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Unterhaltungsliteratur



«Afterschrifttum, Anti-, Pseudo-, Talmi-, Mülleimer- und Pfeffertüten-Literatur, Plüschlektüre, Sensations-, Traumliteratur, Schmutz und Schund». Solche und andere, an die 200 Bezeichnungen für die «minderwertige Prosaliteratur», die aus dem Bewußtsein, im Besitz der richtigen Wertmaßstäbe zu sein, formuliert wurden, hat Hans Friedrich Foltin 1965 zusammengestellt und auf ihre Herkunft wie Bedeutung überprüft. Foltins Aufsatz markiert, mit Helmut Kreuzers «Trivialliteratur als Forschungsproblem» von 1967,3 einen ersten Höhepunkt der seit Beginn der 60er Jahre einsetzenden literaturwissenschaftlichen Beschäftigung mit nicht kanonisierten Texten, die früher « vorwiegend Volksbibliothekare, Pädagogen und Juristen beschäftigt hatten». Foltin unterschied wertende Bezeichnungen - wie die eben zitierten -, literatursoziologische, die sich auf Leserschaft, Verbreitungs- und Publikationsformen, Herstellungs- und Verpackungsweisen bezogen, sowie Begriffe, die sich an Themen und Inhalten orientierten, also Genres und Gattungen zu unterscheiden suchten und Bezeichnungen, die von Wirkungen oder Funktionen der Texte inspiriert wurden.

      Wie schwierig die literatursoziologischen und Genrebezeichnungen, weil wenig erkenntnisfördernd und unscharf, im einzelnen auch sind, so erscheinen sie doch allesamt noch unproblematisch im Vergleich mit den wertenden oder gar mit den Funktionsbegriffen. So ruft die klassifizierende Anwendung wertender Bezeichnungen sofort Widerspruch hervor; nicht nur, weil die Gültigkeit der Kriterien bei der Anwendung auf einen Einzelfall bestreitbar ist, sondern weil solche Klassifizierung, gleichgültig, wie sie begründet wird, voraussetzt, daß die Grenzen von Literatur allgemein zu fassen sind.
      Aus der Unmöglichkeit, Teilbereiche der Literatur mit Hilfe einzelner formensprachlicher Kennzeichen textintern auszugrenzen, hat die Forschung Konsequenzen gezogen. War sie in den 60er Jahren angetreten, die von der literaturwissenschaftlichen Orthodoxie vertretene Dichotomie der Literatur in zwei Bereiche, in den kanonisierten untersuchungswürdigen und den der minderwertigen, zu überwinden, so schaffte sie mit diesem ihrem ersten und wichtigsten For-schungsergebnis zugleich den Forschungsgegenstand ab. 1972 schrieb Günter Waldmann: «Es gibt Trivialliteratur nicht als eigenständige Textsorte, also als eigene literarische Ausprägung einer bestimmten Sprachfunktion, und Trivialliteratur errichtet erst recht nicht eine eigene Sprachfunktion, sondern sie enthält in jeweils wechselnden Verhältnissen viele dieser Sprachfunktionen.» Wollte man nun nicht einfach das Rad der Forschungsgeschichte zurückdrehen, so schienen zwei Auswege gangbar zu sein: Zum einen ließ sich das Wertungsproblem, nachdem es auf der textinternen Ebene nicht mehr zu behandeln war, auf der textexternen neu stellen, zum andern suchte man die soziale oder psychologische Funktion der nicht zum Kanon gehörenden Literatur zu erforschen, um der wertenden Dichotomie zu entgehen.
      Die Literaturwissenschaft stellte sich daher bei der die Aufgabe, «die Formen und Bedingungen der Wertung, die ihr ihren Gegenstand erst eigentlich liefert»8, zu reflektieren und damit die textexternen Voraussetzungen für literarische Wertung zu begreifen. Diese komplexe Aufgabe, die im Kern schon 1965 durch Kreuzers historisch-geschmackssoziologische Begründung des Trivialliteratur-Begriffs gestellt worden war,' wurde in der Folge von Arbeiten zur literarischen Wertung theoretisch zwar abgesichert, aber kaum wirklich angepackt.
