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Wolframs von Eschenbach «Willehalm» - Annäherung an einen mittelalterlichen Text



Nähert man sich dem «Willehalm», dem zweiten großen epischen Werk Wolframs von Eschenbach neben dem «Parzival», tauchen schon im Vorfeld der Erkundung Signale auf, die schwer zugängliches und unbekanntes Gelände ankündigen. Gewiß, das Werk wird von den wenigen Kennern geradezu emphatisch gepriesen, doch außer ihnen scheint sich hier niemand so recht auszukennen. Der «Willehalm » hat aber auch die Interpreten nie so angezogen wie der «Parzival» oder der «Tristan». Wer das Werk kennt, weiß weshalb. Es setzt jeder Interpretation, vor allem einem auf Einheit des Werks gerichteten Deuten Widerstand entgegen. Tatsächlich kranken die meisten Interpretationsversuche daran, daß sie das Werk auf einen einhelligen Sinn verpflichten oder die auch von ihnen wahrgenommene Disparatheit wenigstens auf eine Einheitlichkeit zurückbiegen möchten. Ich denke, daß jeder solcher Versuche aus der Sache heraus scheitern muß.

      Nehmen wir die Gattungs- und Formfrage. Ob man den «Willehalm» gattungstypologisch als Heldenepos, als höfischen Roman, als Legende oder als Mischform versteht, für alles gibt es Anhaltspunkte, aber eine sichere Zuweisung ist unmöglich. In einer statischen Gesellschaft wie der mittelalterlichen, deren Aufbau von hierarchischen Ordnungsvorstellungen geprägt ist, spielt jedoch die Zugehörigkeit eines Werks zu einer festen literarischen Traditionsform eine ungleich größere Rolle als heute. Im «Willehalm» sind die verschiedenen Gattungstraditionen vermischt und schieben sich unvermittelt ineinander; das Diskontinuierliche, die Durchbrechung der Gattungseinheit erscheint gerade als das Neue.
      Dem «Willehalm» fehlt auch auf einer anderen Ebene die einheits-stiftende Kontinuität. Traditionelle Sinndeutungsmuster, mit denen mittelalterliche Werke Erscheinungen der dinglichen Welt über strukturelle Ã"hnlichkeiten auf Vorgänge der Heilsgeschichte zu beziehen pflegen, fehlen hier fast völlig oder sind, wenn sie erscheinen, perspektivisch und nur punktuell handlungsdeutend. Die Weltgeschichte fügt sich hier nicht wie im « Rolandslied » in ein festes und fest bleibendes überzeitliches Schema. Die exemplarische Deutung von Wirklichkeitoder Figuren ist nirgendwo durchgehalten, vorbildliches Handeln und schuldhafte Verfehlungen treten hart nebeneinander, fast ohne Wertung. Höfisches wird durch Unhöfisches jäh abgeschnitten und ebenso jäh wieder fortgesetzt. Auch unter reichspolitischen oder heilsgeschichtlichen, territorialstaatlichen oder ständeideologischen Gesichtspunkten, so interessante Teilzusammenhänge sie fixieren mögen, ist ein übergreifender einheitlicher Sinn nicht zu konstruieren.
     

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