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'Misuk statt Musik - Die Zusammenarbeit mit Kurt Weill, Hanns Eisler und Paul Dessau



In der vom wagnerischen Weihestil geprägten großen Oper sah Brecht den Inbegriff eines historisch überholten spätbürgerlichen Musiktheaters. Das Opernpublikum verspottete er als bürgerliche Kunstkonsumenten, die sich daran gewöhnt hätten, an der Theaterkasse ihre 'Räusche" und 'Benebelungen" einzukaufen statt theatralischer 'Vergnügungen". 'Kulinarisches Theater" nannte er diese Art des Kunstgenusses. Sein Gegenentwurf dazu war eine neue Form des Musiktheaters, die er in Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny realisierte. Er forderte die deutlich erkennbare Trennung der Elemente Wort, Musik und Gestik. Die Musik sei dazu da, den Text auszulegen, Stellung zu nehmen und betrachterische Distanz zu erzeugen, nicht hypnotische Entrückung. Der Sänger sollte eine 'von Musik und Rhythmus unabhängige und unbestechliche Nüchternheit anstreben."


   Brecht erfand für seinen neuen Musikbegriff den abgrenzenden Ausdruck 'Misuk". Der Komponist Kurt Weill, der bis dahin nur mit neutönerischer Musik im Schönberg-Stil hervorgetreten war, kreierte für ihn einen neuen Songstil, zum erstenmal 1927 mit Vertonungen von Brechttexten aus der 'Hauspostille". Der scheppernde, harte Klang der Weill-Songs, in denen Elemente der Schlagerrevue, des Tangos und des Jazz verarbeitet waren, steigerte die aggressive Schnoddrigkeit der Brechttexte, ordnete sich ihnen aber nicht dienend unter, wie Brecht es verlangte. Die Dreigroschenoper verdankte bei der Uraufführung ihren großen Erfolg im wesentlichen der Musik Weills, die mit ihrem ironischen Glanz allerdings die sozialkritische Absicht Brechts eher verstellte als illustrierte. Weill war ein zu eigensinniger Musiker, als daß er sich Brechts Intentionen ganz unterordnen konnte. Musik war für ihn ein originäres Ausdrucksmittel, zumindest gleichrangig mit dem Text. Bei der Berliner Aufführung der Alahaguuuy-Opci entzweiten sich die beiden ernsthaft über ihre unterschiedlichen Auffassungen.
In dem Schönberg-Schüler Hanns Eisler fand Brecht einen sowohl künstlerisch als auch politisch konformen Mitarbeiter. Mitihm zusammen realisierte er seine Bühnenfassung von Gorkis Roman Die Mutter . Es wurde Brechts konsequentestes Klassenkampfstück. Die Form war neuartig: Weder Agitprop-Theater im Stil Piscators noch Songspiel wie die Dreigroschenoper, eher ein revolutionäres Oratorium mit choralartigen Kampfliedern. Vom Schlußchor mit dem Titel 'Lob der Dialektik" sagt Brecht, daß er leicht als ein gefühlsmäßiger Triumphgesang wirken könne, aber Eislers Emotionen hätten nichts mit Rausch zu tun. Im Grunde räumt er damit ein, daß dieses Stück nicht frei ist von theatralischpathetischen Klangwirkungen. Mit Eislers mitunter hämmernder, mitunter feierlich getragener Musik wirkt Die Mutter nicht mehr wie ein politisches Lehrstück, eher wie ein proletarisches Heldenepos im Stil der großen Tagödie.
      Paul Dessau, den selbstlosesten und anpassungswilligsten seiner musikalischen Mitarbeiter, lernte Brecht erst im amerikanischen Exil kennen. Der Sohn eines Hamburger Synagogenkantors hatte mit Liedkompositionen im romantisch-traditionellen Stil begonnen, um sich in den zwanziger Jahren zu einem gemäßigten Neutöner zu entwickeln. 1943 siedelte er von New York nach Santa Monica um, nach Brechts amerikanischem Wohnsitz, um mit ihm die Vertonungen verschiedener Texte zu erarbeiten. Hier entstand 1946 Dessaus Musik zur Mutter Courage.
      Dessau ging bei allen seinen Vertonungen strikt vom Wort aus. 'Brecht war sehr musikalisch", sagt er, 'er gab mir zahlreiche Anregungen, ich habe nur die Sachen aufgeschrieben und mich gar nicht geniert. Da kenne ich keinen Stolz".40Brechts Texte, meinte er, seien schon in sich von hoher Musikalität. So war er auch damit einverstanden, daß seine Melodien nach Brechts Anweisungen 'halb gesprochen" zur Darstellung kamen. Die Musik war nach Brecht dazu da, dem 'Gebrauchswert seiner Texte eine weitere Qualität hinzuzufügen." Paul Dessau, der, sobald er etwas geschrieben hatte, 'auf Nummer sicher gehen" und Brechts Urteil dazu hören wollte42, lieferte ihm diese 'Qualität" in selbstverleugnender Weise. 'Die Musik", sagte er, 'soll stets auf ihre Weise etwas zur Inhaltserhellung beitragen. Sofern sie das nicht kann, ist sie überflüssig."

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