      Mit der Konzentration auf die Wirkungen der trivialen/unterhal-tenden/etc. Literatur behielt man implizit vielmehr die Dichotomisie-rung der Literatur bei: Gleichgültig, ob man der nicht-kanonisierten Literatur positiv verstandene Ventilfunktionen gegen psychischen oder sozialen Frust zubilligte oder sie negativ als Flucht- oder gar als Manipulationsliteratur im Dienste des herrschenden Systems verdammte - als Texte, die nur im Hinblick auf ihre Wirkung bedeutsam waren, blieb ihre Ã"sthetik auf der Strecke. Zwar sprach man das ästhetisch negative Urteil - wie noch bis in die frühen 60er Jahre - jetzt nicht mehr offen aus, sondern nur noch indirekt, indem man die negativen psychischen oder sozialen Wirkungen hervorhob bzw. diese Literatur nur unter Wirkungsaspekten für untersuchungswürdig hielt; mehr < Fortschritt > war damit aber nicht erreicht worden.
      Hatte man früher literaturpädagogische Ziele durch Verbote bzw. durch < Herauflese-Unternehmungen > zu lösen gesucht, setzte man nun auf die Fähigkeit der Leser, durch Unterricht ihre Lesewünsche zu durch-schauen: Das Ziel blieb Leseverhinderung, und mit dieser ästhetisch negativen Bewertung hatte man die aus der Mißachtung der Lektüre abgeleitete Mißachtung der Leser beibehalten. Angesichts der in die Hunderte von Millionen gehenden Produktion von Heftliteratur, um nur bei diesem literatursoziologisch leicht überschaubaren Marktsegment zu bleiben, mußte angenommen werden, daß diese Literatur tatsächlich die Wünsche ihrer Leser erfüllt. Als Konsequenz ergab sich: Aus der verkitschten Literatur war, um die Terminologie von Hermann Broch zu benutzen, auf den «Kitsch-Menschen» zu schließen."
Um diesen «Kreistanz ums Triviale» zu durchbrechen, war man schließlich bereit, Literaturwissenschaft als Textwissenschaft zugunsten einer Wissenschaft vom Leser gänzlich aufzugeben oder nur noch als sinnloses Glasperlenspiel zu betreiben, indem man das «Postulat der Ã"quivalenz von Rezeptionsvorlage und Rezipient» bestritt.
      Anders als in den bisher vorgeschlagenen Untersuchungsansätzen soll hier weder einseitig Unterhaltung als Angelegenheit des Rezipien-ten aufgefaßt noch die literarische Unterhaltung mit bestimmten Textqualitäten gleichgesetzt werden. Vielmehr gilt es darzulegen, was das für ein Lesevorgang ist, der Unterhaltung durch Literatur stiftet.
      Unterhaltung ist nicht jede Form von Belustigung oder Zeitvertreib. Es genügt auch nicht, die Frage nach dem Begriff von Unterhaltung scheinbar witzig mit « Unterhaltung ist also, was unterhält»'4, zu beantworten und für alle weiteren Fragen die Wirkungsforschung allein für zuständig zu erklären. Literatur zur Unterhaltung von dem begrifflich zu unterscheiden, was wir uns angewöhnt haben, < Dichtung > zu nennen, macht auch und gerade Sinn, wenn damit keine Diffamierung der Unterhaltungsliteratur impliziert ist.
      Erst wenn ich weiß, durch welche Lesehaltung Unterhaltung realisiert wird, kann ich Thesen zu Geschichte und Begriff der Unterhaltung am einzelnen Text überprüfen. Die Möglichkeit solcher Prüfung ist Bedingung für eine literaturwissenschaftliche Behandlung des Themas: Aus der Feststellung, daß es unmöglich ist, inhaltlich, literarisch-strukturell präskriptiv zu bestimmen, läßt sich nicht ableiten, daß am einzelnen unterhaltenden Text gar keine objektiven Beobachtungen zu treffen sind. Die bei Unterhaltung eingenommene Lesehaltung antwortet auf Angebote, die die Texte objektiv machen, und diese Texte bringen nicht bloß Unterhaltung, sondern sind Unter-haltung, d. h. setzen eine eigene Form der Rezeptionshaltung voraus. Allerdings, dies sei vorab gesagt, hilft auch der bestbegründete und neue methodische Ansatz nicht viel, wenn der Blick auf die Sachen der alte bleibt. Solange wir uns von dem , der uns als Literatur zur Unterhaltung angeboten wird, verleiten lassen, diese Literatur generelll ästhetisch schlecht zu finden, kommen wir nicht weiter. Hier ist die Balance wichtig: Weder darf die ästhetische Kritik aus dem Untersuchungshorizont der Literatur zur Unterhaltung ausgeblendet werden, noch darf die Kritik grundsätzlich negativ ausfallen.
