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Biographische und werkgeschichtliche hintergründe

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Der Augsburger Theaterkritiker B. B.



Die ersten Kontakte zur Münchener Kunst- und Theaterszene um 1919 bestärkten Brecht in seinem Vorsatz, mit der Augsburger Provinzialität hart abzurechnen. 'Der Volkswille", die Zeitung der USPD für Schwaben und Neuburg, bot ihm dafür ein ideell konformes, vor allem aber unzensiertes Forum. Bei diesem Blatt arbeitete Brecht vom Oktober 1919 bis Januar 1921 als Theater-Kritiker für Augsburg.

      Der junge Rezensent war nicht zimperlich. Seine Sarkasmen, Grobheiten, Verletzungen, ja bewußten Beleidigungen waren bei Schauspielern und Theaterleitern gefürchtet. 'Ihr habt immer gemeint, das sei was, aber ich sage euch: Es ist nichts als ein Skandal, was ihr hier seht, euer vollkommener Bankerott, eure Dummheit ist es, die hier demonstriert wird, eure Denkfaulheit und eure Verkommenheit"7, so eiferte er mit biblischem Pathos gegen den gesamten Betrieb des Augsburger Stadttheaters. In ihrer kaltschnäuzigen Lapidarität wirken seine Urteile mitunter wie Hinrichtungen. Ãober ein Gastspiel der Ausdruckstänzerin Sacchetta, der er vorhielt, daß sie 'alt geworden" sei, heißt es kurz und brutal: 'Sie ruhe und lasse uns in Frieden".
      Brecht kritisierte nicht, er führte Krieg mit dem Theater, nicht nur um die Aufführungen, sondern auch um den Spielplan. Die Studentenschnulze 'Alt Heidelberg" nannte er ein 'Saustück". Als man sich darüber beschwerte, konzedierte er süffisant: 'Im Ausdruck können Zugeständnisse gemacht werden. Statt Saustück kann Schweinsstückchen geschrieben werden." Er beschimpfte auch das Publikum und warf ihm 'Stupidität" vor. 'Alle diese Leute haben einen falschen Begriff vom Theater".

     
   So schließt er vom Zustand des Stadttheaters auf den Geisteszustand der ganzen Stadt und spricht von der 'Schmierensentimentalität" nicht nur der Schauspieler, sondern auch der Bürger.
      In den Besprechungen von 16 Aufführungen, die Brecht im 'Volkswillen" veröffentlichte, ist eine tendenzielle Entwicklung erkennbar. In dieser Zeit ist Brecht schon selbst Theaterdichter. Zwei seiner großen Stücke und mehrere Einakter liegen bereits vor. Er kennt das Theaterleben von München und Berlin aus eigener Anschauung. In der Auseinandersetzung mit der Augsburger
Provinzbühne wird ihm, zunächst noch widersprüchlich und schemenhaft, sein dramaturgisches Gegenkonzept zum gängigen Theaterbetrieb mit seinen schabionisierten Rollenfächern und seinem hohlen Heldenpathos deutlich. In seinem immer rigoroser werdenden Stilwillen kommt nach dem literarischen sein zweites Talent zum Durchbruch, das des Theaterregisseurs. Wenn man seine Augsburger Kritiken auf einen Nenner bringt, verlangt er hier schon einen neuen Regiestil, eine neue Sprechkultur und die politische Aktualisierung des Spielplans. An anderer Stelle findet sich bereits eine originelle Absage an das, was er später 'kulinarisches Theater" nennen wird: 'Wenn ich ein Theater in die Klauen kriege, engagiere ich zwei Clowns. Sie treten im Zwischenakt auf und machen Publikum. Sie tauschen ihre Ansichten über das Stück und die Zuschauer aus. Schließen Wetten ab über den Ausgang."

   Vom Schauspieler fordert schon der junge Brecht, seine mimischen Mittel nicht zu forcieren, sondern zu reduzieren. Er fordert den 'richtigen, den graden Ton". Zehn Jahre später wird er es programmatisch formulieren: 'Entfernt euch nicht allzu weit von dem alltäglichen Theater, das auf der Straße sich abspielt." Was ihm vorschwebt, begegnet ihm ein halbes Jahr nach Abschluß seiner Augsburger Kritikertätigkeit in der Mimik Chaplins: ein Gesicht, 'immer unbewegt, wie gewachst, eine einzige mimische Zuckung zerreißt es, ganz einfach, stark und mühevoll."

   Der Kritiker Brecht sah das Augsburger Theater mit den Augen eines Theaterrevolutionäres, noch frei von den dogmatischen Festlegungen seiner späteren 'epischen Dramaturgie". Die theatralische Konzeption eines konsequent epischen Theaterstücks wie Mutter Courage gewinnt schärfere Konturen, wenn man sie vor die Folie der frühen Augsburger Theatererfahrungen stellt.
     

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