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Bürgerlicher realismus
Im Unterschied zum Grünen Heinrich erzählt Adalbert Stifters zwei Jahre nach Kellers Beitrag zur Lrzählliteratur des Bürgerlichen Realismus erschienener Roman Der Nachsommer den problemlosen Entwicklu
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Kunst



Das Bildungsideal des Nachsommer ist nur vordergründig das des 18. Jahrhunderts. Zwar zielt der vorgeführte Bildungsgang auf Universalismus, aufdie Ausbildung des Menschen in den Naturwissenschaften, der Naturkunde und auch auf die Reifung des Protagonisten in Verbindung mit Kunst, Theater und Literatur wird mit einbezogen. Letzlere sind aber von nicht allzu großer Bedeutung, der Erzähler jedenfalls verweilt wesentlich länger und ausgiebiger bei jenen Bildungsmomenten und Bildungsinstitutionen, die im familiär-privaten Raum und bürgerlichen Lebensfeld vermittelt werden. Kunst spielt im Nachsommer letztlich nur mehr als sammelnde und archivierende Tätigkeit von Altertümern und klassischen Kunstgegenständen eine Rolle, die künstlerische Betätigung des alten Risach erschöpft sich in einem musealen Zusammentragen und Konservieren der Relikte einer anderen, untergegangenen Zeit, in einer restaurierenden Arbeit an alter Kunst, so etwa an einer antiken weiblichen Marmorstatue.
      Die dem Bürgerlichen Realismus wichtige Problematik des Verhältnisses von Künstlertum und Bürgerlichkeil, der Künstlerexistenz in einer bürgerlichen Gesellschaft, die als Beruf allenfalls das Kunsthandwerk und als Lebensform lediglich die eines künstlerisch tätigen Handwerkers akzeptiert, braucht in Stifters Roman nur am Rande diskutiert zu werden. Denn das in Kellers Grünem Heinrich an zentraler Stelle exponierte Spannungsverhältnis zwischen Bürgertum und Künstlertum steht im Nachsommer nicht mehr im Mittelpunkt: Kunst ist ohnehin nur als sammelnde Hingabe an Relikte der klassischen Kunstepoche und nur auf der Grundlage einer vorangegangenen kaufmännischen oder staatlichen Tätigkeit möglich, ist lediglich im Sinne einer restaurierenden, bewahrenden Tätigkeit eines Kenners und Liebhabers gedacht.' Die Beschäftigung mit Kunst benennt dementsprechend auch nicht mehr den künstlerischen Umgang mit Realität, die Schaffung von Kunst oder gar das Leben einer Künstlerexistenz.
      Mit der Einführung des Motivs Kunst hat Stifter dementsprechend auch nicht die Diskussion der romantischen Formel von Kunst als Leben und Leben als Kunst vor Augen; auch wird Kunst keineswegs als das Produkt eines genialischen, schöpferischen Subjekts vorgeführt. Vielmehr wird sie von Stifter lediglich als das zu bewahrende Alte zitiert, Kunst ist innerhalb der Rosenhauswelt immer das bereits Existierende, das es zu restaurieren und zu überliefern gilt. Die produktive Seite einer künstlerischen Tätigkeit, das Entstehen neuer Kunst, ja der künstlerische Schöpfungsprozess interessieren Stifter nicht; künstlerisches Schaffen und ein künstlerischer Lebensentwurf werden - wie im Fall von Roland vorgeführt - als unbürgerliche Tätigkeiten diskreditiert. Zu verdammen ist das Künstlertum vor allem wegen der ihm impliziten Eigenschaften des Subjektiven und Leidenschaftlichen, des 'heftigefn] Begehren[sj" , wie es im Roman heißt. Denn solche Lebensformen werden von Stifter als dem Bürgerlichen unangemes sene ausgeschlossen. Leidenschaft und Begehren sind mit den Tugenden des Maß-Haltens und der Sittsamkeit, die den gesamten Roman prägt - eine Vorgabe, die sich auch in dessen ästhetischer Ausrichtung niederschlägt -, nicht vereinbar. Für den schöpferischen Menschen gibt es mithin in der Ro-senhauswelt keinen Platz, Stifter hat sich dementsprechend mit der Diskussion um die Pole Bürgerlichkeit und Künstlertum wesentlich leichter getan als Keller.
      Kunst ist das Mittel, mit dem die unharmonische, historische und gesellschaftliche Realität verklärt und idealisiert wird. Die im Nachsommer entworfene ,Kunst-Welt' wird vielfach in den Gegensatz zur Realität gestellt, wird als ein 'Anti-Realitätsprinzip" vorgeführt, in dem Wirklichkeit geradezu als der 'Widerpart"" von Kunst wirkt. Dabei hebt Stifter im Sinn des Bürgerlichen Realismus die notwendigen sozialen Dimensionen von Kunst hervor, wenn er diese als das Allgemeine versteht, in der das vereinzelt Individuelle und Subjektive zugunsten des Allgemeinen und Wesentlichen zurückgedrängt sind. Die Leidenschaften und Interessen des Einzel-nen, Individualität und Subjektivität, persönliches Begehren, subjektive Leidenschaften und Interessen sie haben in der dem Allgemeinen verpflichteten ,Kunst-Welt' des Rosenhauses keinen Platz. Stifter identifiziert das Allgemeine mit der Kunst und umgekehrt die Kunst mit dem Allgemeinen und bezieht sich so auf eine Kunst, in der weder Leidenschaft noch das Individuelle und die individuellen Interessen Bedeutung haben.