      Entstehung der Unterhaltungsliteratur
Solange - von der antiken Formulierung des Topos bei Horaz bis ins 18. Jahrhundert - die Einheit von «Nutzen und Belehrung», von «Lehren und Ergetzen» zu den Grundvoraussetzungen jeder Rede und Dichtung gehörte, war an Unterhaltung in unserem Sinn nicht zu denken. Unterhaltung ist für uns eben nicht das Süße, das dem Nützlichen beigemischt ist, um Tugend und Moral zu befördern, sondern autonome Funktion. Unterhaltung im heutigen Sinne ist also frühestens mit der Aufhebung der aufklärerischen Poetik durch die Genieästhetik, also im späten 18. Jahrhundert zu erwarten.
      Die literaturwissenschaftliche Forschung hat sich daran gewöhnt, « Die Entstehung der moderen Unterhaltungsliteratur » - so der Titel eines Buches von Martin Greiner - in das späte 18. Jahrhundert zu legen. Für diese These sprechen in der Tat eine Reihe literatursoziologische Fakten. So steigt die Produktion von Romanen im Verlauf des 18. Jahrhunderts immer schneller. Ein Paradigmawechsel vom erbaulichen Lesen populärer Theologie zum empfindsamen Lesen von Erzählliteratur ist eingetreten, so daß die Forschung von einem neuen Lesertyp, dem Viel- und Neuigkeitsleser gegenüber dem älteren Wiederholungsleser, gesprochen hat. Autobiographische Angaben aus dieser Zeit, die bis zu 4000 Titel in drei Jahren als Lektüreleistung eines Schülers behaupten, belegen das. Es sieht also zunächst so aus, als ob schon in dieser Zeit sozial notwendige Bedingungen für Unterhaltung in unserem Sinn anzutreffen sind. Das Romanlesen scheint schon um 1770 alltäglich, selbstverständlich, permanent verfügbar und neutral bewertet gewesen zu sein, so daß jedermann, ohne Rollenwechsel und ohne sozialem Druck ausgesetzt zu sein, sich lesend unterhalten lassen konnte.

     
Dieser Auffassung ist entgegenzuhalten, daß zwar die Romanproduktion im 18. Jahrhundert rapide gestiegen ist, aber im Vergleich zur Produktion in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ganz zu schweigen von der heutigen, die absoluten Zahlen immer noch verschwindend klein waren. Waren es am Beginn des 18. Jahrhunderts weniger als zehn Romane jährlich, wurden um die Mitte des Jahrhunderts ungefähr 25 und am Ende 60 bis 150 Romane jährlich publiziert. Auch wenn sie über Leihbibliotheken und Lesegesellschaften ein Vielfaches an Lesern erreichten, ist es doch fraglich, ob diese Produktion schon ausreichte, das Romanlesen alltäglich zu machen. Vor allem widersprechen Art und Umfang der Polemik, die von der Tageskritik das ganze Jahrhundert hindurch gegen das Romanelesen in Gang gehalten wurde, der These, daß schon in dieser Zeit Romankonsum Unterhaltung, d. h. eine sozial neutral bewertete Haltung war.

      Kampf gegen die
Kaum fiel um die Jahrhundertmitte die Romanproduktion zahlenmäßig ins Gewicht und kaum erschienen die ersten deutschen Originalromane, bekämpften die Kritiker erbittert die neue Gattung. Ob von Lessing in Rezensionen der «Berlinischen privilegierten Zeitung» oder von Rezensenten in der «Allgemeinen deutschen Bibliothek » am Ende des Jahrhunderts: Durchweg wird «die Legion deutscher Romanfabrikanten» hart kritisiert. Lessing möchte am liebsten den Leser vom Roman ganz abbringen. Für die «elenden Romane» hat er nur Hohn und Spott übrig; seiner Meinung nach überwiegt in der Gattung «erbärmlicher Schund». Er kennt den Roman nur an, wenn man «Nützliches aus einer Geschichte lernen» kann oder wenn sie « eine Lehre, wodurch man einzig und allein instandgesetzt wird, untrüglich zu erkennen, ob gewisse Handlungen tugendhaft oder boshaft» sind, veranschaulicht.
