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Bürgerlicher realismus
Im Unterschied zum Grünen Heinrich erzählt Adalbert Stifters zwei Jahre nach Kellers Beitrag zur Lrzählliteratur des Bürgerlichen Realismus erschienener Roman Der Nachsommer den problemlosen Entwicklu
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Bürgerliche Schreibmotivation



Man hat Stifters Roman als verweisungsloses Kunstprodukt eines ästhetisie-renden Formalisten lesen wollen. Doch eine Analyse des Werks im literar-und kulturgeschichtlichen Kontext des 19. Jahrhunderts kann deutlich machten, dass Stifter sehr wohl auf die politische und gesellschaftliche Realität, aber auch auf die literarische Situation der 1850er Jahre reagierte. In Analogie zur Programmatik des frühen Realismus enthält Der Nachsommer ein explizites Programm gegen die Literatur des Vormärz und des Jungen Deutschland und mithin eine dezidierte Absage an einen funktio-nalisierten Literaturbegriff ebenso wie an eine politische, gesellschaftskritische Literatur. Der Roman ist eine Auseinandersetzung mit den literarischen Tendenzen um 184H.45 Stifters eigene literarische Position, aus der heraus die Politisierung der Literatur durch den Vormärz und das Junge Deutschland kritisiert wird, wäre zunächst einmal als die des Biedermeier zu beschreiben.4'' Diese Einordnung bleibt indes zu vage, auch lässt sie die programmatischen Bezüge des Romans zum Bürgerlichen Realismus unbe-nannl. Auch wenn die Verbindungen bei weitem nicht so greifbar sind wie bei Freytag oder Keller, so ist der Roman dennoch das Produkt eines Autors, der aus einer bürgerlichen Mentalität heraus und auf der Grundlage eines bürgerlichen Wertekanons eine bürgerliche Lebenswelt entwirft. Stifter bleibt dabei in Bezug auf den zu leistenden Bildungsgang seines Helden der klassischen Bildungsidee verpflichtet; das Freytagsche Kontor ist gegen das Risachsche Rosenhaus eingetauscht. Doch dieses ist zweifelsohne ein Mikrokosmos einer harmonisch gedachten bürgerlichen Lebens- und Wertewelt, ist der Traum eines Bürgerlichen von der Versöhnung von Bürgertum und Adel, aber auch von Ã-konomie beziehungsweise Besitz und Bildung, ist die Vision eines Bürgerlichen von der Zusammenführung der beiden wichtigen Betätigungsfelder des Bürgertums im 19. Jahrhundert; und dies zu einem Zeitpunkt, zu dem die für die Zeit nach 1871 paradigmatische Spaltung der bürgerlichen Klasse in ein Besitz- und ein Biidungsbürgertum erst andeutungsweise zu erkennen war.
      Eingegangen sind in Stifters Nachsommer zudem die Ã"ngste des Bürgertums vor dem vierten Stand, vor einem ungezügelten und ungehemmten Ausbruch der Masse. Das Moment des Unkontrollierbaren findet sich im Roman unter verkehrtem Vorzeichen in einer zwanghaften Neigung zur Kontrolle jeglicher Gefühle, in der Vermeidung von eruptiven Gefühlsausbrüchen und in der Einbindung des Individuums in eine strikte bürgerliche Ordnung, die sich korsettartig um das Individuum legt. Dessen Handlungsmögliehkeiten sind eingeschränkt; nur vordergründig suggeriert der Roman die individuelle Handlungsfreiheit, nur scheinbar exponiert er die freie Entfaltung des Subjekts ungeachtet der gesellschaftlichen Belange und Ansprüche. Denn letztlich ist dieser Eindruck lediglich das Resultat der angebotenen Konflikt-freiheit zwischen Individuum und Gesellschaft, der Tatsache der mustergültigen Internalisierung geltender Normen durch das Individuum Heinrich Drendorf also. Zwar hat diese Konfliktfreiheit Auswirkungen auf den realistischen Gehalt des Romans, er verstößt in vielem gegen das Realismus-und Authentizitätsgebot des Bürgerlichen Realismus, das die Autoren zu einer steten Bezugnahme auf die Realität, vor allem auf die gesellschaftliche, mahnt. Doch insofern Stifter sich jeglicher Exkurse in romantische Welten enthält eine Option, die im Hinblick auf den Entwurf der Rosenwelt inmitten einer intakten Natur gegeben war, wenn nicht sogar nahe gelegen hätte und das Erzählte mithin stets als das Produkt der außerliterarischen Welt verortet wird, bleibt er dem Realismus auf das engste verbunden. Das durch diesen vorgegebene Plausibilitätsprinzip ist im Roman gleichfalls eingehallen, die logische und chronologische Kausalität des Erzählten sind gewährleistet, die geschilderten Ereignisse sind stets aufeinander bezogen. Das Unbehagen, das die Programmatiker Schmidt und Ereytag diesem Werk gegenüber hegten, war allerdings die fehlende konkrete Bezugnahme auf die zeitgenössische Lebenswell des Bürgertums in der Mitte des 19. Jahrhunderts; zudem das einseitige Verständnis von Bildung und Entwicklung im Sinne der klassischen Ideale Natur, Kunst und Eiebe. Was sie sicherlich unterschätzt haben, sind die verschwiegenen, aber dennoch vorhandenen bürgerlichen Ideale der Ordnung, wobei im Nachsommer die der .Zucht', der Mäßigung, Tugend und Moral sowie des Gehorsams und Eleißes exponiert werden. Der Roman entwirft die Vision einer natürlich-sittlichen Gesellschaftsordnung, basierend auf den bürgerlichen Institutionen Familie und Ehe. Auch baut dieser Traum einer harmonischen Bürgcrwelt, die auf einem festen Ordnungsgefüge und auf einem strengen moralischen Prinzip fußt, wie oben erwähnt auf den vorausgegangenen ökonomischen Erfolgen sowohl von Drendorfs Vater als auch von Risaeh auf. Beide gingen ehemals bürgerlichen Berufen nach, waren in der Domäne des Bürgertums tätig. Die Erziehung und Ausbildung, die sie ihren Kindern bieten, hat ihre kaufmännische Betätigung und ihren ökonomischen Erfolg zur Voraussetzung. Ãoberhaupt ist die Biografie Risachs der Beleg für die bürgerliche Gesinnung, die hinter Stifters Roman steht: Freiherr von Risaeh, aus ärmlichen Verhältnissen stammend, hat sieh durch seine Talente, aber auch durch Fleiß und Strebsamkeit als Beamter in der Gesellschaft verdient gemacht, hat also seinen sozialen Dienst an der bürgerliehen Gemeinschaft längst geleistet, bevor er sich aufsein Gut zurückziehen kann und darf. Risachs Rosenwelt -sie ist letztlich nichts anderes als der Lohn für ein langes, entbehrungsreiches bürgerliches Erwerbsleben, das mühevoll durch Strebsamkeit und konzentrierte ökonomische Tätigkeit, aber auch durch Entsagungen gekennzeichnet war. Mathilde, die er liebt, kann er aus moralisch-sittlichen Gründen nicht heiraten, als ihr Hauslehrer ist er im Alter, vielleicht aber auch im Stand von ihrer Familie unterschieden. Die Rosenhauswelt ist dagegen frei von beruflicher Tätigkeit, frei von jeglicher Erwerbsarbeit. Uwe-K. Ketelsen jedoch hat darauf hingewiesen, dass 'das einzige, was hier arbeitet, das Geld [ist] und das unsichtbar". So zeichnet sich der Roman zwar durch die 'Vernichtung der historischen Realität in der Ã"sthetisierung des Alltags" aus; doch die ökonomische Grundlage der von Stifter entworfenen Welt bleibt damit stets vorhanden; Stifters 'Idealwelt" basiert auf dem 'ökonomischen Fundament der bürgerlichen Gesellschaft". Längst ist bekannt, dass kaum ein Schriftsteller in seinen Werken so beharrlich über Geld geschrieben und sieh über die ökonomische Sicherung der bürgerlichen Verhältnisse ausgelassen hat wie Adalbert Stifter. So kommentierte er den Nachsommer seinem Freund Gustav Heekenasl gegenüber:
Dieses liefere Leben [der zentralen Figuren des Nachsommer, S.B.] soll getragen sein durch die irdischen Grundlagen bürgerlicher Geschälte der Landwirtschaft des Staatsuniwül/ungen und andren Kräften, welche das mechanische Leben treiben. "
Arno Schmidt hat Stifters Roman als das Produkt einer rigiden Bürgerlichkeit gelesen und als das Resultat bürgerlicher Ideologie nach 1848 interpretiert: 'deutsch", 'bieder", 'staatserhaltend & keusch", sind die Attribute, mit denen Schmidt das Werk mit Blick auf die politische und soziokulturelle Mentalität des Bürgertums im 19. Jahrhundert charakterisiert wissen wollte.M Insofern mit solchen Eigenschaften tatsächlich der Bewusslseins-stand der bürgerlichen Klasse nach 1848 beschrieben ist, kann der Roman als ein 'Bild der Zeit" gelten. Das Verschwiegene und Abwesende geben Auskunft über die Haltung eines Autors und einer gesellschaftlichen Schicht, die Unangenehmes nicht sehen wollte; der Roman, in dem das Nicht-Gesagte ebenso viele Auskünfte gibt wie das Ausgesprochene, liest sich wie eine 'Magna Charta des Eskapismus".
     
