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Bürgerlicher realismus
Im Unterschied zum Grünen Heinrich erzählt Adalbert Stifters zwei Jahre nach Kellers Beitrag zur Lrzählliteratur des Bürgerlichen Realismus erschienener Roman Der Nachsommer den problemlosen Entwicklu
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Bürgerliche Refugien: Die Rosenhauswelt



Nähren diese Momente den Verdacht, hier versuche ein Autor das literarische Konzept der Romantik in den Realismus hinüberzuretten, so macht die genaue Lektüre jedoch die Unterschiede zwischen der Nachsommerwelt und den romantischen Gegenwelten deutlich. Denn letztlich wagt Stifter das Unterfangen, der romantischen Naturkonzeption, innerhalb derer Natur als der Zustand des Wilden, Undurchschaubaren, Unzugänglichen, Ungeordneten und Geheimnisvollen, aber auch als ein Abdruck der eigenen, subjektiven Stimmungs- und Gefühlslage fungiert, ein neues, realistisches' Naturverständnis entgegenzusetzen. Die Natur gibt den Ordnungsrahmen vor, in den sich der Mensch einzufügen hat. Die Anerkennung dieser Ordnung ist die Pflicht des Menschen, doch umgekehrt kann der Mensch innerhalb der Natur und auch an der Natur seinen Sinn für Ordnung und Einordnung wiederholen. Insofern bestimmen nicht nur das für den Menschen bedrohliche Hochgebirge der Alpen Szenerie und Handlung des Romans, sondern vor allem jene Rosenhauswelt, der zwischen Alpenwelt, der Welt des "lOjben", und des großstädtischen Raums, der "Umgebung unten"12, gelegene Zwischenraum also. Als solcher stellt die Rosenhauswelt, die das Produkt einer ,Zucht' von Menschenhand ist, einen Ort der Begegnung und Synthese zwischen unkultivierter Natur und großstädtischer Kaufmanns- und Großstadtwelt dar. Stifter führt ihn als den idealen, dem Menschen angemessenen Lebensort vor; allerdings wird der Leser in keinem Moment darüber im Unklaren gelassen, dass bürgerliches Leben und Arbeit in der Ebene die Voraussetzung des Nachsommerlebcns im Rosenhaus darstellen.
      Zwar zeichnet sich die Rosenhauswelt durch die Pflege von Kunst und Natur aus, die propagierte Kunst- und Naturaneignung ist allerdings restriktiv: Im Mittelpunkt steht die Zucht von Rosen, die Bändigung der Natur also, die in ihren Trieben und in ihrer Wildheit gezähmt werden muss; insofern ist der Umgang mit der Natur in der Rosenhauswelt eine Wiederholung des Umgangs der in ihr lebenden Menschen miteinander. Denn die Rosenhauswelt repräsentiert eine Ordnung, die nach den Normen und Regeln des Menschen ausgerichtet ist oder sich auszurichten hat. Die Handlungen Zucht und Ordnung gehen innerhalb der Rosenhauswelt eine Synthese ein, die nicht zuletzt auch den Willen der in ihr lebenden Menschen spiegelt. So erscheint diese Welt zwar im ersten Moment als eine natürliche, d.h. der Natur, ihrem Zeiten- und Jahreswechsel angepasste. Doch der zweite Blick entdeckt die reglementierende Hand des Menschen in diesem scheinbar ,natürlichen' Raum, die zwar im Linklang mit den jahreszeitlichen Wechseln lebt, doch eher von den Gewohnheiten und Ritualen, aber auch von den bürgerlichen Ordnungsphantasien ihrer Mitglieder geprägt ist. In rigoroser Weise führt der Roman die Disziplinierung aller Triebe dar, seien es die der Natur oder die des Mensehen. Alle Tätigkeiten der in der Rosenhauswelt lebenden Menschen sind auf Maßhalten und Mäßigung, auf Selbstdisziplin und Selbstdisziplinierung, auf Anpassung und Sich-Linfügen angelegt. Wie kaum ein anderer Autor hat Stifter mit seiner "Nachsommer"-Welt die negativen Dimensionen bürgerlichen Ordnungsbewusstseins und Harmoniestrebens nach 1848 vorgeführt: Die Nähe der von ihm entworfenen Rosenhauswelt zum Entwurf eines autoritären Systems jedenfalls ist bedenklich."

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Bürgerliche  Refugien:  Die  Rosenhauswelt    


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