      Als Generallinie genommen, gilt Lessings Haltung auch noch am Jahrhundertende. So wird 1792 bei einem Frauen-Roman «Leonore Schmidt» von Franz Ehrenberg festgestellt, daß er « für manche Klassen von Leserinnen, wegen der guten, fein deutlich und ausführlich vorgetragenen Moralen, erbaulicher Betrachtungen, heilsamen Warnungen, eine empfehlungswürdige Lektüre sey». Wenn aber Abenteuer geschildert werden, «die nichts als Abenteuer sind»24, so ein Kritiker 1785, verfallen sie dem kritischen Richterspruch, und der

Verfasser wird im Extremfall als «elender Skribent »M beschimpft. Für den Rezensenten dieses Romans bedarf es 1787 noch keiner näheren Begründung für sein vernichtendes Urteil. Der «elende Skribent» macht sich verdächtig allein dadurch, daß er weder wegen einer Tendenz noch um Ruhm zu erwerben, noch um Kunst zu produzieren schreibt und schon gar nicht aus Beruf. Von allen Schreibmotiven, die der Rezensent akzeptieren könnte, nimmt der « elende Skribent» keines in Anspruch. Er schreibt fatalerweise nur so, « als ob es Graupen regnete», er schreibt nur für sich, zur Unterhaltung und zum Unterhalten, zum Vertreiben der « Langeweile »; das ist sein Vergehen.
      Unterhaltungsliteratur wird zum Problem
Fast bis in die 90er Jahre des 18. Jahrhunderts werden Romane, die unterhaltendem Zwecke dienten, in Ã"sthetik und Kritik noch nicht als besondere Klasse aufgefaßt. Erzählungen, die keinen Nutzen zu erbringen scheinen, die also «unterhalten», sind einfach schlechte Romane.
      Am Jahrhundertende aber werden allmählich andere Stimmen bemerkbar, die die unterhaltenden Schriften, ihre Autoren und ihr Publikum als besondere Klasse begreifen. So finden sich zwischen 1785 und 1795 gehäuft Werke, die «Unterhaltung» als alleinige Lesefunktion im Titel tragen. «Unterhaltung fürs lesende Publikum» oder «Etwas wider die Langeweile, für die so es brauchen können, und haben wollen», «Sammlung von Geschichten, Erzählungen und kurze Aufsätze. Mädchen und Jünglinge zur angenehmen Unterhaltung» heißen z. B. drei Titel von Sammelwerken aus den Jahren 1784/85. Gleichzeitig werden immer mehr Titel bibliographisch als Unterhaltungsliteratur eingeordnet. So verzeichnet Johann Samuel Ersch in seinem « Allgemeinen Repertorium der Literatur »Z für das Jahrfünft von 1785 bis T 450, für das nächste Jahrfünft 530 und für die Jahre 1796 bis 1800 ungefähr 680 Titel unterhaltender Literatur in den Rubriken: «Historische Romane im engeren Sinne»; Romane; Erzählungen; Komische Epopee; Romantische Epopee und Rittererzählungen; Morgenländische Erzählungen, Feenmärchen und Geistergeschichten. Zwar begründet sich die Systematik des Bibliographen sicherlich nicht aus dem Wunsch, Dichtung und Unterhaltungsliteratur klar zu trennen; Ersch suchte sichtlich nur ein brauchbares Verfahren, die Stoffmassen zu gliedern. De facto aberrückt seine Systematik, die an Zwecken und an Formen, vor allem aber an Stoffen der Literatur orientiert ist, doch Unterhaltungsliteratur und Dichtung als getrennte Felder ins Bewußtsein.

     
   Auch die Tageskritik spiegelt diesen Trend. Immer häufiger werden unterhaltende Werke als gesonderte «Klassen von Schriften» aufgefaßt, bis schließlich im Januar 1795 zum erstenmal die «Allgemeine Literaturzeitung» dazu übergeht, Sammelrezensionen für die «ephemeren Produkte » der « Legion deutscher Romanfabrikanten » einzuführen. Wie die Unterhaltungsliteratur selbst fallen zunächst auch ihre Verfasser, die «Fabrikautoren» und ihre Leser, die als «der große Haufen, der nur liest, um die Zeit hinzubringen»32, als das « nach Zeittödtung und Verbreitung der Langeweile haschende Publikum» angesprochen werden, nur zunächst negativ in Bewußtsein. Allmählich aber werden so glatte Verurteilungen den Zeitgenossen problematisch. So zitiert ein Kritiker 1799 zustimmend die Vorrede des Romans « Zöglinge meiner Phantasie »: « Der tiefere Menschenkenner fühlt den ewigen Widerstreit der Phantasie mit dem Natürlichen, dem Vergnügen dem Belehrenden.»