Das Rosenhaus ist eine Welt der Ordnung, eine Welt des pedantischen, ja zwanghaften Wunsches nach einer geordneten Welt- und Realitätsaneignung oder, mit Bezugnahme auf Stifters Lieblingswort, ,Dinganeignung'. In einer solchen Welt ist jedes 'Ding" erlässt, an 'jedem Stämmehen", so heißt es im Text, 'hing der Name der Blume, auf Papier geschrieben, und in einer gläsernen Hülse, hernieder" . Das Unordentliche und Unordnung sind verpönt. So waltet in der vom Hausherrn geschaffenen Welt ein Sittengesetz, das alles Eruptiv-gefühlsmäßige, Leidenschaftlich-unkontrollierbare 'Leidenschaft" 'trübt" und macht 'befangen" , belehrt der alte Risach seinen Schützling aus dieser Welt verbannt. Bürgerliche Allmachtsphantasien schließen soziale Unruhen und ein Aulbegehren des Volkes, das im Roman als Knechte und Mägde anwesend ist, aus; in dieser Welt 'ordnet" der überlegene Bürger 'an"." Insofern erscheint es konsequent, dass Risach gegen Ende des Romans seinen Adelstitel zurückgibt und sich mit diesem Verzicht zum Bürgertum und damit auch zu den bürgerlichen Idealen bekennt, nach denen er ohnehin immer gelebt hat.
     

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