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Bürgerlicher realismus
 
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Bevölkerungszuwachs und Urbanisierung



Neben der gescheiterten Revolution und den gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen nach 1848 müssen weitere Ereignisse und Prozesse genannt weiden, die um 1850 von der Mehrheil der Menschen als abrupte Veränderungen erfahren wurden und als Voraussetzungen des Bürgerlichen Realismus zu behandeln sind.
      An erster Stelle ist die demographische Entwicklung zu nennen, die berechtigt, von einer Bevölkerungsexplosion zu sprechen: Bessere hygienische und medizinische Verhältnisse sowie das Ausbleiben von Hungerkatastrophen infolge der erhöhten Produktivität der Landwirtschaft ließen die Bevölkerung im Gebiet des späteren deutschen Reichs sprunghaft wachsen: Von 22 Millionen Menschen im Jahr 1816 auf 35 Millionen im Jahr 1861 und 41 Millionen im Jahr 1871. Bis 1910 erhöhte sich die Zahl gar auf 65 Millionen.
      Diese demographische Entwicklung verweist zugleich auf einen 'Ãobergang von traditionellen, ständisch-agrarisch geprägten Lebensformen zu modernen, demokratisch-industriellen".7'' Zwar wohnte die Mehrheit der Menschen auf dem Land; doch der Anteil der Stadtbewohner nahm stetig zu. 1871 gab es im Deutschen Reich nur acht Großstädte mit mehr als 100.000 Einwohnern. 59,2% der deutschen Bevölkerung lebte noch 1880 auf dem Land in Gemeinden unter 2.000 Einwohnern, 28,7% in Klein- und Mittelstädten zwischen 2.000 und 50.000 Einwohnern. Der dann einsetzende

Wandel der Bevölkerungsstruktur ist enorm, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts findet eine Umsehiehtung der Bevölkerung vom Land in die Städte statt; damit ist zugleich der Prozess der Urbanisierung benannt, d.h. die Verstädterung, die Entstehung von Großstädten und das Erstarken der bürgerlichen Schicht, die eine dezidiert städtische ist. Die großen Städte, die mit der sozialen auch geistige Mobilität ermöglichten und ein differenziertes kulturelles Angebot ebenso wie größere Bildungschancen bereithielten, veränderten ihr Aussehen, und mit der Urbanisierung des Landes ging ein Wandel der Lebensräume der Menschen einher. Nicht nur der Gegensatz zwischen Stadt und Land wurde zunehmend eklatanter; die Prozesse der Industrialisierung und Urbanisierung bewirkten zudem eine weitreichende Veränderung der traditionellen Lebenswelt.
      Kür die Beschreibung der Literatur und Ã"sthetik des Bürgerlichen Realismus sind diese Prozesse insofern von Interesse, als sie nicht zuletzt vom Bürgertum ausgelöst und vorangetrieben wurden, insbesondere die Industrialisierung, vor allem die der Klein- und Mittelbetriebe in den Land-und Kleinstädten. Dieser Modernisierungsschub löste in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine weitreichende Umgestaltung der Lrfahrungsräume aus: Vertraute Wahrnehmungsformen wurden radikal in frage gestellt, Veränderungen im Bereich der Kommunikation und Mobilität eingeschlossen. Die Autoren des Bürgerlichen Realismus waren Angehörige jener Generation, die diesen Wandel zu verkraften und literarisch zu verarbeiten hatte. Soweit sie Letzteres überhaupt geleistet hat: Denn die im Anschluss an die Prozesse der Industrialisierung, Technisierung und Urbanisierung ausgelöste 'Orientierungskrise", von der Gerhard Plumpe gesprochen hat"1, spielt in der Literatur des Bürgerlichen Realismus nur insofern eine Rolle, als man in negativer form, und zwar durch die Konzentration auf vor-modeme Gesellschaften, auf sie reagierte. In vielem ist der Bürgerliche Realismus der sich wandelnden Realität und Lebenswelt ausgewichen: Die nach 1848 entstandene Literatur ist durch eine Themenselektion gekennzeichnet, die Abstinenz, ja Ignoranz bestimmten Sujets gegenüber darf als ein Grundzug des Bürgerlichen Realismus gelten. Die Prozesse der Industrialisierung und Urbanisierung etwa sind in den Werken des Bürgerlichen Realismus nicht verarbeitet. Die Technisierung Deutschlands bedeutete jedoch für die Menschen eine tiefgreifende Veränderung ihrer Lebensformen und -räume. Die entstehenden Industrielandschaften, wie etwa die des Ruhrgebiets oder Berlins, wurden als eine einschneidende Veränderung der Lebens- und Erfahrensbcreiche empfunden. Vertraute Lebensweisen und -ablaufe sowie Kommunikationsformen wurden radikal verändert, der Ausbau des Straßennetzes und der Eisenbahn, die Erfindung der Telegraphie, Umstellungen im



Bereich von Postverkehr, Geldverkehr und Handel bedeuteten nicht zuletzt eine veränderte Wahrnehmung und Erfahrung von Raum und Zeit, aber auch der gesamten Sozialstrukturen. Die zeitgleich entstehende Literatur des Bürgerlichen Realismus indes hat kaum auf diese Entwicklungen und Veränderungen reagiert. Zwar avanciert die Kapitalisierung der Gesellschaft oder vielmehr der bürgerlichen Gemeinschaft zu einem wichtigen Sujet; die Kritik an der zunehmenden Ã-konomisierung ganzer Lebensbereiche dominiert die Werke des späten, kritischen Realismus, insbesondere die nach der Reichsgründling entstandenen. Doch nur zu geringen Teilen geht die moderne großstädtische Lebenswirklichkeit in die Literatur des Bürgerlichen Realismus als Thema ein; stattdessen werden in den Romanen und Novellen zumeist traditionelle, überschaubare Lebenswelten entworfen. Großstädte als llandlungsschauplätze werden selten gewählt, lediglich Fontane siedelt die Mehrheit seiner Romane in Berlin an. Das von ihm entworfene Berlin entspricht dabei jedoch kaum der stetig wachsenden und sich verändernden Industriemetropole der 1880er und 1890er Jahre; der gewählte Ausschnitt suggeriert vielmehr eine eher kleinstädtische Atmosphäre, seine Romane zeigen ein überschaubares, fast dörflich wirkendes Berlin, ungeachtet der Tatsache, dass sich die Stadt in den 1880er Jahren bereits zur Großstadt, zur größten Mictskascrnenstadt Europas* zu entwickeln begann. Diese Ignoranz erstaunt um so mehr, als Fontane nahezu sein ganzes Leben in Berlin verbracht hat und dort die Prozesse der Urbanisierung und der Entstehung eines modernen Industrieproletariats miterlebte, er konnte sich aber nicht entschließen, in seinen Romanen diesen Wandel literarisch zu gestalten und den vierten Stand als literarisches Personal sowie die Arbeiterbezirke als literarischen Raum zuzulassen. Die Folgen der Industrialisierung sind in ihnen kaum spürbar, werden sie überhaupt angesprochen, dann, und das gilt für die gesamte Literatur des Bürgerlichen Realismus, in verklärender Weise. Statt realer Arbeits- und Lebenswelten entwirft die Literatur des Bürgerlichen Realismus fast archaisch anmutende Gegenwelten.
     

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