   Beim Zerfall der Poetik der Aufklärung entsteht also nicht sofort die Einsicht in die Wünschbarkeit der Unterhaltung, vielmehr wächst zunächst nur das Bewußtsein von der Problematik dieses Wunsches. «Das Herz des Lesers zu veredeln, ohne irgend ein Moralprinzip in Lehrform aufzustellen»35, so wird gemäß der neuen Ã"sthetik die Aufgabe des Romans bestimmt. Statt das Herz zu rühren, an es zu appellieren, um es empfänglich für die Lehre zu machen, soll das Herz nun direkt durch die Darstellung veredelt werden. Die psychische und geistesgeschichtliche Grundlage dieser Ausdruckshaltung war - nach einer Formulierung von Paul Böckmann - «das zu sich selbst gebrachte Individualitäts- und Persönlichkeitsbewußtsein »3S, und von hier aus läßt sich begreifen, warum die Befreiung der Unterhaltung aus dem rhetorischen Verbund mit der Belehrung, die mit der Anerkennung der Autonomie aller Kunst zusammenging, zwar zu einem Problembewußtsein, nicht aber zu ihrer Emanzipation führen konnte.
      Auf dem Hintergrund der Ausdrucksästhetik mußte die Unterhaltung um so stärker abgelehnt werden, je mehr sie ein Eigenrecht forderte. Unterhaltungsliteratur, die ja nicht aus innerer Notwendigkeit, sondern aus einer Laune heraus oder - noch schlimmer - des Gelderwerbs wegen geschrieben wurde, konnte die immensen Anforderungen, die an die Kunst gestellt wurden, um ihre Autonomie zu legitimieren, nicht erfüllen. Die Orientierung an einem großen Publi-kum widersprach geradezu dem Individualitätsprinzip der Geniekunst. Die Unterhaltung mußte vielmehr als Modeliteratur abqualifiziert werden, da Mode nach dem Verständnis der Zeit die « Menschen alle über einen Leisten» schneidet. Als Modeliteratur mußte sie sich überdies dem Vorwurf aussetzen, sie gestalte nicht die ewigen «Geheimnisse der Natur» , sondern richte sich nach den ephemeren Themen des Tages, sei bloß «Eintagsliteratur»38, die nur kurze Zeit wirke. Aus zufälligen individuellen wurde so zwischen 1784 und 1800 eine von Literaten, die notwendig schlecht war. Die Zweiteilung von Erzähl- und Unterhaltungsliteratur war geboren.
      Emanzipation der Unterhaltungsliteratur
Bis hierhin hat im Ergebnis die Heranziehung der Tageskritik als Quelle kaum neue Erkenntnisse gebracht. Tageskritik und die Reflexionen der zeitgenössischen Großkritiker scheinen im gleichen Takt zu verlaufen und die < Literatur zur Unterhaltung > gleichermaßen abzulehnen. Das Bild verändert sich jedoch, wenn man die Tageskritik über die Jahrhundertwende hinaus verfolgt und nicht nur auf die negativen, sondern auch auf die positiven Signale der Kritik achtet. Denn parallel zur Ausweitung der in Erage kommenden Titel mehren sich gleichzeitig die Stimmen, die die Unterhaltung neutral oder positiv bewerten. So etwas wie eine normsetzende Kraft des größer gewordenen Marktes, nicht bloß eine zufällig größere literarische Qualität einzelner Unterhaltungsromane läßt sich beobachten. « Angenehm zu unterhalten» wird als positive Eigenschaft bemerkt. Selbst wenn ein Rezensent feststellen muß, daß eine Erzählung « keinen Endzweck gehabt zu haben scheint», muß er doch dem Verfasser auf der anderen Seite die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie von «ihm» und « von andern mit Vergnügen werde gelesen werden », da sie « die Erwartungen des Lesers» spannt.

