus aber nicht blind dafür, dass der neue Typus des Erwerbs-, Besitz- und Bildungsbürgers sich in den Gründerjahren nach 1871 vom Kleinbürger zum Typus des keiner Tradition mehr verpflichteten Bourgeois wandelte; im Zeichen der Arbeitsethik und Wirtschaftsgesinnung hatte dieser die bis dahin geltende Bürgerethik hinter sich gelassen:
In dem spekulativen Frfolgsegoismus dieses Bourgeois, seiner Entäußerung sittlicher Normen, seiner allzu wendigen, oft skrupellosen Anpassungsfähigkeit, seiner Arbeits-, Geld- und Hrlblgsgesinnung, seiner extravertierten, nach Anerkennung begierigen und selbstbewussten Geschäftigkeit, seiner Verödung des Gemüthaften lag eine Gefährdung, die die gesamte soziale Schicht aufzulösen drohte, zumal dieser Typus des Unternehmers zum Beherrscher der wirtschaftlichen Macht wurde, die das Fundament der liberalen bürgerlichen Gesellschaft in diesen Jahrzehnten bildete.7'
Die Binnenkritik des Bürgerlichen Realismus entsteht nicht zuletzt als Reaktion auf solche aus der Sicht humaner und liberaler Bürgerlichkeit Fehlentwicklungen, als Kritik an diesem Typus des bürgerlichen Unternehmers. Fontanes Roman Frau Jenny Treibel dürfte wiederum das bekannteste Beispiel dieser Form literarischer Binnenkritik des Bürgertums sein. Man wehrte sieh gegen die Aufzehrung der ethischen Grundlagen bürgerlichen Selbslbewusstseins und Handelns, wobei man sich bewusst war, dass eine an den Rand gedrängte Gruppe einem mächtigen Kollektiv den Kampf ansagte. Denn immerhin war der Bürgerliche Realismus, wie ehedem das Bürgertum, mit dem Anspruch angetreten, gegenüber dem Humanitätsideal der Weimarer Klassik das real gewordene Humane zu sein. Die Autoren des Bürgerlichen Realismus der zweiten Phase vertraten das Bürgertum mithin nieht mehr als eine einheitliche soziale Gruppe; vielmehr ist nach 1871 an die Stelle der bürgerlichen Selbstbehauptung dem Adel gegenüber das Bemühen um die Weitcrlührung der ehemaligen humanen und sozialen bürgerlichen Werte innerhalb der bürgerlichen Klasse selbst getreten. Die Literatur des späten Realismus ist demnach vornehmlich nicht mehr auf den Klassenkonflikt konzentriert, sondern wäre primär zwischen zwei Fronten innerhalb einer und zwar der eigenen Klasse zu verorten; zielt sie doch auf den Autbau einer Traditionswelt und auf die Bewahrung und Festigung einer bürgerliehen Lebensgesinnung und Ethik, die im Zuge der dureh Teile der eigenen Klasse forcierten Kapitalisierung der Gesellschaft mehr und mehr verloren zu gehen schien. Insbesondere 'Humanität" wird dabei als ein in der Literatur zu bewahrender Wert hervorgehoben: 'Die Humanität ist in der Poesie mehr als je am Platz, seit sie in den öffentlichen Interessen nicht mehr das große Wort führt", heißt es etwa bei Julian Schmidt in Zusammenhang mit seinen Bemerkungen zu Berthold Auerbach." Dabei fungieren die Individuen der Romane als Statthalter einer liberalen Humanität, das 'Ziel des Romanhelden", so heißt es in Visehers Ã"sthetik, 'ist schließlich immer die Humanität"."' Und auch Adalbert Stifter hob die 'Ausbildung des Menschen als Menschen, nemlieh Humanität"7', als die Funktion von Kunst und Literatur hervor. Im Hinblick auf diese Ziele hat man in der Idee der Humanität die 'Cirundformel der Romanpoetologie"/x des Bürgerliehen Realismus benannt.
      Die Hoffnungen der Vormärzzeit waren unerfüllt geblieben, man versuchte nun, sie in der Literatur zu erfüllen. Dies vorausgesetzt, lässl sich der Bürgerliche Realismus als ein Versuch bewerten, der unüberschaubar gewordenen Well eine Welt der bürgerlichen Ordnung entgegenzusetzen; die erzählte Welt des Bürgerlichen Realismus ist tatsächlich eine geordnete und überschaubare. In ihr werden dezidiert bürgerliche Wertvorstellungen proklamiert, in ihr wird nach einem bürgerlichen Wertesystem gelebt. Insbesondere die Idee der individuellen Entwicklung und Selbstbestimmung im öffentlichen Leben steht im Zentrum vieler Romane des Bürgerlichen Realismus. Hier hol die Lrzählliteratur im Gegensatz zum Drama und zur Lyrik die Möglichkeit einer breiten, detailreichen Schilderung sowie der ausmalenden Vorführung von Figuren und Handlungen, wodurch man nicht zuletzt den Realismus der Schilderung verbürgen wollte. Das die Literatur des Bürgerlichen Realismus kennzeichnende Insistieren auf dem bürgerlichen Individuum ungeachtet der Entwicklung einer industriellen Massengesellschaft, machte den Bildungs- und Entwicklungsroman für die bürgerlichen Realisten attraktiv, eröffnete dieses Genre doch die Möglichkeit, die Bildungsideale mit ethischen Maximen wie Moral, Sitte, Fleiß, Arbeit oder Familie zu verbinden. Vor allem die frühen Bildungsromane, Gustav Freytags Soll und Haben aus dem Jahr 1855 und Wilhelm Raabes Der Hungerpastor , partiell auch stehen für diese Tendenz. Sie, aber auch andere Romane des Bürgerlichen Realismus ebenso wie die Novellen und Erzählungen exponieren eine bürgerlich-ideologische Perspektive; sie sicherte den Werken eine positive Aufnahme im Bürgertum. In ihnen steht zumeist der bürgerliche Held Heldinnen gibt es nur in Fontanes Werken im Mittelpunkt; alle erzählerischen Bemühungen konzentrieren sich auf den Protagonisten. Die Handlung ist in den bürgerlichen oder kleinbürgerlichen Alltag eingebettet, die Protagonisten entstammen zumeist einem bürgerlichen Milieu. Demzufolge kann die Literatur des Bürgerlichen Realismus mit der historischen Realität konfrontiert werden, trotz ihrer ästhetischen Eigengesetzlichkeit gibt sie Auskunft über die bürgerliche Lebens- und Vorstellungswelt und kollektiven Denkmuster in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
     

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