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Bürgerlicher realismus
Im Unterschied zum Grünen Heinrich erzählt Adalbert Stifters zwei Jahre nach Kellers Beitrag zur Lrzählliteratur des Bürgerlichen Realismus erschienener Roman Der Nachsommer den problemlosen Entwicklu
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Bildung



Auch das Moment der Bildung zielt letztlich auf den Aufbau einer solchen Ordnung 'in uns selber" . Bildung ist die Anerkennung der Ordnung; Bildung und Gebildetsein kommen mithin jenem Mensehen zu, den die Einsieht in die Notwendigkeit der Unterordnung des ,,eigene[n] Innerein]" und der 'Begehrungen" unter die 'Dinge dieser Erde" auszeichnet . Bildung wird von Stifter als ein Reifeprozess vorgeführt, an dessen Ende die Internalisierung solcher Einsichten steht.
      Mit dieser Zielsetzung erweist sich Stifters Nachsommer als ein Bildungsroman, der, im Anschluss an das 18. Jahrhundert, im 19. Jahrhundert die grundsätzlich mögliehe harmonische Synthese von Individuum und Gesellschaft propagiert. In diesem Sinn darf er als ein Roman des Bürgerlichen Realismus beschrieben werden, der, so dezidiert wie kaum ein anderes Werk, die bürgerlichen Werte vorbehaltlos bestätigt und auch keinen Störfaktor in der Kompatibilität von Subjekt und Allgemeinheit ausfindig macht. Diese Harmonie ist allerdings nur um den Preis autoritär verfahrender Ordnungs- und Erzählprinzipien zu haben, die sowohl jegliches Individuelle und Subjektive als auch alle Leidenschaften und Emotionen aussehließen. Angesichts der Belange einer unbedingten gesellschaftlichen Ordnung erscheinen die individuellen Bedürfnisse und das subjektive Wollen unbedeutend. Auf der Grundlage dieser Maxime wird die Rosenhauswelt zu einem autoritär strukturierten und verfahrenden Kosmos, in dem Werte wie individuelle Selbstverwirklichung und der Wunsch nach dem Subjektiven als unreif und störend, weil destabilisierend ausgegrenzt bleiben. Angesichts dieses autoritären Konzepts zur Durchsetzung bürgerlicher Lebensprinzipien hat Arno Schmidt von Stiller wohl nicht zu Unrecht als von einem ,,sanfte[n] Unmensch[en]'"" gesprochen. Der Hintergrund solch autoritärer Phantasien dürften dabei Stifters Erlebnisse in Wien im Jahr 1848 gewesen sein, die er als destabilisierendes Chaos empfunden hatte.
      Aus dem Gesagten ersehließt sieh, dass das Moment der Bildung bei Stifter nieht mehr, wie im klassischen Bildungsroman, mit dem Motiv des Reisens verbunden werden muss. Der Nachsommer weitet die Reise in die Welt und durch die Gesellschaft zwar zu einer Weltreise aus. Heinrich Drendorf bereist fast ganz Südeuropa, und auch den Norden, England, Irland und Schottland lernt er kennen. Diese eineinhalb Jahre währende Reise wird von Stifter jedoch auf weniger als zwei Seiten mehr erwähnt als in ihren Auswirkungen auf den Bildungsgang seines Helden beschrieben. Letztlich trägt die unternommene Weltreise last nichts zur Kniwicklung des Protagonisten bei. Dessen eigentliche Bildungsinstitution ist das Rosenhaus, die Rosenhauswelt. Dieser herausragenden Bedeutung wird Stifter, wie nahezu alle bürgerlichen Realisten durch eine erzählerische Detailerfassung gerecht, die sich der minutiösen Beschreibung und Integration der alltäglichen Gegenstände und Handlungen annimmt. Sie verweist auf Stifters Versuch der umfassenden Rekonstruktion einer harmonisch funktionierenden bürgerlichen Welt aus einer Haltung heraus, die im Rückzug ins Private und Familiär-Ãoberschaubare die eigentliche Domäne des Bürgertums, von Bürgerlichkeit und damit auch einer dezidierl bürgerlichen Bildung und Erziehung erkennt.
      Stifter stellt das Ideal der allseitigen Ausbildung des Individuums über das Nützlichkeitsdenken der bürgerlichen Welt. Hierin ist er sicher kein paradigmatischer Vertreter eines Besitzbürgertums, im Sinne des Bürgerlichen Realismus jedoch schreibt er damit allemal. Mit Ausnahme von Freytag heben alle Autoren des Bürgerlichen Realismus auf die individuelle Bildung ab, wobei auch Keller im Grünen Heinrich die Bedeutung und Funktion von Kunst innerhalb eines solchen Ausbildungs- und Bildungsprozesses exponiert. Zwar hebt Stifter, anders als Keller, im Nachsommer nicht eigens hervor, dass diese individuelle Bildung im Einklang mit der Gesellschaft und auch im Dienste der Gesellschaft zu stehen hat. Angesichts der vorgeführten völligen Harmonie zwischen Individuum und Kollektiv und auch im Hinblick auf die Unterordnung individueller Bedürfnisse unter die Belange einer ausgeglichenen und geordneten Wertegemeinschaft des Rosenhauses scheint ein solcher Hinweis von Seiten des Autors allerdings kaum erforderlich.
     

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