     
   Der Erfolg Walter Scotts, James Fenimore Coopers und anderer heute vergessener Autoren führte im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts zu einer fast allgemeinen Anerkennung der Unterhaltungsliteratur. Aus dem Schimpf auf Lektüre, die bloßes Zeittotschlagen sei, wird nun die nüchterne und lobende Feststellung, das rezensierte Werk biete gute Unterhaltung; während die gewerbliche Leihbibliothek 1800 noch als «Verderber der unbefangenen Jugend» bezeichnetwurde, wird sie nunmehr nahezu ausnahmslos nüchtern als größter Abnehmer der < Romanliteratur > beschrieben. Vor allem das Verfassen von Unterhaltung und die Unterhaltungsliteratur selbst werden in den « Blättern für literarische Unterhaltung » unvoreingenommen und gemäß ihren eigenen Konventionen besprochen. Sogar das Schreiben zum Gelderwerb, selbst wenn man es am laufenden Meter tut, wird akzeptiert. So blickt 1830 ein Rezensent mit Achtung und ein bißchen Neid auf den «Novellen-Midas», «dessen fruchtbare Muse jeden Span aus der Rumpelkammer der Weltgeschichte in Novellenstoff verwandelt». Gewiß, es werden nicht alle Produkte des Buchmarktes hochgelobt; aber es fehlt nunmehr der Verriß mit verallgemeinernder Absicht. Ein neues Werk wird nie Anlaß, die ganze Gattung zu verdammen. Zwar bleiben Dichtung und Unterhaltung noch generell getrennt, vereinzelt aber stellt man schon fest, daß auch die « Unterhaltungsliteratur zum ästhetischen Gebiet gehöre».
      Bezeichnenderweise wird diese Einsicht 1845 in einer Rezension « über Dickens' Romane » formuliert. Ãober Autoren wie Dickens oder Scott und die großen Realisten fanden Kritik und das große Publikum zueinander, so daß die Trennung von Unterhaltungs- und Erzählkunst wenigstens partiell und für einige Jahrzehnte aufgehoben wurde. Allerdings blieb die Unterhaltungsliteratur, solange sie durch und im Medium vertrieben wurde, an den Werkcharakter der Kunst gebunden. Sie blieb in Konkurrenz und im Vergleich mit ihr. Autoren des Realismus konnten der Unterhaltung sozusagen ein Gastrecht im literarischen Bewußtsein ihrer Zeit verschaffen. Heimrecht gab der Unterhaltung erst ein Medium, wie es heute das TV ist, das durch seinen Programmcharakter sie von dem Vergleich mit der Kunst befreite.
      Alles ist Unterhaltung: Die Familienzeitschrift
Die Revolution 1848/49 war auch für die Unterhaltungsliteratur ein großer Einschnitt. Die Romanliteratur wurde in diesen beiden Jahren «eine Seltenheit», da «keiner Ruhe fand zu romantischer Darstellung des Erlebten»44. Nach der schöpferischen Pause fanden die Autoren dann eine in vieler Hinsicht veränderte Situation vor. Mit der Revolution verschwanden mit einem Schlag die bisher beliebtesten literarischen Medien; Almanache und jährliche Taschenbücher im Kleinformat und mit Goldschnitt gab es nicht mehr. An ihre Stelle trat mit den

Familienzeitschriften ein Medium, in dem zum erstenmal Unterhaltung in unserem Sinn angeboten wurde. Die Familienblätter waren -anders als frühere Romanreihen und Zeitschriften - völlig auf Unterhaltung hin angelegt und wurden so erfolgreich und durch ihr wöchentliches Erscheinen so alltäglich, daß sie Lesen und Unterhaltung als soziale Gewohnheit durchsetzten. Die reich illustrierten Familienzeitschriften hatten als erster literarischer Zeitschriftentyp Rundschaucharakter. Sie brachten neben dem literarischen Hauptteil Berichte aus allen Gebieten. Marktführer wurde bald die Zeitschrift, die noch heute Synonym für die Gattung ist: «Die Gartenlaube», die ab 1853 erschien.
      Viele dieser rund 350 Abonnementszeitschriften waren überregional verbreitet . Dabei erreichten sie zum Teil große Auflagen. Auf den Spitzenwert von 328000 Exemplaren kam aber selbst die «Gartenlaube» nur einmal bei einer Werbenummer. Insgesamt war der Erfolg dieses Zeitschriftentyps immerhin so groß, daß das Lesen selbstverständlich, alltäglich, sozial neutral wurde.
      Ernst Keil, der Herausgeber der «Gartenlaube», hat 1852 in einem sechs Punkte umfassenden Plan die Prinzipien seines Redaktionsprogramms niedergelegt. In allen Abschnitten dieser Denkschrift, die die verschiedenen Themenbereiche seines Blatts behandelt, sind «populär, illustriert, elegant» die wichtigsten Stichworte, dann erst folgt die «Belehrung». Keil will es dem Leser so leicht wie möglich machen. Dem Leser werden keine Vorkenntnisse, ja keine Motivation abverlangt, indem der Unterhaltung der Vorrang vor allen anderen Zwek-ken eingeräumt wird. So schließt die programmatische Ã"ußerung in der ersten Nummer mit den Worten ab: « So wollen wir Euch unterhalten und unterhaltend belehren. Ãober das Ganze aber soll der Hauch der Poesie schweben, wie der Duft auf der blühenden Blume.» Die Metapher ist präzise. Alles was die «Gartenlaube» bringt - von der Technik über den biographischen Bericht bis zur Erzählung -, hat Sinn nur auf dem Hintergrund des Geistes, der über allem schwebt.