      Dabei steht dieses Allgemeine für das Vernünftige, Geordnete, für Ordnung; Sinnlichkeit, Leidenschaft, ein Ãobermaß an Gefühlen bleibt dabei ausgeschlossen. Aus diesem Grund hat man von Stifters Welt als einer ,loten" Welt geredet, hat dem Autor vorgeworfen, und das bereits zu seinen Lebzeiten, dass er zwar ein 'im modernen Sinne realistischer Schriftsteller" sei, jedoch von der 'wahrhaftig nicht unwesentlichen Realität", 'vor dem Menschen nämlich [...] eine unüberwindliche Scheu" habe."' Auch von den Programmatikern der Grenzholen wurde Stifters Roman äußerst kritisch aufgenommen. Schmidt monierte insbesondere Stifters Unfähigkeit oder Un-willigkeit, 'lebende Menschen" zu gestalten und daran anschließend den fehlenden Realismus des Romans. In diesem Zusammenhang erhob er zudem den Vorwurf, der Nachsommer sei kein 'realistischer" Roman, 'die blassen, leblosen Figuren" erinnerten an 'Automaten" und 'Marionetten"."
Ungeachtet dieser Kritik hob man die Gesinnung des Werks sowie die von Stifter mitgeteilte Moral hervor, die dem bürgerlichen Wertekodex entsprach, insbesondere Fleiß, Strebsamkeit, Sittsamkeit, Enthaltsamkeit, das Nicht-Ausleben von Begierde und Leidenschaft wären zu nennen.
      Stifter dachte sich diese so entworfene ,Kunst-Welt' als eine andere, bessere Welt: 'Ich habe wahrscheinlich das Werk [den Nachsommer; S.B.] der Schlechtigkeit willen gemacht, die im Allgemeinen mit einigen Ausnahmen in den Staatsverhältnissen der Welt in derselben und in der Dichtkunst herrscht.""* Dass er dabei eine Welt inszenierte, die durch den rigorosen Ausschluss alles Individuellen, Spontanen und Eruptiven sowie aller Leidenschaft und allen Gefühls gekennzeichnet ist und in die vermutlich eine andere Form von 'Schlechtigkeit" Einzug gehalten hat, ist Stifter entgangen. Indirekt wiederholt die ,Kunst-Welt' des Rosenhauses die Beschaffenheit einer sich infolge von Industrialisierung und Kapitalisierung zunehmend inhumanen, weil über das Individuum hinweg entscheidenden Gesellschaft. Die rigoros nach bürgerlichen Wertprinzipien organisierte Lebenswelt, die Stifter im Rosenhaus zu installieren sich anschickt, dürfte der bewusste Reflex eines ordnungsliebenden Bürgerlichen sein, der angesichts einer zunehmend komplexen Gesellschaft und einer als Bedrohung erfahrenen Realität sieh in das Rosenhaus bürgerlicher Sittsamkeit, Tugend und Moral, aber auch in eine Well der Restriktionen, Unterordnung und Diszipliniertheit zurückzieht.
      Auf die Bedrohung durch eine erstarkende nicht-bürgerliche Schicht, die als Januskopf den ökonomischen Aufstieg des Bürgertums im 19. Jahrhundert begleitet, reagierte das Bürgertum nach 1848 mit dem Rückzug ins Private und durch die Neigung, die eigene Lebensrealität in einer isolierenden Verpackung als eine ideale Welt zu konservieren; Risachs Rosen sind eine solche schützende Hülle, und sie deuten auf den Versuch eines Autors, den Einfall der Realität in eine rigide formalisierte Kunst- oder Schein-Welt zu verhindern. In dieser Tendenz darf Stifters Nachsommer als ein Werk gelesen werden, das die ambivalente Mentalität einer Klasse offen legt, die einerseits der treibende Motor des Industrialisierungsprozesses im ökonomischen Bereich war und im Zuge dieser Ã-konomisierung die Welt so herrichtete, wie man sie eben nicht haben wollte; die sich andererseits aber einer industrialisierten Welt verschloss und sich in einen von Arbeit, ökonomischem Erwerb und Wettbewerb freien Raum zurückzog. Es ist bezeichnend, dass Stifter Freytags Roman für 'eiskalt" hielt, dieser ihn 'zum Schluße" gar 'anekelte".'1' Er hatte andere Visionen einer bürgerlich-humanen Wertegemeinschaft. Allerdings verschweigt auch er nicht, dass die Voraussetzung der von ihm geschilderten nachsommerlichen Rosenhauswelt eine Welt des ,Soll und Haben' ist. Insofern kann sein Urteil über Freytags Roman nicht überzeugen, zumal auch die Rosenhauswelt nicht frei von Kälte ist.
     

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