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Biographische und werkgeschichtliche hintergründe

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Das chinesische Vorbild



Während seines Besuchs in Moskau im Frühjahr 1935 sah Brecht den chinesischen Schauspieler Mei Lan-fang, wie er im Smoking die klassischen Rollengesulten der chinesischen Schauspieltradition demonstrierte. Die Faszination ließ ihn nicht wieder los. Chinesische Philosophie, Dichtung und Schauspielkunst beeinflußten seitdem seine Dichtung. Auch in der Modellregie der Mutter Courage zeigen sich Züge gestischer Ritualisierung aus der chinesischen Theatertradition. Theoretisch hat Brecht das Erlebnisin seinen dramaturgischen Schriften verarbeitet, besonders im Messingkauf und in Der Beruf des Schauspielers.

      Brecht sah in der Festgelegtheit der chinesischen Schauspielkunst, deren Gestik und Choreographie seit Generationen überliefert ist, nicht die Gefahr einer traditionellen Erstarrung, sondern im Gegenteil die Chance für den Schauspieler, durch seine persönlichen Stilvarianten 'Neuerungen aus dem Alten zu entwickeln. "Er beklagt, daß die Gestaltungen westlicher Schauspieler 'mehr oder weniger privaten Ursprungs sind, nichts Typisches bedeuten. "

   Die chinesische Theaterkunst kam seiner Absicht entgegen, zu zeigen, 'wie sich Menschen unter bestimmten Umständen benehmen"49, nicht ein bestimmter individueller Mensch in einer ganz besonderen, persönlichen Situation. Was ihn daher an den Chinesen besonders faszinierte, war ihre Tradition der stilisierten Typisierung in ihrer Masken- und Gestenkunst, einer Art von sublimiertem Puppentheater. Seinen Intentionen entsprach es auch, daß dieses Theater ein sachverständiges Publikum voraussetzte, das die tradierten Muster auswendig kannte und jede Neuerung kritisch zu beurteilen verstand. Ihn beeindruckte es, daß es keine Guckkastenbühne gab, sondern eine nach drei Seiten offene Estrade unter einem von Pfosten getragenen Dach mit nur zwei Türen im Hintergrund für Auftritte und Abgänge, und daß die Zuschauer an Tischen saßen, Tee trinkend und das Spiel kommentierend, statt gebannt in ein 'Bühnenjenseits" zu starren. Vor allem aber bestaunte er die perfekte Verfremdungskunst des chinesischen Schauspielers, der 'allein durch seinen Tanz und Gesang, vor allem aber durch die bis ins einzelne einstudierten Gesten" Flüsse, Bäume, Häuser und Straßen ebenso zu imaginieren verstand wie eine Teezeremonie.
     
   Die Schauspieler des chinesischen Traditionstheaters wurden schon als Kinder für ein festgelegtes Rollenfach trainiert, wie Zirkusartisten. So lernten sie die disziplinierte Körperbeherrschung, die sie zu den ausgefeilten Pantomimen und akrobatischen Handlungseinlagen ihrer Vorführungen befähigte. 'Ebenso wie die Akrobaten wählen die Schauspieler ganz offen jene Positionen, die sie dem Publikum am besten ausstellen .. . Der Artist sieht sich selber zu."
Der chinesische Schauspieler verfügt über ein Repertoire festgelegter Zeichen, mit denen er sozialtypische Zustände ausdrücken kann: Armut, Reichtum, Macht und Unterdrückung. Auch Ge-fühle werden so signalisiert, mit der 'Durchkältung" des Bewußtseins; auf diesen Stil kühler artistischer Versiertheit verpflichtete Brecht sein Theater, als er es endlich in eigener Hand hatte. 'So zu spielen ist gesünder und, wie uns scheint, würdiger eines denkenden Menschen."

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