      Die Familienzeitschrift begreift sich als ein einheitliches Medium. Sie weiß, daß ein Medium Botschaft nicht nur hat, sondern ist. Zum erstenmal gibt es ein Medium, das nicht nur ein Programm hat, sondern Programm macht. Dieses Programm wird von Keil « Hauch der Poesie » genannt, da er das Kind aus Publicitygründen nicht beim Namen nennen darf. «Poesie», das klingt gediegen und «elegant»;

  
«Hauch der Poesie» sagt aber schon, daß er es mit ihr nicht so genau nimmt. Keil visiert mit diesem Ausdruck kein Prinzip an, wie es mit dem < Humor > den poetischen Realisten seiner Zeit zur Verfügung stand. Er will die Wirklichkeit nicht verklären, sondern mit ihr unterhalten. Unterhaltung ist in der « Gartenlaube » nicht nur keine der Belehrung dienende Funktion, sie ist auch keine partielle Funktion mehr. Sie trägt vielmehr das ganze Medium. Damit entspricht sie unserem Verständnis von Unterhaltung, wie es heute in den Massenmedien sich darbietet, in denen ebenfalls das ganze Programm als Unterhaltung wahrgenommen werden kann.
      Begreift man Unterhaltung als die eigentliche Botschaft der Familienzeitschriften, dann faßt man Unterhaltung nicht mehr als Objekt auf, das bestimmte Eigenschaften hat, sondern als bestimmte Weise des Mediengebrauchs. Solcher Mediengebrauch ist aber kein rein formaler Vorgang. Unterhaltung vermittelt Welt, ja sie muß es, will sie nicht zum bloßen Zeitvertreib degenerieren. Dieser Vermittlungsprozeß verwirklicht sich in Unterhaltung allerdings auf besondere Weise und bezieht sich in besonderem Maß auf ein Modell von Wirklichkeit, nicht auf diese selbst.
      Lesevorgang: Unterhaltung
Um die Qualität dieses Vermittlungsprozesses und damit der für Unterhaltung charakteristischen Lesehaltung kurz zu entwickeln, sei auf ein kommentiertes Bild aus dem 25. Jahrgang der «Gartenlaube», als die Familienzeitschrift auf dem Höhepunkt ihrer Popularität war, verwiesen. «Ein Husarenstückchen» behandelt 187747 das Thema der Grenzen militärischer Disziplin. Das Bild zeigt, wie bei einer Parade ein Husar die geschlossene Linie verläßt, um ein auf dem Paradeplatz spielendes Kind zu retten. Während das Wörterbuch das Husarenstück als « kühnen Handstreich » kennt, verschiebt die « Gartenlaube » den Begriff ins Humanitäre. Aus der kriegerischen Tat wird ein Friedensereignis.
      Mit der Verschiebung geht zugleich ein Prozeß der Verniedlichung zusammen. Der Konflikt, den das Disziplinthema enthält, wird abgebogen. Die Disziplinverletzung ist wegen der Rettung des Kindes von vornherein begründet. Daher übergeht die «Gartenlaube» auch die genaue Angabe der Folgen, die die Tat hatte: « Dem Husaren sei zwar dafür, daß er mit eigener Lebensgefahr ein Kind gerettet, ein Ehrenzei-chen verliehen, aber zugleich dafür, daß er auf eigene Faust, ohne Erlaubnis und Meldung, aus dem Gliede herausgeritten, die für dieses Vergehen bestimmte Strafe diktiert worden.» Die genaue Höhe der Strafe, immerhin Kerker von zehn Tagen, wird verschwiegen, der Leser bzw. Betrachter wird in keine Fragebereitschaft versetzt; der dramatische Moment bezieht ihn zwar mit ein in das Geschehen, aber die Art der Anteilnahme wehrt zugleich Fragen, die über das human inte-rest-Moment hinausgehen, ab. Der Husar wird nicht zum dauerhaften Bild. Die Konzentration auf den «furchtbaren Augenblick» erlaubt ein Höchstmaß an emotioneller Beteiligung, bietet zugleich aber nur ein Minimum an Erfahrungspotential an.
      Vom Problem, das das Militär gerade in dieser Zeit vorstellt, lenkt die «Gartenlaube» ab, indem sie jede oppositionelle Position durch militärischen Glanz für korrumpierbar ausgibt. Man wird durch das Bild angerührt, aber es macht einen nicht betroffen. «Dauer ist den verloren; sie konnte von diesen irrenden, scheinhaft lebendigen Schemen nicht wiedergewonnen werden. Mitten in der Bewegung angehalten, flehen diese Figuren und Szenen geradezu, daß der Betrachter sie für sich ergänze.» Idee wie Erfahrung fügen sich dem Wunsch nach human interest, schlüpfen ein ins Element des Genres, werden Unterhaltung.
      Ideologische Kritik und Reflexion auf Genre und Geschichte sind möglich, werden aber nicht vom Bild gefordert. Die Betrachtungsweise eines Kunstkritikers muß gleichsam von außen an das Bild herangetragen werden; es ist offensichtlich, daß «Das Husarenstückchen » nicht mit solchen Maßstäben gemessen sein will. Es verlangt als Unterhaltung nicht nur nicht nach umfassender kunstkritischer Interpretation; es regt auch nicht zu solcher an. Nahegelegt werden vielmehr von dem «Husarenstückchen» zwei andere Betrachtungsweisen: Einmal ist ein konzentrierter Rezipient, ein , denkbar, der etwa das Thema der Disziplin würdigt und ein Kenner von Reitkunst, Militär und ihren Darstellungen ist; zum anderen ein genießender Rezipient, ein , der mit schweifendem Blick das menschlich bewegende Moment erfaßt und sich an Bewegung, am Glanz der Uniformen erfreut.
      Der Unterschied zur Kunst ist evident: Sie würde mit Nachdruck auf ihre Interpretationsbedürftigkeit verweisen, Unterhaltung aber verdeckt diese gerade. Die Kunst macht dem Betrachter deutlich, wenn er nicht weit genug gefragt, nicht genau genug gesehen hat. Die Unterhaltung hingegen entläßt den Leser/Betrachter aus dem Zwang,eine Ganzheit wahrzunehmen. Wieviel oder wieweit wahrgenommen wird, bleibt dem Betrachter überlassen. Er kann bei der Unterhaltung den Rezeptionsvorgang an jedem Detail, auf jeder Stufe abbrechen, ohne daß die Unvollkommenheit des Rezeptionsvorgangs deutlich wird. Unterhaltung nimmt die Diskreditierung des dekonzentrierten Lesers, die zumindest seit Schillers Aufsatz «Ãober naive und sentimen-talische Dichtung» die Diskussion beherrscht, zurück.
      Unterhaltung hat immer ein zweifaches Gesicht, sie erlaubt partielle Konzentration und entläßt uns aus ihr - ohne daß wir ein schlechtes Gefühl haben müssen. und sind weder zerstreut wie der leere Freizeitmensch noch fiebrig gepackt wie der Fan. Beide haben ein gewisses Maß an Gelassenheit, das ihnen Distanz läßt, um das Unterhaltungsobjekt wahrzunehmen; beide verstehen auch genug von der Sache, um sie sich im Rahmen ihres Interesses zu erklären. Aber beide sind auch bereit, sich von der Unterhaltung in Bann nehmen zu lassen. Ohne vom gebotenen Ereignis, sei es ein Fußballspiel oder eine Show, fasziniert zu sein, würden wir uns nur berieseln lassen, wäre das, was objektiv Unterhaltung ist, subjektiv Zeitvertreib. Allerdings genügt schon wenig, um den oder gar den < mellow consumer > zu packen. Eine große Leidenschaft würde, wie Tieck einmal zum Thema gesagt hat, nur das Herz zerreißen; lieber erfreuen wir uns mit dem, was « halb ernst und halb launig » zugleich ist.
      Unterhaltung ist immer beides und immer beides halb, hierin liegt ihre geringe Wirkung, aber auch ihre Faszination. Unterhaltung in diesem Sinn ist nicht zu jeder Zeit und nicht in jeder Weise möglich. Vielmehr setzt sie eine befreite Situation voraus. Bitterböse Scherze gibt es, wie uns Hebel und Kleist lehren, zwar auch noch unter dem Galgen. Aber weder das sarkastische Gelächter noch das brüllende Lachen, wenn wir von und an unseren Emotionen gepackt werden, ist Unterhaltung. Unterhaltung, die diesen Namen verdient, spricht den Menschen als gelassenen, entspannten Betrachter an und läßt ihm dadurch immer auch ein Stück seiner Würde.
     

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